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Sandra Niermeyer
Zugfahren
Du stehst draußen am Fenster, dein Gesicht dicht vor der Scheibe, die Augen ein wenig zusammen gekniffen. Ich kann dich besser erkennen als du mich, das weiß ich. Innen ist der Abschied leichter als außen. Du warst traurig, als ich gefahren bin, du konntest mich durch das verspiegelte Glas kaum noch sehen, hast du mir das letzte Mal geschrieben. All die vielen Abschiede. Ich beuge mich vor, dir zuliebe. Du formst ein paar Worte mit den Lippen. Ich antworte dir, stumm, bewege die Lippen deutlich. Sage mehr als du verstehen kannst und bin mir meines lautlosen Lachens, meiner tonlosen Gebärden bewußt, als mein Sitznachbar von seinem Laptop aufsieht, meine Bewegungen mit seinen Augen verfolgt und ebenfalls einen Blick durch die Scheibe nach außen wirft. Ein Pfiff ertönt, ich gebe dir mit der Hand ein Zeichen, daß du nicht so nah vorm Zugfenster stehen bleiben sollst, daß es gefährlich ist, so dicht am Rand zu stehen. Du siehst meine Hand nicht, hast schon Mühe, mein Gesicht zu erkennen. Dieses Mal schaffen wir es ohne Weinen. Als der Zug anfährt, winken wir uns lachend zu. Ich winke noch, als ich weiß, daß du mich schon gar nicht mehr sehen kannst. Sobald du einen Meter vom Fenster entfernt stehst, kannst du nur noch dein eigenes Spiegelbild erkennen, winkst dir selber zu.
Ich lasse mich in meinen Sitz fallen, hole sofort mein Buch heraus. Fühle mich noch merkwürdig von dieser Verständigung wie in einem Wasserglas, ein Fisch, der seiner Umwelt versucht etwas mitzuteilen, aber diese steht draußen wie in einem anderen Land.
Mein Nachbar hat Kopfhörer an seinen Laptop geschlossen, er holt seinen Pager oder Palm Manager heraus und noch ein, zwei Geräte, von denen ich nicht weiß, wie sie heißen und schon lange nicht, wie sie funktionieren.
Ich fühle mich altmodisch, wie immer in Zügen, umgeben von Reisenden, die auf dem neuesten Stand der Technik sind, besonders wenn ich morgens reise und die Mitfahrer den Zug in ein fahrendes Büro verwandeln.
Ich schäme mich fast, einen Notizblock hervorzuholen und etwas zu notieren. Wer macht das heute schon noch, mit einem Stift etwas auf Papier zu schreiben, jeder erledigt das auf elektronischem Wege. Ich packe den Block schnell wieder weg, lasse den Kuli in der Tasche verschwinden. Eine Reisende aus einem anderen Zeitalter, hat noch nicht erfahren, das so etwas wie Papier heutzutage niemand mehr mit sich führt. Mühsam Buchstaben neben Buchstaben zu malen, ist etwas, das man sich nicht mehr erlauben kann.
Ich hebe mein Buch von den Knien auf, "The Fermata" von Nicholson Baker.
Er ist reist ebenfalls durch die Zeit, kann Zeit nach Belieben anhalten. Wenn er seine Brille hochschiebt, seinen Kugelschreiber nach unten drückt, hört für alle anderen die Zeit auf, für ihn jedoch läuft sie weiter und er kann sich unbeobachtet in diesem Zeitloch bewegen.
Diese Freiheit nutzt er hauptsächlich dazu, Frauen auszuziehen und ihren nackten Körper zu betrachten. Wenn er seine Neugierde gestillt hat, zieht er die Frau wieder an, rückt ihren Kragen zurecht, und läßt die Zeit weiterlaufen, ohne sie jemals wissen zu lassen, daß er erfahren hat, daß ihre Schamhaare ein viel helleres Braun haben als die Haare auf ihrem Kopf und sich auch anders anfühlen, weicher, und daß das Muttermal auf ihrem Rücken, direkt über ihrer Pofalte, ihn in seinem tiefsten Herzen gerührt hat.
Ich stelle mir vor, ich könnte das, mit dem Klicken meines Kugelschreibers hätte ich alle im Zug in Erstarrung versetzt, wäre die Einzige, die sich noch regen und ungeniert beobachten könnte.
Mein Nachbar säße bewegungslos vor seinem Laptop. Ich könnte alles mit ihm machen. Er trägt ein kariertes Hemd und eine beige Hose. Das Hemd spannt ein wenig über seinem Bauchansatz. Ich möchte nicht wissen, wie er nackt aussieht. Seinen Penis zu inspizieren oder nachzusehen, ob er Haare auf der Brust hat, interessiert mich nicht. Die Vorstellung, an seinen Klamotten zu nesteln, befremdet mich. Es reizt mich nicht, meine Mitmenschen zu entkleiden. Während er mit der einen Hand die angeschlossene Maus bedient, zuckt seine andere Hand auf seinem Knie. Sein Mund ist leicht geöffnet, wie um seine Konzentration durch ausreichende Luftzufuhr zu unterstützen. Der unterste Knopf seines Hemdes, bevor das Hemd im Hosenbund verschwindet, ist offen. Das alles sehe ich aus den Augenwinkeln. Mir reicht es, Menschen zu beobachten. Ich muß sie nicht anfassen.
Im Moment habe ich viel Zeit zum Beobachten, ich stehe an Bahnhöfen, sitze in Zügen, warte in Bahnhofscafes, einen Kaffee und ein Buch vor mir, sehe mich um, versuche die eine Stunde Aufenthalt herum zu bekommen, beobachte Reisende jeder Colour, jedes Alters.
Bei all dieser Mobilität habe ich das Gefühl von Stillstand, als würde ich in diesem Gehetze und Gedränge um mich herum einfrieren, aus der Menge herausfallen, und bewegungslos dasitzen, abwarten.
Mir kommt der Gedanke, daß mehr passiert, wenn das Leben geregelter ist, in festeren Bahnen verläuft, und daß in diesem Zustand, bei diesem Hin- und Herjetten zwischen zwei Städten, das Leben sich zurückzieht, wartet, und sich erst wieder hervorwagt, wenn ich zum Stillstand gekommen bin.
In der letzten Zeit war ich keine drei Tage an einem Ort, Bahnhöfe und Flugwartehallen sind mein Zuhause geworden, und in ihrer Austauschbarkeit erscheinen sie mir fast vertraut. Das Lähmende und Erschöpfende, das von ihnen ausgeht, fällt mir kaum noch auf, der Wartezustand läßt mich glauben, er sei ein normales, vertrautes Gefühl.
Wie wäre ein ruhiges Leben mit fester Wohnung und geregelten Arbeitszeiten, habe ich dich gefragt, ein Leben, in dem sich in dem scheinbaren Stillstand mehr ereignen kann, als wenn im Außen soviel Bewegung ist.
Wir haben gesagt, ein Jahr noch, dann muß die Entscheidung fallen, zu dir oder zu mir.
Wir werden würfeln müssen, oder Streichhölzer ziehen.
Mein Nachbar ist eingeschlafen. Er hält die Hände über seinem Bauch verschränkt. Seinen Mund hat er immer noch geöffnet, als wollte er auch im Schlaf die Konzentration nicht aufgeben. Er hat nicht auf mein Buch gesehen, den Titel zu lesen versucht, etwas, das ich bei den Büchern meiner Mitreisenden immer mache, das mich schon manchmal in peinliche Situationen gebracht hat, wenn ich meinen Kopf allzu sehr verrenkt habe, um einen Blick auf das Cover zu erhaschen und mein Mitreisender das Buch entweder höher hielt, um mich in meinem Bemühen zu unterstützen, oder es auf die Knie drückte und mir das Entziffern des Titels absichtlich unmöglich machte. Vielleicht interessieren ihn Bücher nicht.
Mein Handy klingelt - ja, ich habe ein Handy, ich habe meinen jahrelangen Widerstand gegen dieses Gerät aufgegeben - eine SMS von dir: ich vermisse dich jetzt schon, schreibst du. Antworten kann ich dir nicht, wir fahren durch einen Tunnel und ich bekomme keine Verbindung.
Wie wäre eine Wohnung auf Schienen, habe ich dich gefragt, eine Wohnung, die uns folgt, zu der wir nicht heimfahren müssen (wie du sagst) oder nach Hause fahren müssen, wie ich sage. Du hast dich den Sprachgepflogenheiten deiner Stadt angepaßt, ich habe meine behalten, die Stadt und die Sprache.
Ich klappe das Buch zu und schließe die Augen. Wenn ich sie wieder öffne, bin ich zu Hause, während du noch daheim bist.
Sandra Niermeyer    29.07.2009     Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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Prosa