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Sissy de Leu

scherentier

dann verschwand er in seinem
unterhemd – für mehr als drei
wochen zog er sich darin zurück
seine familie stand herum wie
man am rand eines grabes steht
& öfter als einmal fühlten sie
sich an ein schalentier erinnert
hin & wieder schob ihm seine
mutter ein stück toast in den
ausschnitt manchmal schob auch
er einen vorwurfsvollen blick
heraus – es roch nach gezeiten
(sein kleiner bruder stand
einsame stunden vorm spiegel
in betrachtung seiner tonsillen)
kein freund kam um mit dem
scherentier fußball zu spielen
reporter lichteten sein blau
gestreiftes hemdchen ab – es kam
in den nachrichten – die meteorologen
machten bei der vorhersage
anspielungen auf ihn bis eines tages
der himmel zog von märchenblau
nach mädchenrosa – er „mädchen!
igitt!“ schrie & unverzüglich
mit einem salzigen schwall
erst sein haar dann eins seiner
ohren & schließlich sein
schrumpliges hummergesicht
zur welt brachte & blieb

 

Sissy de Leu   26.05.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Sissy de Leu
Lyrik