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murd besorgt es dir

"murd, hier möchte jemand ein bier bestellen."
der wirt, ein blasser, knochiger einsneunzig mann, näherte sich mit geduld meinem tisch.
"ein glas rotwein", sagte ich, "also ein bier", sagte murd.
ich sah ihn ungläubig an.
er: "rotwein haben wir nicht."
"dann weißwein", sagte ich.
er: "also bier, wein haben wir überhaupt nicht, roten nicht und weißen auch nicht."
ich nickte. dann rief ich ihm nach: "dann lieber kaffee."
er drehte sich nicht mehr um, sondern ging im gleichen geduldigen tempo wie er gekommen war, zurück hinter den tresen.
er verschwand in die küche.
die anderen am tresen schauten mich an, sie versuchten arglos zu blicken, aber sie waren zu gespannt was weiter passieren würde. es dauerte noch eine weile, dann kam murd mit einem bier hinter der theke hervor, schlenderte auf mich zu und schüttete es in mein gesicht: der will einfach nicht begreifen, daß wir nur bier haben.
alle lachten. sie lachten böse. nicht arglos.
ich glaubte mich in gefahr. einfach aufzustehen und hinauszugehen schien mir überhaupt nicht in betracht zu kommen. murd wartete eine kurze weile ab, so, als habe er lediglich seinen dienst verrichtet und warte nun auf neue anweisungen.
das kalte bier gluckste in meinen ohren, mein hemd, meine hose trieften, es lief an mir herab bis in die schuhe.
murd hatte mir ein großes, ein sehr großes bier gebracht.
ich suchte ein taschentuch, fand es und begann mich irgendwie abzuwischen, da ich aber nicht wußte, wo ich anfangen sollte und mein taschentuch schon ganz vollgesogen war, patschte ich es auf den tisch.
erst dann machte er ruhig weiter:
"wollen sie zahlen", fragte murd. ich antwortete nicht, weil ich damit beschäftigt war, taschentuchreste aus meinem gesicht zu entfernen. das bier machte mein gesicht klebrig.
schließlich stand ich doch auf. vielleicht war das eine zu große provokation, schließlich starrten mich alle an, gespannt und erwartungsfroh. die augen aller umhersitzenden klebten auf mir wie die taschentuchreste in meinem gesicht. ich hatte das gefühl, sie hätten sich absichtlich in einer bestimmten, mir nicht durchsichtigen formation aufgestellt, um mich abzufangen auf murds zeichen hin.
murd war hinter den tresen zurückgekehrt, er blickte mich verständnislos an: "wollen sie nun zahlen?" dann sagte ich kaum hörbar: "wofür?"
noch lächelte er, als er sagte: "wofür? sie haben die ganze kundschaft hier eingeladen, alles geht auf ihre rechnung, und da fragen sie wofür?"
ein dicker greis meinte: "mich nicht, mir hat er nichts gesagt davon."
murd bestand darauf: "aber ja, er hat alle eingeladen, er hat es nicht jedem einzeln gesagt, es reicht, daß er es mir gesagt hat."
spätestens die art und weise, wie er das wort 'm i r' betonte,'es reicht, daß er es m i r gesagt hat', machte mir klar, daß murd ein unbedingtes spielchen begonnen hatte und er entschlossen war, es ganz sicher bis zum ende durchzuspielen. gespannt - aber mühelos.
und trotzdem wollte ich noch immer an eine provokation glauben. ich stellte mich ahnungslos. ich machte mir unter wachsenden zweifeln klar, dass man es nicht bis zum äussersten treiben würde, dass man seinen spass haben wolle, aber keine allzu ernsten absichten hege.
mein blick versuchte zu sagen: 'das beeindruckt mich nicht, garnicht.'
murd hatte längst die nächste stufe eingeleitet.
pflichtbewußt sah er aus, als er mit einem taschenrechner zu mir kam, bedeutungsvoll das gerät herumzeigte, so wie man dem geneigten publikum ein neues requisit für die nächste zaubernummer vorführt. er lächelte, als er mich ansah und die anzeige des rechners mit seinem küchenlappen abwischte. dann drückte er wahllos auf den tasten herum. "hier ist ihre rechnung," sagte murd.
er hielt mir die fünf oder sechsstellige zahl auf der anzeige des taschenrechners unter die augen, viel zu nah, als sei ich kurzsichtig.
"zahlen sie bar?"
jetzt grölten sie wie eine losgelassene hundemeute. sie konnten sich einfach nicht mehr zusammennehmen. es war eine schöne kurve zur zielgraden gewesen und alle freuten sich darüber: ‘zahlen sie bar?’, einzelne applaudierten, andere fragten einander ‚zahlen sie bar?’, der anspannung war ausgelassener frohsinn gewichen, und in gewisser weise unterstützte murd seine gemeinde auch, weil er sich langsam huldvoll zu allen seiten wandte, milde lächelnd, wie ein überlegener zauberkünstler der wieder eine ratte verschwinden läßt.
für eine viel zu lange zeit wußte ich einfach nicht, was ich sagen sollte. die ratte war ich. und der sieger stand bereits fest. dann, endlich, nach einem viel zu langen schweigen, räusperte ich mich hörbar und entgegnete: "was, was soll ich deiner meinung nach dazu sagen?"
es wurde wieder ruhiger. war diese antwort satisfaktionsfähig? oder sollte man dazu gar nichts erwidern, diesen schmächtigen versuch abtropfen lassen. ich zog noch mehr hass auf mich, den hass des spielverderbers, weil ich das level metertief unterschritten hatte. ich hatte murd geduzt. ich hatte keine noch so schwache pointe geliefert.
aber murd hatte ein einsehen. um die sache nicht über den toten punkt hinauszutreiben, verständigte er sich mit einem weißblonden jungen und seinem dicklichen begleiter mittels eines kurzen augenaufschlags, woraufhin beide ihren thekenplatz verliessen, mich packten und solange auf mich einschlugen, bis ich nur noch winselte und flehte. die reaktionen der umherstehenden kann ich leider kaum wiedergeben, erinnere mich aber an ratschläge von nahestehenden, welche körperteile noch geschlagen oder getreten werden könnten, und wie man das am besten mache. wie lange man mich so traktierte kann ich nicht sagen, meiner wahrnehmung nach ging es doch recht schnell, im nachhinein betrachtet. dann schleppten sie mich auf das klo, denn die beiden waren der meinung, man könne mich so nicht vor die türe lassen. sie wuschen meinen kopf in der kloschüssel sauber von blut und rotz. sie mussten mehrmals abspülen, bis ich wieder sauber war. die beiden kerle nahmen mich in die mitte, trockneten mich mit klopapier ab und zogen mich quer durch die kneipe zum ausgang. die belegschaft wieherte und sang. aber irgendwie hatten sie schon die rechte lust an dem geschehen verloren. man machte von keiner seite anstalten die sache zu verlängern.
ich sah murd nur noch von weitem in einer ecke hinter der theke stehen, scherzend und schon längst mit anderem beschäftigt. er trank wasser und grüßte zu mir hinüber, wie man einen flüchtigen bekannten grüßt. meine geschwollenen augenlider ließen mich nicht allzuviel von ihm sehen, noch dazu war der kleine sehschlitz mit nebelschwaden verschleiert. die träger hievten mich vor die türe, setzten mich auf einem u-bahn-schacht ab und überließen mich dem lauen luftzug der von unten meinen biergetränkten anzug trocknete. ich blieb sitzen, ich wartete auf etwas, vielleicht darauf wieder aufstehen zu können und doch muß ich eingeschlafen sein, kurz nachdem die grünlich-gelbe leuchtschrift über der Kneipentür erloschen war.

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Peter Wolter
Lyrik
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