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Simone Scharbert
Der Kirschbaum
Seit Tagen sitze ich schon im Kirschbaum. Ich warte. Der Sommer flirrt um mich, ich aber bin unbeweglich. Meistens halte ich mich mit einer Hand am Stamm fest, während ich mir mit der anderen Hand den Schweiß aus dem Gesicht wische. Zäh klebt das Harz an meinen Händen. Es ist mir egal. Ich warte. Ich kauere mit angezogenen Knien in einer der großen Astgabeln im oberen Drittel des Baumes. Ich trage kurze Hosen und man sieht die Schrammen an meinen Knien. Krustige Zeichnungen, die sich von Tag zu Tag verändern und hellrote Narben in meiner Sommerhaut hinterlassen. Mein Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden, der mir hin und wieder über meinen Nacken streift. Barfuß bin ich und meine Zehennägel rosafarben wie die noch frischen Narben auf meinen Knien.
Mein Name flimmert in der Hitze, doch ich bleibe unbeweglich. Ich lehne mein Gesicht an die klebrige Rinde. Mit geschlossenen Augen mache ich mich unsichtbar und ziehe meine Knie näher an mich heran. Die Nachmittagsstille legt sich schwer auf mich. Ich klammere mich fester an den Baum, spüre den Teer unter mir. Schwarz und weich von der Hitze ist er und ich habe keine Angst vor dem Fall. Aber noch warte ich.
Ich öffne die Augen und spähe durch die Blätter. Das eiserne Hoftor ist geschlossen und spiegelt die Wärme wider. Daneben zwei alte blecherne Mülltonnen im Schatten des alten Zwetschgenbaumes. Die Einfahrt selbst ist breit und wird auf der einen Seite von unserer Hauswand und auf der anderen Seite von einem kleinen Randbeet mit einem Holzzaun begrenzt. Der Kirschbaum steht auf dem Beet in der Einfahrt und seine Zweige stoßen bereits an unsere Hauswand. Die Fenster sind geschlossen und die Rollläden zu zwei Dritteln herabgelassen, so dass man das Innere nur erahnen kann.
Alles ist unterbrochen, ich spüre es genau. Ich fühle mich wie in einer Badewanne, wenn ich untertauche und die Luft anhalte. Dann, wenn alles verschwimmt und nichts mehr von dieser Welt scheint. Mein Atem ein ohrenbetäubendes Geräusch ist. Und ich schließlich luftschnappend auftauche und sich wieder nichts verändert hat. Glänzende Badkacheln wie zuvor und an den Armaturen kein einziger eingetrockneter Wassertropfen.
Genau zwei Fenster befinden sich auf der Seite des Kirschbaums. Das Wohnzimmerfenster meiner Eltern und das meiner Tante. Wenn ich mich bäuchlings auf meinen Ast lege und mich langsam nach vorne schiebe, immer darauf bedacht nicht nach unten zu blicken, dann kann ich fast die Scheiben im ersten Stock berühren. Das Fenster meiner Tante. Aber ich bleibe sitzen und schließe wieder die Augen. Trotzdem sehe ich ganz deutlich die Garagentore. Aus meiner Sicht das linke gehört meinem Onkel. Seit drei Tagen hat es sich nicht geöffnet und geschlossen. Alles steht still. Niemand spricht mit mir, nichts dringt zu mir. Nur der Sommer flirrt.
Unerträglich spüre ich seit Tagen das Geheimnis. Es legt sich abends zu mir ins Bett, steht mit mir auf und jetzt sitzt es auf meinem Knien mit mir im Baum. Inmitten der Kirschen halte ich es in den Händen, spüre die warme Rinde und warte.
Für einen Moment glaube ich, wenn ich die Augen schnell öffne, dann ist auch das Garagentor wieder offen. Ich hole tief Luft, drehe meinen Kopf in Richtung der Garagen und schlage dann meine Augenlider auf. Aber das rostfarbene Tor bleibt geschlossen, der Sommer flirrt und ich reibe mir die Angst von den Augen.
Mit einem langgezogenen Quietschen öffnet sich unsere Einfahrt und zerreißt den Nachmittag. Die beiden eisernen Flügel hängen nun leicht schief in ihren alten Verankerungen und ich beobachte wie das Auto meines Vaters langsam in die Einfahrt rollt. Vor den Garagen hält er an, steigt aus und öffnet unser Tor. Er fährt den Wagen in das gemauerte Dunkel und zieht das Garagentor mit Hilfe einer Kordel auf der Innenseite nach unten. Mein Leben lang werde ich mich an die orangefarbene Plastikkappe erinnern können, die am Ende der Kordel befestigt ist. Wieder Stille. Nur seine Schritte hallen in der Hitze. Er geht die Einfahrt zurück, die Arbeitsmappe in der Hand und schließt auch dort das Tor. Erst jetzt scheint er Feierabend zu haben, er legt seine Tasche auf die rechte Mülltonne, zieht sein Sakko aus und krempelt die Hemdsärmel nach oben. Ich blicke zu den Garagen. Drei braune Quadrate in einem weißen Rechteck, der Sommer flirrt und ich warte.
Ich lasse meine Augen geöffnet und beginne die Kirschen in meinem unmittelbaren Blickfeld zu zählen. Rot glänzend, dunkel werdend hängen sie vor mir und ich versuche sie voneinander zu unterscheiden. Ihren Geschmack deutlich im Mund, präge ich mir die einzelnen Kirschen ein. Sie unterscheiden sich vor allem durch die Stellen, an denen die Vögel ihre Schnäbel in das weiche Fleisch getrieben haben. Ich überlege, welche Kirschen zu einander passen und welche Namen ich ihnen geben könnte. Kleine Kirschfamilien lege ich an: Unsere Familie, die Familie meines Onkels und ich. Ich bin meine eigene Familie.
Wie ein Echo tönt mein verhasster Name in der Einfahrt. Träge hänge ich zwischen den Kirschen auf meinem Ast und versuche im Stillstand zu verweilen. Jede Bewegung scheint mir in unendlicher Ferne zu liegen. Ich schließe und öffne abwechselnd die Augen. Keine Veränderung. Der Sommer flirrt, mein Name wiederholt sich, ich aber warte noch.
Der Sturz kommt dann völlig unerwartet. Das Rot an meinem Knie hat die Farbe der Kirschen und die Übelkeit auf meiner Zunge ist schwarz. Das Flirren ist vorüber, der Teer heiß und hart. Das Warten hat ein Ende und ich übergebe mich. Lege mir die Hände auf meine Ohren. Versuche alles wieder in den Stillstand zu zwingen. Blut fließt aus meinem Knie und hinterlässt eine merkwürdige Zeichnung auf unserem Hof. Alles ist anders, nur mein Name nicht.
In der ersten Nacht nach dem Tod meines Onkels kann ich kaum schlafen. Mein Knie schmerzt ebenso wie die vielen Fragen, die mir niemand beantworten will.
Selbstmord, sagt schließlich jemand und verschließt das Garagentor. Hilflos stehe ich in der Einfahrt und verstehe die Antwort nicht. Meine Kindheit hängt träge im Kirschbaum, der Sommer flirrt nicht mehr und mein Knie heilt nur langsam. Erst als die Narbe kaum noch zu sehen ist, beginne ich langsam zu verstehen.

Simone Scharbert    29.01.2006    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Simone Scharbert
Prosa