René Hamann
Frühjahr
Der Zug setzt sich in Bewegung. Erst langsam, dann unmerklich beschleunigend. Die Fahrgäste sitzen gleichmütig auf den Polsterungen, die Köpfe auf Händen gestützt, mit den freien Händen blättern sie durch Bücher und Zeitschriften, Finger berühren die Knöpfe einer Tastatur, Beinpaare legen sich übereinander oder werden ausgestreckt. Die vorhandene Luft bewegt sich kaum, kleine Ströme wirbeln durch schwarze, zudrehbare Ventilatoren und Filter aus Plastik, die Klimaanlage regelt das Temperaturverhältnis. Die Strahlen des Fixsterns werden von einer getönten Plexiglasscheibe abgewiesen, die Scheiben lassen sich nicht öffnen und verwandeln den Zug in ein fahrendes Gefängnis auf Zeit. Die Stimmen sind kaum verständlich, Broken English am Nebentisch, Radios auf zwei Beinen, die aus außerirdischen Stationen senden, ein Gerappel mit Untertassen, dem silbern glänzenden Besteck, dann wieder Gesprächsfetzen, die sich höchstens auf ihre Tonvariablen prüfen lassen, die der eigenen Sprache erstaunlich ähnlich sind. Auch die Handbewegungen, die Gesten, die Mimik sind weitestgehend dieselben. Das soziale Verhalten ist allerdings unterschiedlich, wie sich herausstellen wird, hier steht die gesamte Runde auf, um den Gastgebern beim Abräumen des Tisches zu helfen, hier ist ein versehentlich mitgenommenes Feuerzeug ein Skandal. Dafür werden Wangen hingehalten, Abschieds- und Begrüßungsrituale, eine Zitronenscheibe ans Colaglas gesteckt, eine Karaffe mit Wasser zum Kaffee gereicht. Ein Gruß im Bordrestaurant, im Autobus zum Programmkino, das sich in der Vorstadt befindet und vom Ruhm früher Jahre zehrt. Manchmal darf geraucht werden, nach dem Essen, im Auto, im Vorsaal, im Hauptsaal, im Café am Komödienplatz, und niemand ist so schön wie der blaue Rauch der Zigarette, oder der graue, und niemand ist so gut.
Ein anderer Zug ist zu einer anderen Zeit denselben Streckenabschnitt gefahren, vom nördlichen Kopfbahnhof der dunkel leuchtenden Hauptstadt aus in Richtung einer Großstadt am Rhein. Der Zug durchquerte die belgische Landschaft, Hügel und Wälder, Wiesen und Kanäle, früher Frühling, während ein Walkman eine rauschhafte, melancholische Gitarrenmusik spielte, ein Freund in einem Buch eines französischen Autors las und ein junger Körper von einem verbrauchten, alten Körper zwecks Fahrkartenklärung in das Nachbarabteil gebeten wurde. Augen, die sich musterten, und Stimmbänder, über die diverse Laute verschiedener Sprachen gedrückt wurden, ein stotterndes Funken, Blicke und Aufregungen, eine Zigarette im Gang. Eine Heimreise, die gegen einen Urlaub steht, eine Tante wohnt in derselben Stadt. Manchmal wird ein Engel geschickt, und meist geschieht das in Zügen, jedenfalls wurde das in einem Buch behauptet, dieser Engel hier im Gang bei den klappbaren Aschenbechern hat lange, blonde Haare. Weitere Zigaretten wurden angezündet, bis sich der Zug dem Zielbahnhof näherte, eine Verabredung wurde getroffen, der Engel brauchte einen Reiseführer, einen Begleiter durch die Nacht, jemand, der die einheimische Sprache beherrscht.
Nach drei Tagen konnten endlich gemeinsame Erlebnisse angegangen werden, ein Konzert einer amerikanischen Bluesband, anschließend eine Bar, dann ein gemeinsamer Gang zur U-Bahn. Die nächste Verabredung zum Frühstück in ein Café, in eine Ausstellung, ein Essen, wieder eine Bar, am dritten oder vierten Tag der erste Kuss auf der knallorangenen Plastikbank einer U-Bahnstation.
Die Liebe, die Einsamkeit, der Frühling. Während sich die Kälte verkriecht und die ersten Pflanzen sich den Weg durch die Erde ins Freie, an die Luft suchen, nähern sich zwei Körper aneinander an, entblößen sich, öffnen und schließen sich. Körper als Blumen. Körper als Insekten. Kommen diese Körper aus verschiedenen Städten, kann es passieren, dass sie sich nach der Affäre nie wieder begegnen werden. Sie werden sich meiden, sie werden sich nicht zu meiden brauchen. Lebensläufe, die sich kreuzen und auseinander laufen. Es gibt keine Krisen, nur Erinnerungen. Auch daran, dass in der Zwischenzeit jede Zweisamkeit vermieden wurde - immer gab es eine Gesellschaft. Eine Party, ein Essen, ein Konzert, ein Kinofilm, ein Tanzabend. Es gab Alkohol und süße, weiche Drogen und damit die Unmöglichkeit einer Ernsthaftigkeit (aber die Leichtigkeit des Augenblicks). Morgens ein klingelndes Telefon, ein Termin in der Stadt (Gymnastik), ein Freund, eine Freundin, mit dem, mit der man sich zum Frühstück verabredet hatte. Da halfen nur noch Viren. Dann eine Verwandtschaft, die mit Argusaugen alles kontrollierte und nichts zu respektieren schien, ein Amnesieanfall am Abend, ein misstrauischer Blick beim Kuss am Nachmittag. Wie einstudiert scheinende Abläufe: Ausgehen, sich umarmen, Schallplatten hören, die Familie bestaunen, zur Gymnastik gehen, zur Uni, heiraten, durch die Stadt schlendern, Menschen treffen, Klamotten oder Waffen kaufen.
Morgens läuft der Fernseher und zeigt Serien mit schnell bewegten Zeichentrickfiguren mit gepitchten Stimmen. Auf dem Gasherd pfeift eine Chromkanne, dann kommen die Freunde und spielen sich beim laufenden Fernseher Akkorde aus Stücken von Nirvana vor, es wird auch geredet, aber nichts von Bedeutung. Der Fernseher reflektiert einen Sonnenstrahl, der an die weiße Wand hinter dem alten Plüschsofa geworfen wird, ein Kontrast zu dem Muff, der aus den Kissen steigt. Nach dem Frühstück ein Spaziergang durch die Stadt. Rauf und runter durch die Straßen einer fremden Filmkulisse. Palmen und Sandstein. Hinter schiefen Treppen öffnen sich kleine, schmucke Plätze mit roten Plastikstühlen und einem Springbrunnen in der Mitte. Der nächste Café au Lait, die nächste Zigarette aus dem Schuber. Streunende Katzen, angeleinte Hunde. Einkaufende Frauen, arbeitende Männer. Die Universität könnte aus dem Mittelalter stammen. Die im Museum am Komödienplatz ausgestellte Kunst lässt zu wünschen übrig. Die Häuserzeilen in der hinaufführenden Palmenallee sind aufpoliert wie die gesamte Stadt. Hinter den Kulissen milde Sexszenen, verstörtes Geschiebe auf einer zu schmalen Matratze und immer wieder Unterbrechungen, weil die Kondome im Bad sind. Unten flanieren Passanten.
Ein Zug fährt in einen Bahnhof. Der Fixstern am Horizont lässt ein Augenlid blinzeln, vorher wurde eine Fahrkarte mit französischem Geld erkauft, es ist ein warmer Frühlingstag. Der Zug, der unter seiner Abkürzung TGV bekannt ist, wird seinen Weg durch die Einöde in Richtung der Hauptstadt fahren. Eine Rockformation namens Today Is The Day wird am Abend in der Stadt spielen, die in Eile und Verzweiflung verlassen wird, Koffer und Ticket, während in einer anderen, entfernten Stadt ein Zimmer wartet, kalt und sinister, achtlos mit Wäscheständern vollgestellt, fehlende Szenen. Anrufe erfolgen, die nicht beantwortet werden. Eine verstörte Großstadtkatze schleicht sich ins Zimmer und uriniert in eine Wäschebox. Leere Flecken in einem frisch bezogenen Bett, das im Weißlicht eines Sonntagmorgens bekrochen wird, eine Decke wird zum Schutz herangezogen, bis auf Halsschlagaderhöhe, dann folgt ein klammer Schlaf, der traumlos bleibt und auch sonst nichts bietet. Beendet wird er von einer ungebetenen Visite am Mittag, die Waschfrau, die sich besorgt über die Wiederkehr dieses anderen, abgekoppelten Körpers zeigt, lose Worte, halbgare Erklärungen. Ein Wiederhineinfinden in die Realität der besetzten, dann freigemachten Räume, der Wäscheständer lehnt kleiderlos im Badezimmer, die Katze schmollt in ihrem Plastikhaus.
Vorher war ansteigendes Fieber. Im Bett ein Streitgespräch. Ein Platzverweis. Ein Verhandeln darüber, was schief gelaufen ist und was zu tun sei. Dann Schweigen. Eine diffuse Barriere. Von schräg oben fiel Musik in den Raum, ein kleiner Leierkasten, ein Ghettoblaster mit gedrückter Wiederholungstaste, der da stand, wo sich in anderen Räumen ein Kamin befinden könnte, und immer wieder Perfect Day. Was die Kommunikation nicht unbedingt förderte. Die schnelle, nie bereute Entscheidung (stand sie schon vorher fest?), die Szenerie, die Stadt, die Situation, die Verbindung sofort zu verlassen. Die Auflösung eines Missverständnisses, ohne ein Missverständnis aufzulösen. Die schnell zusammengepackten Sachen, das Checken einer Uhrzeit, der unmittelbare Plan, es direkt am Bahnhof zu versuchen.
Das verlassene Zimmer mit Blick auf die Palmen. Ein hustender Körper, hingelegt auf eine Klappcouch und zugedeckt, mit zu heißem Tee gefüllt und Rauch aus einer Nelkenzigarette, wie viele Stunden wird er daliegen und dem Rascheln, dem Murmeln, den Schritten und wortlosen Gesprächsfetzen von der Straße folgen, dem Genuschel des amerikanischen Sängers, der rotierend vom perfekten Tag singt, den hier niemand erlebt hat, bis ein trötender Summer ertönt, jemand wartet, durch die Gegensprechanlage anfragt, hochkommen zu dürfen? Oder wird es eine Antwort sein wie: "Das ist nicht der Tag, komm ein anderes Mal"? Vielleicht wird er nicht sprechen, sondern nur auf den Türöffner drücken. Schritte werden folgen, durchs Treppenhaus hallen, näher kommen, ehe die Wohnungstür schüchtern angeschoben wird, nachgibt, an das unglücklich stehende Schränkchen stößt und aufschreit, gefolgt von einem menschlichen Laut, der wie "Oh" klingt oder wie "Hoppla", und dann werden die Schrittlaute synchron mit den Bildern eines anderen Körpers, Beine, Schuhwerk, und der andere Körper wird lächeln, besorgt aussehen, eine Frage stellen, die nach dem leeren Zimmer fragt, nach dem Grund dafür. Und dann ein Zusammensinken, ein Ausweichen, ehe Erklärungsformeln folgen, begleitet von Tränen, durch Kopfschütteln beim besuchenden, in der Hocke neben der Klappcouch befindlichen Körper, und dann Verwünschungen und Ratschläge, je nach dem, wie lange dieser Moment schon anhält und dauern wird.
Verlassen, verlassen werden. Die Entscheidung für einen Körper, für ein Substitut, da man einen anderen Körper sexuell nicht erreichen konnte. Geschichten, die sich überlappen. Das Ende, der Anfang der einen, der zweiten, welche wird erzählt? Wie ist die Handlung, kommt es darauf überhaupt an? Eines Tages kommt eine Postkarte mit einem Billigmotiv aus einem Werbeständer in einer unterbelichteten Bar in der fremden Innenstadt. Mit Kugelschreiber hingepinnte Sätze, krakelig und matt, sie erzählen vom Wunsch nach Kontaktwiederaufnahme. Die Postkarte ist durch Hände gegangen, von der schreibenden Hand in einen Briefschlitz, in die Hand eines Öffners, eines Sortierers, eines Transportierenden, noch eines Sortierers, sehr viele sortierende Hände, bis sie schließlich durch eine Hand in den Briefkasten fällt, von einer Hand genommen und umgedreht wird, Pupillen ziehen über die Schrift her, die Karte wird nochmals gewendet, einige Befindungsgedanken werden gedacht, und dann wird sie in eine Tasche gesteckt, oder mit hinauf genommen (wie ein anderer, ein neuer Körper), und auf einen Resopaltisch abgelegt. Dort wartet sie auf den nächsten Befund, der am Abend erfolgt, Tage später, nie, und irgendwann verschwindet sie und bleibt unbeantwortet. Oder sie ist gleich fallen gelassen worden im Treppenhaus, zu den Werbebroschüren und Einwegzeitungen, die von anderen Händen aufgesammelt und entsorgt werden, vielleicht stutzen diese Hände, wundern sich über eine Postkarte, die einen konkreten Adressaten aufweist, stecken die Karte zurück in den Briefkasten. Und am nächsten Tag sind es abermals Hände, die sich über das Wiedererscheinen der Postkarte wundern, sie ungläubig drehen und wenden, dieselbe Schrift, dieselbe Botschaft, dasselbe Motiv, und diesmal richtet sich der Blick auf die Papieransammlung auf dem Boden, und mit einer Geste der Verärgerung wird die Postkarte in die Tasche gesteckt, wandert mit nach draußen, auf ein Treffen im Café, wird vorgezeigt und von vier Augen befunden, Sätze werden getauscht über den Inhalt, eine Geschichte wird noch einmal erzählt. Und die Postkarte wird vergessen und bleibt in Erinnerung, wird bedacht ein paar Tage, bis das Ergebnis feststeht, sie endgültig in den Müll geworfen wird, den richtigen, und unbeantwortet bleibt. Vielleicht wird man sich erinnern, im Zuge dieser Geschichte, die mit zwei verkühlten Körpern in einer steinigen Wohnung im warmen Süden begann, mit zwei rauchenden Mündern in einem Zug auf der Fahrt von der Hauptstadt in die ausländische Provinz. Vielleicht auch nicht.
René Hamann, Köln, Juli 2001,
überarbeitet und beendet in Berlin, August-Dezember 2005.
René Hamann 06.06.2007 Druckansicht 

|
René Hamann
Prosa
Lyrik
 |