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kossitz und wegrich spielen räuber und gendarm
grenztruppenblues I

am wachturm soll vor langer
zeit
die folgende begebenheit
sich zugetragen haben:

'kossnitz', spricht der wegerich, 'wir sollten
diese nachtschicht heut, ein kleines
spielchen wagen.'
wegrich meint, das könnt wohl sein
wenn nur der strenge hauptemann,
verdacht nicht schöpft.
der sei für diesesmal zur ruh gelegt,
man solle sich, was den betrifft,
nicht grämen.:
'gut', ruft kossnitz munter,
'dann spülen wir den erdgewachsnen
teufelsschnaps,
noch tief ins innere hinunter,
und machen uns ans wüste werk.'
und kumpelglück sitzt schluck für
schluck sehr zäh in den gedärmen,
eh sich herz leber milz und galle
noch besinnen kann,
zersplittert im delirium
das mark in spitze fäden schon.
'ich fessle dich, komm an mein herz',
ruft wegerich dem kossnitz zu,
'lass alle hoffnung fahren, nun bind ich dich,
wegerich',
schreit kossnitz wahnlackiert mit affenmut
und auf ein wort und auf geheiß von
nacht und kumpelglück,
stürzt sich der eine auf des andern brust
zur rechten teufelsschnaps und bindestrick .
mit strenger kunst der knotenfechterei
besiegen sich, im handumdrehn,
wegerich und kossnitz schlicht:
der eine kann den andern jetzt
an der wachturmstange
hangen sehn.
die kunst beruht in diesem fall
auf gegenseitigkeit,
denn weder der noch dieser
könnte sagen,
wie sich der knoten lösen läßt.
beidhändig sind sie
beide nun gebunden.

da hallt es streng
aus nacht aus
tiefgefrorner kehle:
'heda, genossen,
ich bin jetzt hier,
seid gegrüßt ihr edlen
proletarier!'
kossnitz denkt und
wegerich staunt:
wer und oder was
die stimme hat und spricht
in dieser nacht wo alles
doch zu schweigen hat.
denn weil sie angefesselt
sehen können sie ja nicht,
wer da spricht.

'was habt ihr denn',
so rufts erneut,
denn der empfang
ist nun nicht
sozialistisch
freundschaftlich.
kossnitz hat die ruhe weg
und ruft bestimmten mutes:
'komm er rauf zackzack,
dann wird sich alles finden'.

der jubelnde am fuß
des wachgetürms,
ergreift die leiter gleich,
auch ihm hing halbverdaut,
der schnaps im darmgewinde,
kämpft was er kann,
doch nur bis sprosse zwölf,
als sich die hände zitternd lösen
und er mit schrei zu boden fällt,
mit schreckverdrehtem leibe
im staube stecken bleibt,
den einen oder andern
schenkelknochen schmerzlich
zerbrochen.

darauf wars still. der fremde
mauerüberwinder
winselte ins hemd hinein
und wegerich sowohl als kossnitz auch,
ruhten sich mit schlechtem schlaf
von den begebenheiten aus.

man fand sie wenig später
man war nicht sehr erbaut.
der strenge hauptemann nahm alle
recht streng an seine brust heran.
der spinner wurd zurückgesandt,
weil man hier spinner gar nicht braucht,
wegerich und kossnitz dann
sahen schwedt das schöne schwedt
von einer dunklen seite an.
und haben auch, soweit bekannt,
nicht mehr die muntren spiele ausgestrickt
mit muße, fesselseil und kumpelglück.


#
der strenge herr der umgekehrten
reihenfolge:
wenn einer kommt, dann fragt man
HALT WER DA und bleibt die antwort
aus, so wird geschossen -
solang ich hier an dieser stelle steh und
sage was zu tun ist gilt
die umgekehrte reihenfolge.
und wer sich außer stande sieht
bedenkt sich dann in schwedt
wo bleiernschwer die tage liegen
und mancher nicht mehr wiederkehrt.

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Peter Wolter
Lyrik
Prosa