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Sophie Reyer

33. snow white-girl


Augen im Spiegel. Prüft sie die Größe der Pupillen. Schwarze Riesenlöcher. Klafft ihr das Blau auseinander. Und die Kontaktlinsen: Auf die Fingerkuppen pfropfen. Das Auge mit Daumen und Zeigefinger aufspreizen. Die Iris saugt die hauchdünne weiße Folie an sich ran. Geräuschlos. Nicht mal ein Flups, denkt sie. Bleibt haften. Einfach so.
Blinzelt sie sich die zellophane Überschicht zurecht. Durchsehfenster im Auge. Nur aus der Seitenperspektive erkennbar.
Jetzt die andere Seite. Dann wieder: Auge im Spiegel. Starres Stiern. Paralysiert, denkt sie. Als ob sich das Hirngewaber unter der Schädeldecke festmachen ließe anhand des Blicks.
Lässt sich, denkt sie. Denkt sie: Angstblick. Als würd sie was scheuern. Denkt sie: Ohrfeigenblick. Frischschlagbar.

Du wirst Fuß nach Fuß wirst Schritte setzen die flache Sohle der Lederschuhe versuchs noch mal versuch zu spüren wie zuerst der Ballen wie sich dann langsam die ganze Sohle abrollt bis nach vorn zu den Zehen und Kies unter deinen Füßen und nein nicht denken dass da nur der Fuß der sich langsam abrollt der langsam reinkriecht in die Erde nein sagen wir rankriecht der an die Erdöberfläche rankriecht in seiner Senkbewegung und noch einmal: Fuß und noch ein Schritt schau das geht doch ganz leicht ohne aber da der Kehlkopf der dir im Hals wetzt ein Apfel nicht runterschluckbar denkst du: Alabasterhaut denkst: Schneewittchen ohne Prinz hats nicht geschafft an dem bitteren Granny- Smith zu ersticken und noch ein Schritt und Fuß und Atem spür den Kies dem Baum neben dir zittern die Blätter der Himmel wolkenlos und graublau die Hitze treibt dir fischigen Schweißgeruch unter den Achseln hervor denk nicht mehr Atem und hör auf die Wellenbewegungen von Brust und Bauchraum dir kotzt sich da schon wieder ein Apfel raus regt sich was im Hals: säuerlich- gallige Substanz die sich in die Höhe würgt wütend würgt und denk daran ein Schritt noch ein und Ballen bis
Zehen tasten sich vor weiß schattiertes Mosaik unter deinen Füßen und denk denk nicht mehr Atem/ Atem/-

Und im Kaffee: Die Türe zur Toilette auf die Seite schieben. Und wieder: Der Blick in den Spiegel. Ob sich die Form der Augäpfel verändert hat. Sie zieht die Mundwinkel nach oben. Grinsefratze. Schieben sich Wulste um die Augen: Lachfalten. Gesichtsstraffung. Blitzendes Zahnweiß und immer Lächeln. Dreht sie den Wasserhahn auf. Die Pulsadern unter den harten Strahl halten. Der drischt auf Äderchen und weiße Haut. Geflecht aus Poren.
Mundtrockenheit. Sie beträufelt sich die Schläfen mit Wasser. Dann: den Strahl mit offenem Mund auffangen wollen. Rinnt in den Rachenraum. Wasser. Gluckert sich weiter bis runter in den Magen.

Und du wirst dich hinsetzen auf einen der Tische Füße überkreuz wirst zurecht rücken/ruckeln und noch einmal schlucken und dann wieder der Atem du knackst mit der kleinen Zehe hör auf deine Wellenbewegungen die sich ziehn vom Bauch bis in den Brustraum langziehn wie sichs hebt aber dir ist nur als hättest du Watte verschluckt/ Luftbläschen aus Wolle oder kleine Kügelchen Wind­geschwin­dig­keiten und der Granny- Smith bewegt sich mit wenn du sprichst hüpft so dahin rauf und runter sagst: Getreide­kaffee mit Milch bitte und das längliche Gesicht der Kellnerin anlächeln und du wirst deine Zehen spür doch einfach da rein in diese kleinen beweg­lichen Knubbel/ Knacksen

Die Kellnerin zieht die Augenbrauen in die Höhe. Sieht sie mit offenem Mund an. Lasche Zunge. Liegt ihr so in der Mundhöhle rum.
Die Augen der Kellnerin weit auseinander. Die linke Iris mit schwarzen Pünktchen gesprenkelt.
Ob auch eine Karaffe mit Leitungswasser. Sie nickt. Presst die Fusssohlen des linken Fußes fest auf den Boden. Die Stirne der Kellnerin wölbt sich leicht.
Sie dreht sich um.
Watschelgang in Richtung Theke.

Du wirst in das zwitschernde Stechen rein­schlucken und atmen und ein bisschen Milchschaum nachspüren mit der Zunge flauschiges Geprickel dass der Raum um den Apfel sich vielleicht ein bisschen sagen wir weitet wirst ihm seinen Platz zurechtschlucken bis er wieder sitzt dieses gallige Säureknäuel die frucht­fleisch­gefüllte schrumpelige Haut im Hals und denk daran atmen in Bauch und Brustraum das breitet Wellen aus die dir vielleicht weißlich sind oder sagen wir wieder Watte die sich bauscht sich unregelmäßig auseinander und wieder zusammen zieht/ Kontraktions­bewegungen oder aber wo ist der Prinz der dir den Schrumpfapfel aus dem Rachen rausküsst oder sagen wir ihn zusammenküsst zu einem kleinen saftlosen Kehlkopf/ Larynx und Häutchen dass da so bleiben und flattern/ flirren darf aber: Snow White du zellophanes Wesen dem sämtliche Hautschichten fehln: nur auf den Apfel haben sie nicht vergessen du Plexiglas du Milch­schaum­geplänkel du Marmorbraut durchlässiges Gewebe aus Glas (glasgeblasen) nur und vergiss nicht zu atmen das schlägt in dir Wellen von denen kann man sich tragen die können einen tragen lassen no prince-


Zittert der Tisch wenn sie die Unter­arme bewegt. Wippt die Wasser­ober­fläche in der Karaffe. Geruch nach Zucchini­kuchen. Die Kellnerin wackelt bücklings in ihre Richtung. Hat die Arme hinterm Rücken aneinander gekrampft. Ihre Kiefer­knochen mahlen. Sieht sie aus dem Fenster.
Pelargonien schütteln die Köpfe. Lassen sich so baumeln.
Das Glas an die Lippen setzen. Nimmt sie einen Schluck in die Mundhöhle auf. Noch einen. Zählt die Gluckser die es braucht bis die Flüssigkeit in Magen­gegend runter­gegurgelt ist. Greift sich an die Bauchdecke. Die hebt sich. Wandert rauf und runter. In Nabelgegend zuckt eine Ader auf. Ruckartiges Pulsieren.

Und wieder wirst du dem Pfropfen im Hals dem verhärteten Eiterpfropfen was zuschlucken aber ist der nicht wasserlöslich und klebt dir weiterhin so im Schlund Schlucksperre auch das Rumrührn mit der Zunge in der Mundhöhle ist nichts als süßes Geplänkel aber und nimm dir Zeit atme dich wellenbewegt dem Aggregat­zustand von Watte zu das rieselt dir dann so in Luftbläschen in den ganzen Körper rein aber auch die können doch nichts als sich wund stoßen an der Apfeloberfläche denk daran und atmen und dass die Gedanken nicht in ein Loch fallen aber hat er dich mit Märchen vollgepulvert bis dir der Kehlkopf zu Blockade wurde hat nur gesagt: karmisch hat dabei ausholend in Richtung Himmel gedeutet Wischbewegung als würd er alles andre einfach wegfegen und noch ein Wort sagen wir Seelen­verwandtschaft/ Partner hat er dir den Apfel aber nicht zurecht­geschnitten dass du ihn in dich reinwürgen hättest können sondern das runde Stecken mit einer Handbewegung in den Schlund reingedroschen dass dich das Atemhohlen jetzt piekst an den Kieferknochen der Hals­schlagader und weiter runter bis in Darm und Gedärm-

Die Kellnerin gießt heißes Wasser in eine Kanne. Streift sich das Haar hinter die Ohrläppchen. Die in der Mitte nach innen gefaltet.
Und wieder: Einen Schluck nachschütten. Noch einen. Dass der Vormittag vergeht.
Dann: Die Blätter der Zeitung zurechtzupfen. Sie auffalten. Buchstabensalate denkt sie. Denkt sie wie schwer einem solche Wörter zu Sätzen zusammenrinnen. Leckt sich die Oberlippe.
Die Kellnerin heranwinken. Und: Ich hätte gern ein Stück Kürbiskuchn.
Runzeln sich die Lippen der Kellnerin zu sowas wie einem Lächeln.

Und du milchhäutiges Schaumgebilde noch brav nachgeschluckt wie er dir den Riesenklumpen reinbugsiert hat in die Kehle vielen Dank und du sanftmütige Weißblüte oder auch Vanilleeishaut oder auch sagen wir flockiges Weiß­brot­geschöpf noch brav weitergedrückt aber der Apfel ging nicht runter und hat er gesagt: du hast ein Gesicht wie eine Puppe hat er gesagt: süßes Spielzeug und ich zieh dir die Strümpfe an die ich nicht tragen kann hat er gesagt Prinzessin du androgyne Vatertochter bin ich süchtig süchtig nach Hellem so wie alle und hast du versucht mit dem Kiefer zu knacken aber es ging nicht da sperrt dir was den Hals ab schnürt dir den Hals zu
hat er gesagt und karmisch und hat er gesagt füreinander und immer bestimmt und sehn wir von Hinten aus wie ein Herz quasi engelgeflügelt ist ja jeder zu einer Seite hin und das stöpselt sich gut zusammen und du hustest schon an dem Brocken im Hals und kannst nicht mehr einatmen durch den Mund es blähn sich dir also die Nasenflügel sagst du ich bin keine Puppe sagt er schaust du ja nur aus wie eine und zupft dir am Kehlkopf ob der Apfel auch gut steckt dass dir kein Wort zuviel da rausgurgelt und-

Teilt sie den Zucchini­kuchen mit der Gabel in zwei Hälften. Teigflaum mit Schokoglasur. Kletzelt die schaumige Masse runter. Stopft sie zuerst in den Mund. Schnell kauen. Bis kleine Klümpchen an den Innenseiten der Wangen kleben. Warum so ein Kuchen einem im Mund auch nicht kleiner wird.
Dann: Schoko­glasur auf die Gabel. Ablecken. Noch einmal. Bleibt ihr alles im Mund, was sie da mit der Zunge in sich reingeschlängelt hat.
Hustet sie. Schaumiger Blick aus ihrem rechten Auge raus. Ob die Kontaktlinse sich verklebt. Steht sie auf. Auf dem Weg zum Klo niemanden anschaun. Atmen. Ein und aus.

Und wenn der Kuchen das bisschen Milch­schaumwatte sich aufbauschen könnt dann wär dir jetzt eine warme Überschichte in Hals­gegend/ könnte der Apfel darin baumeln sich ins Weiche reinlegen keine Arbeit mehr sich die Tagesmahlzeiten entlangschlucken sich herankaun an ja nicht zuviel Kilokalorien vielen Dank-

Zuckt sie mit dem Auge. Rückt die Kontaktlinse dadurch zurecht.
Und am Klo: Der Finger wandert in die Mundhöhle. Sich vor der Muschel krümmen. Und dann: Rantasten. Ist ein kleines Loch im Rachen. Zudrücken.Da rein bohren. Gleich schwappts aus ihr raus.

Und einatmen ausatmen die Wellen­bewegungen haben dich wieder denk daran Fuß vor Fuß und schon sitzt du am Tisch und den restlichen Zucchini­kuchen auf die Gabel spießen und schnell kauen schlucken mit dem Malzkaffee die Kehle runter­gurgeln und Seelen­verwandt­schaft hat er gesagt und du Milchpuppe du/ zieh ich dich an mit meinen Strümpfen und hast du gesagt aber ich mag kein Apfelgrün da reckts sich so in mir und schon stopft seine Faust dir den sauren Brocken wieder rein in die Atmung keine Wattemöglichkeit mehr-

Zahlen bitte.
Die Kellnerin wuselt an ihren Tisch heran.
Ob das WC denn schon vorher- wie solle sie sagen- ob da die Speisereste diese Bröckchen schon vorher.
Sie blinzelt kurz auf. Dann: Die Riesenpupillen der Kellnerin zuwenden. Sagt sie: Hat da wohl wer den Kuchen wieder rausgekotzt. Keine Ahnung.
Sagt die Kellnerin 4, 50. Legt sie ihr abgegriffenes Papier auf die Hände.

Oder auch: Joghurt­mädchen cremiges sagt er karmisch du und ich wir warn mal ein Engel/ so herzförmig gebauscht von hinten und seine Faust ein Apfel den er dir immer tiefer den Hals hinab bohrt dass es dir nur mehr so steckt und dich reckts und ja du wirst selber und schlank bleiben Vanilletraum und seine Faust ruckelt und ritzt dir im Hals sagt er zieh das nicht an sagt er nimm lieber meine Strümpfe und dann Puppen­mädchen fragiles Porzellangesicht oder auch: Schneewittchen sagt er zieh ich dich an und schmink dich und die Perücke oder auch: als wärst du mir so als weißes Wachs zwischen die Finger gekommen und ich knet dich bis du mir -

Sie steht auf. In die schwarze Kordjacke schlüpfen. Die Blätter hinterm Fenster zittern immer noch. Dann: rückt sie den Stuhl zurecht, der beim Aufstehen in die Schräge geglitten ist.
In der Karaffe noch eine Wasserlacke. Darin: Lichtspiele. Die Lampe an der Decke eine gelb glitzernder Spiegelung.
Atmet sie ein. Nur nicht Bauch zeigen. Wischt sich mit der flachen Hand über den Mund. Ausatmen.
Und dann: Stille im Hirn. Mit den Wimpern zucken. Schritte zur Schiebetür hin: Glas.
Betrachtet sie die Plakatwände mit flüchtigem Augenaufschlag. Fleckerlteppich aus Konzertdaten, Kino­programm, Wandzeitungen. Bunt.
Denkt sie: Werd mir einen Button kaufen. Werd sagen: Fuck You.
Stößt sie die Schiebetür nach außen. Dreht sich nicht um.

Und die Füße denk daran lass sie dem Boden aufliegen kann sein dass dich da was durchzuckt dass was raufschießt bis ins Sauersüße rein das dir das Schlucken tranig macht und es direkt beim Hirn raus­katapultiert Snow White dich drückt da so ein Apfel in Schilddrüsengegend bis runter ans Schlüsselbein wo ist der little prince der es zu Mus küsst/ es zerstampft mit den rauen Poren seiner Zunge diesem Pelzgetier das dir dann an Schlund und bis in den Rachen rein
wütet aber
bist das gespiegelte Spiegelchen die
Weißwurze (Haare wie Ebenholz) aber in dir deinen eigenen Pupillen:
paralysed
und dann kipp doch kipp in den Schlaf es
wird dich
keiner
wachküssen,
princess Schneegestöber/ princess Fockenflaum immer
nur du/ dein eigenes Geschlecht das du zurückgeschoben kriegst also
beiß dir auf die Himbeerlippen, Süße den
Apfel schält dir keiner den
schneidet dir
keiner
mundgerecht, snow-
white-
Sophie Reyer   04.03.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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