Tina Ilse Gintrowski  –  Lyrik

Herbstinfarkt

herzhafter herbstinfarkt
in meinem flur brennt eine osram
durch & dunkelt blattteppiche tautapeten
er da wirft den alten ofen raus der ruße kommt
ein nachtspeicher rein
der wird doch nicht der wird doch nicht noch
mich undicht entdecken & mit stickstoffkuss
ausblasen der luftschlitz geht flöten
an meinen wurzeln
verfault laub
& unterm
kieferholz
klingt aus
der traum

Bungalou

das pendel in lou
schwingt im kreis.

(ne erbse gold an faden seide –
man kann es durch den nabel erspähen)

es kreist.
zeitweilig zitterwellig
meist aber ruhigrund
auch wenns einer berührt.

wer auf lou fällt
fällt nicht auf grund
der schwingt sich nicht ein
in den kreis.

das pendel in dir lou
kreist niemanden mit ein.

der preis dafür
kann hoch sein.

Ermüdung

auch wenn er noch so perfekt gezogen ist
der scheitel muss jeden morgen neu angerichtet werden
spülen des haarbergs durchforsten mit kamm und sortieren der fäden
wir waschen stets die gleiche vorderfront
die nase bleibt groß
die poren verpfropft
die augen verklebt
wir reinigen und reinigen und reinigen die zähne
wir glätten die achsel polieren den po
es folgt das bekleiden: schlüpfern hemdeln hosen
und schnüren wir etwa nicht späterhin noch den schuh?
ein bein folgt dem anderen und zwei hände
wissen besser als gut ist was sie immer wieder tun.

Neon

„Der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“
(1. Mose 3,15)

ey master du verschneidest gerade meinen traumfilm
du zercuttest mir die peace&love sequenz
soll ich zusehen tatenlos hier rumchillen
lieber schnell ne runde cruisen mit dem vorstandsbenz

ohne brakesbenutzung backwards an ne wall sliden
»got the key« brüllen auf die windschutzscheibe rotzen
»rokko ich bin raus«
fast dann gehen wo ich wohne unterm carpet hiden
und mal langsam checken dass das candlelight längst aus

Schlechtwetterfront

„Leute sind müde. Welt gähnt.“
(Sitznachbar im Regionalexpress)

Wohin
fliehn wenn die Wolken tiefer
ziehn als noch gestern
Nacht gedacht –
Hab Acht!
Halb 8
erwacht
durch Böen
hinter der Stirn und
Wassereinbrüche im Hirn.
Völker, hört die Signale! Die Emobiennale
beginnt ihr düstres Siegestreiben und
sollte ich im Schlafsack bleiben
dann bring es ihnen
schonend bei.

Bumsen und ob

hier her sollst du dich hin legen
mich aufanerregen dünn und durch dick fegen
watn segen gegen sägemehlmägen und sagdochmal
wer hat die wahl
zum oberbürgermeister eigentlich gewonnen neulich

Bamako oder
Au revoir Tristesse


ich pack dich bei bye-bye gelegenheit
beim büschelhaar und reise aus mit dir
nach bamako oder wohin der weißnichtweiterwind
uns schopflundpaaren gleich vertreibt.

wach auf du penner nimm piratengold
aus ein zwei laden deiner brustkommode
ein unverschämter wecker piept bescheid.
für jeden einen seelenmorgen land
aufsuchen wir und ein oasenwort
als tristheitstrost für sahelzonenzeit.

mach dich zum marsch bereit nomadenbruder
bloß weg von dauerschlafsamkeit
lass mich ein wegweissucher sein der eines glaubt:
wir kommen weit

 

© 2006  Tina Gintrowski          Poetenladen