Michaela Schröder: Den Tatsachen „ins Gesicht sehen“
Diese Redewendung verneint den passiven Blick, mit dem man sich „außen vor“ lässt. Sie drückt die innere Bereitschaft aus, der Realität – in welchem Sinne auch immer – begegnen und sie aushalten zu wollen. Es gibt Lebensläufe, darin schreiben sich die Ereignisse, denen „ins Gesicht“ geblickt werden muss, in den Körper selbst ein: Unfälle, schwere Krankheiten, Gewalttaten. Durch Amputationen oder Entstellungen büßt der Mensch die Grenzen seiner Intimität ein, sein Schicksal wird „ansichtig“. Er trägt die Male jener Verletzungen mit sich, ist den Blicken anderer Menschen ausgesetzt, muss die Aufgabe der Begegnung im doppelten Wortsinne bewältigen. Dies aushalten zu lernen, meint zuletzt: sich selbst aushalten können. Der autobiografische Roman Zu weit draußen von Johannes Groschupf erzählt von dem Weg, diese Anforderung zu meistern.
Johannes Groschupf
Zu weit draußen
Roman
Frankfurt: Eichborn 2005
© 2006 Michaela Schröder Poetenladen