vor Insel 35
für A. P.
das Meer ist makellos aufgewühlt.
es hätte eine aufregendere Bezeichnung verdient.
der Wind macht im Moment eine pädagogische Phase durch.
die Bäume biegen sich zu absoluten Metaphern.
die Klagemauer des Möwengesangs
lässt dahinter eine ganze Klagesiedlung vermuten.
das Konzept der Brandung findet wahrscheinlich
besonderen Anklang bei Adventisten.
je länger man schaut, desto schaumiger wird es.
aber das lässt sich so schlecht beweisen
wie die Verwandtschaft von See-
Anemonen und Animositäten.
Gizeh mon amour
für Christiane Wohlrab
die Pyramiden scheinen
einem Lehrbuch über Ästhetik entnommen.
fliegende Händler bieten Begriffe
zur Bewältigung ihrer Schönheit an.
die Hieroglyphe für Stoizismus
muss ein Kamel sein.
zwangsläufig erliegt man nach kurzer Zeit
der Heliopunktur der Sonne.
für andere alte Götter ist Entree
zu entrichten. die Sphinx
vermittelt möglicherweise
ein ganz falsches Bild.
surrounding Schnee
für J. S., R. H. und M. R.
wir lieben diese kalte fraktale Grammatik.
das feingliedrige Taumeln des Schnees in der Luft.
das komplexe Tänzeln des feingliedrigen Schnees
in der Atmosphäre.
das Neuland vor den white boxes unserer Augen.
das die Vereinfachung der Umgebung ist.
wir lieben diese lautlosen Hufe des Anfangs
von es liegt Schnee.
wir lieben diese komplizierten Intensivstationen
eines besonderen Klimas.
ihre unaufdringliche Kompliziertheit.
die Anschaulichkeit von spezifisches Ungleichgewicht.
wir lieben die sich selbst beweisende Turbulenz.
und die Erscheinung an sich (als Erinnerung
an diese Erscheinung).
vorsichtig lieben wir das friedliche overbombing.
und später den schleichenden Konstruktivismus
eines weißen Sanskrits auf den Dingen.
Leitfaden für Landschaftstouristen
die Blüten drücken der Luft ihre Stempel auf.
der Wind gehört zu den Konnektoren.
die Bäume sind Feuilletonisten. ihre Äste wirken gespreizt.
die Vögel sind als Monaden der Lüfte erkennbar.
die Hasen als Angst. vor der Mattscheibe eines Sees
existiert etwas. es könnte wesentlich sein.
auf einer Oberfläche grasen Tiere.
vielleicht sind sie echt.
am Horizont versinkt etwas Altes.
ein Tag wie Dezember
dieser Tag hat glazialen Charakter.
wie könnte es anders sein: ihm liegt Winter zugrunde.
das Couvert der Wolken ist noch nicht geöffnet.
obwohl mich diese Sendung sehr angeht, par Avion.
der Himmel gehört einer Graubranche an.
es herrscht ein neuer Ton irgendwie: diätetisches Licht.
wenigstens wahrt die Sonne den Anschein.
die Pappeln am Horizont Irokesengestrüppe.
Alleen führen noch immer ins Labiale.
auch sie sind von Schneefall punktiert.
was bisher fiel, lässt einen Reifrock vermuten.
die Landschaft so landschaftlich wie lange nicht mehr.
wovon ich auch noch weiß:
einige Tümpel verleihen sich Wäldern als glasige Orden.
aber die Wärmeflocken der Vögel täuschen
darüber hinweg.
© 2006 Ron Winkler Poetenladen