Lutz Hesse
Pounds Fall
Die ungeheure Tragik des Traums im krummen
Rücken des Bauern,
Manes! Manes wurde geschunden und ausgestopft,
Wie Ben und la Clara a Milano
                       An den Fersen zu Mailand
Daß die Maden ihn fräßen, den toten Bullen ...

(Canto LXXIV)

Legt mich zu Aurelie, gen Sonnenaufgang zu Stonehenge
(Canto XCVIII)

Die ungeheure Tragik des Traums im krummen / Rücken des Bauern - mit diesem starken Bild stimmt der Dichter Ezra Pound seine Pisaner Cantos an. Die Fellachen im Nildelta, die Bauern auf den Reisfeldern Asiens und der Poebene, ihre Abhängigkeit vom Klima, von Lehnsherren und Verpächtern werden uns bedrückend gegenwärtig.

Welchen Traum beschwört Pound im krummen Rücken des Bauern? Goyas Capricho "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" steigt herauf, wenn es bei Ezra Pound weiter heißt: Manes! Manes wurde geschunden und ausgestopft, / Wie Ben und la Clara a Milano / An den Fersen zu Mailand / Daß die Maden ihn fräßen, den toten Bullen ...

Pound beklagt den Tod des Duce, das Ende der Geliebten Mussolinis, Clara Petacci, die gemeinsam von Partisanen erschossen und mit dem Kopf nach unten in Mailand an Laternenpfählen aufgehängt und ausgestellt wurden. Der Traum im krummen Rücken des Bauern, die "Tat" Mussolinis, die Trockenlegung der pontinischen Sümpfe, wird von ihm glorifiziert, so wie mancher Simpel in Deutschland den Autobahnbau Speers und Hitlers preist. Pound hat in der Zeit der Herrschaft der Schwarzhemden Mussolinis per Kurzwelle im Auslandsfunk von Radio Roma Reden gehalten, die sich besonders an die intellektuellen Eliten der Vereinigten Staaten und Englands wandten. Zitat Pound: "Ich schreibe keine italienische Propaganda. Ich schreibe für die Menschheit die vom Wucher angefressen ist."

Der spätere Vorwurf der Hochverratsanklage, Pound habe dem Feind mit seinem Beistand und Zuspruch (aid and comfort) gedient, findet auch seine Begründung in der massiven Unterstützung von Mussolinis "Republik von Salo" durch Ezra Pound. Übereifrig verfasst er Pamphlete auf italienisch sowie die beiden Cantos LXXII und LXXIII, die er Mussolini schickt. Bis heute fehlen diese Werke in den Originalausgaben der Cantos.

In großen archetypischen, mythischen und religiösen Bildern stellt Pound eine Verbindung des italienischen Faschismus zu uralten Träumen der Menschheit und ihrer Geschichte her. Vergil, die Rede des Anchises in der Unterwelt, die römischen Totenseelen, hat Pound im Sinn, wenn er Manes, Manes ruft. In dieser Totenklage - Manes, Manes wurde geschunden und ausgestopft - assoziiert er Mussolini mit Mani/Manes, dem persischen Religionsstifter, dessen Gnosis die gesamte Spätantike und die Katharer des Mittelalters beeinflusst hat. Mit Bezug auf die Manichäer spielt Ezra Pound mit den Namen Ben (Benito) und Clara. Benjamin, der Sohn des Todes, Clara, die Sonne!

Kein Wort von ihm, dass Christus nur bis Eboli kam, kein Gedanke an Gramsci und Matteoti.*
Pound, der soviel weiß! Er hat die alten Ägypter studiert, spricht hervorragend das klassische Griechisch und Latein, lernt chinesische Schriftzeichen, kennt sich aus in den Weltreligionen und deren kleinsten Sekten. In allen Mythologien von der Edda bis zum Gilgamesch-Epos ist er zu Hause.

Ezra Pound, der Joyce entdeckte, Hemingway förderte ,Mozart, Vivaldi und Alban Berg liebte und Krückstock war so vielen, die ohne Dollars, Francs und Lira zwischen London, Paris und Rom ihre Bilder malten und Zeichen kritzelten; dieses Genie war ohne Verstand, was die Realitäten Europas von 1923 - 1945 betraf.
Die alten Mythen und Archetypen, die Wasser der Brunnen der Vergangenheit, spiegeln dem Dichter Ezra Pound Sonne und Welt. Seitenverkehrt.

So landen wir in Moderne und Postmoderne - und kommen zur jandlschen

lichtung
 
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum
 
Mit Witz und Ironie, seitenverkehrt zu Pound, verfliegt der Alp Goyas im skeptischen Lächeln der Poesie Ernst Jandls. Wortspielerisch verwandelt Jandl die apodiktische Feststellung Adornos "Es gibt nichts Wahres im Falschen" in eine dialektische Scharade.

 

* Gramsci, Antonio (1891 - 1937)
Der italienische Philosoph und Politiker Antonio Gramsci war 1921 Mitbegründer der kommunistischen Partei Italiens. Er wurde 1928 von den Faschisten zu 20 Jahren Haft verurteilt. Für Gramsci ist der Marxismus eine Philosophie der Praxis, der zufolge die Kraft der geschichtlichen Entwicklung in der menschlichen Freiheit liegt.

Im Juni 1924 ist der italienische Sozialist Matteotti von Fascisten ermordet worden.

 

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