Martina Weber – Lyrik

zittergras

ich höre wieder stückweis
ihre stimmen, verwohnte
räume, kerzen, spät, halb aus-
getrunknes glas,
die choreographie des lebensganges
einstudiert, ich ahnte zukunfts-
filmsequenzen, ab-
gelegte schalen neben
nüssen zittergras war laut
geworden & es ver-
fingen sonnen-
strahlen sich in un-
gekämmtem haar, dort,
wo ein lachen in den
augen für eine kleine
ewigkeit die antwort war

bänder

bänder. und du. lernst
hören. vom könig
fort. der dir gebot.
immer wieder. fort
zu den bändern.
sie drehen. sie halten.
sie zwischen fingern
& ziehen.      ach. eine stimme
gesucht zwischen fingern.

und: selbst & vergessen und
da.      die krone. so leise
gefallen. schon
grau.

sich lagern

es drängt sich, es windet, es wuchert
ins ohr, es siedelt sich an & es lagert
sich ein: wird krake & wandert, wird
nessel & brennt und ich sehe

mich: roh & mit bebenden
fingern, zerschunden
der kehlkopf, die stimm-
bänder lose ge-

fallen, ich fühle:
kein pochen, nichts
wollen, und endlich:   ich schreie
nicht mehr

blaue kreidefrauen

ich malte blaue kreidefrauen mit ihren armen
balancierten sie und die beine liefen manchmal
übers blatt papier hinaus hinter immergrauem
regenhimmel grau und blau sind heute einzig noch
die farben in dieser plastiktüte und wer seine hand
hineinführt tastet kreidestaub der klebt an fingerkuppen
und verwischt auf kleidungsstücken ziemlich fies
das ist die kreidefrau vom abend als ich das wohnheim-
nachbarzimmer dem aufgeplusterten gerede
zweier so genannter freunde überließ

das ist kein grund

das ist kein grund hier einzu-
treten und wo kein grund ist
hilft kein hundeblick
dieser mantel ist porös
und ihre finger-
kuppen zeigen spuren
von dem was sie dreh-
ten und auch ihre schuhe offen-
baren nicht viel glück das ist
kein grund hier einzutreten und
so gehn sie doch zurück

der tramper aus der DDR

„es war nicht üblich, dass man sprach
und fragte so wie hier, was einer macht,
es war egal im osten, war nur alltag,
der nicht wichtig war am abend“, sagte sie.
ihr bruder packte die gitarre aus
dem etui und die rasselrohre
und die trommeln wurden herum-
gereicht und als das repertoire
der liedertexte durchgesungen war,
die kerzen flackerten, der wein
war leer, da blieb etwas,
das wünschte sie so sehr. es findet sich
in keinem liederbuch: das lied
vom tramper aus der DDR.

Sag einfach nochmal Flattertier

Und während wir Spaghetti essen,
läuft die Kassette, die Musik,
die du im Radio gesammelt hast.
Zum Nachtisch dein Gedicht.

Erwartungsvoll dein Blick.

Ich weiß nicht so, ja
schön, ach! deine Augen
werden wieder stumpf.
Schau einfach nochmal hoch
in die Tapetenritzen, sag
einfach nochmal Flattertier.

© Martina Weber         Poetenladen