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grenztruppenblues II

zu magdeburg im jahre vier
nach dem großen mauerfall
saß ein mann des nachts am tresen
und sang mir dieses lied:


wenn der schnapspegel
übern roten strich rausragt,
wenn der schnapsgehalt das
blut weit in den schatten stellt,
manchmal meine freunde, muß ich
dann denken an meine kalten
nächte in den grenzanlagen.
vor hundert und mehr jahrn'.
neunzehnzweiundsiebzich.
dachte ich an mädchen oder
nur an ihre hintern,
oder an zwei tage
extraurlaub.
fürs minenlegen hart verdient,
den arsch in der höh,
minen vergraben
und ruhige fingerchen bewiesen
- sind alle noch dran.
ist nur im suff noch
manchmal lange sätze wert..
ja, da staunt ihr: mit diesen händen
habe ich und meinesgleichen
die ganze grenze zugemint,
da schaut ihr nicht schlecht,
was es alles so gibt:
für zwei tage urlaub,
mach' ich's dir mein süßer,
brigadeleiter, fähnleinführer,
für zwei tage urlaub,
hab' ich's ihm gemacht.

und wenn's des nachts zu kalt war,
wenn’s wirklich die arschbacken
zusammengefroren hat,
ihr wisst nicht,
wie im harz der eiswind geht,
haben wir die köter
rangepfiffen,
scharfgemachte biester,
aber die wußten eben
freund und feind zu unterscheiden.
und haben uns nett begrüßt.
die wussten, wo sie hingehörn’.
jeder hat sich dann
ein viech geschnappt,
sich an ihn rangekauert,
- ans schwarze, dicke hundefell.
da hockten wir des nachts,
wenn der eisregen stach,
wie missgestalte
hundeblagen
an mutters pelz,
der atem als eisfahne vor uns stand,
und der köter murrte
und jaulte sein liedchen vor,
und mir war's nicht mehr
so zum kotzen nass und kalt.
in mancher nacht, seh’ ich uns
mit einem köter vor dem bauch,
denn wir kettenhunde,
mißgestalte tierart
die wir beide waren,
mussten doch
zusammenhalten.

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Peter Wolter
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