carl-christian elze
stadt/ land/ stopp – mdv 2006

ankara, ich dachte

an einen gestürzten engel als mein schnellster gedanke
ging ich vorüber, nur mein kopf blieb stehen.
der mann mit dem
maschinengewehr blickte in sich & bewachte
ein gebäude, die fassade
fremdkörperschön
nicht verantwortlich für jedwedes ende, november.
erst traumnah rückte mein auge heraus
mit schnappschüssen: tauben
flügel windige federn, verblätterte schultern im staub
gelenkköpfe, die sich berührten, verrührt
im weichen asphalt
der köter, der kaut, mit hängenden zitzen, die schleifen
am bordstein entlang, der fleischige flug
rumpf verdunkelt verschluckt
kein laut, aus der maschine: die verwandlung
in muttermilch
kampf.

willkommen traum

ich schlug die augen auf & sah, ich lag
ein abgefüllter augensaft in einem gitter
wagenrost & rollte. der liebe gott
& seine dicke frau, die schoben zogen
aus truhen sonderposten, warfen stücke
butter auf die augen da & dort ein mehl
ein speck & schwere schoten.

ich suchte meinen mund & fand
als ich am fließband floss in eine
engelweiße hand, kein wort & ohne dass
ich wusste wie, gab ich heraus aus mir
den preis. der liebe gott bezahlte gleich
& zog mich schob mich weit in seinen mund
es war wohl, weil ich flüssig war

auf einmal leichter (wie erhofft)
in eine kehle
stopp

im fallenwald

wir fliegen in die netze ja wie vögel von den wänden
wie die fliegen fallen wir ja wie die füchse gehen wir
ja in die fallen wie die bären wie frau reh herr hirsch
(ungeziefer unterirdisch untertage übernimmt uns)
wir flattern ja noch zappeln ja noch bellen hier & da
brummen blöken da & dort wald & wiesen feldreport
es nützt ja nichts es hilft ja nichts es kommt ja nichts
mehr dabei raus; der jäger kommt zu angesicht
vielleicht ja noch vielleicht auch nicht zu fliege fuchs
zu vogel bär zu frau & herr im netz im wachs im fallenwald
die schnappen ja solang es geht nach guter guter luft.

forensische ballade

moritz macht die höhlen auf, zieht das fell ab, brust & bauch
moritz schneidet herzen raus, alle lungenflügel fliegen hoch.
moritz schöpft die säfte ab, pfützen mit der kelle ab, tupft tupft
mal schnell den magen trocken, wie das gallenbläschen grünt
aus der schwarte wie ein zweig, die leber dieser hundehaufen.

max am becken, eins zwei drei, spült die wasserleichen frei
von grobem unrat die mechanik (was der moritz maxen reicht)
schneidet eins zwei drei für die labore die organik in 3-D.
max schaut sich den kehlkopf an (hat der moritz rausgeholt)
sind die hörnchen abgebrochen, hat wer irgendwann gewürgt.

moritz schneidet um die stirnen mit dem messer rote fäden
zieht die kopfhaut einfach über all die toten augen drüber
sägt & hebt den deckel ab, legt den deckel rechts vom topf
max nimmt das wie keine krone dem verschwitzten moritz ab
bricht die zacken raus & ohne glanz im auge macht er das.

moritz hat da eine kugel, aus papier gerollt & weich, die passt
genau in jede schädelschale, deckel zu & aufgepasst, der letzte
streich, der kommt (erst muss die flinke nadel noch) sogleich
(um die höhlen stechen weben, wie ein reißverschluss geht das).
ganz zuletzt, fast im verborgenen, max & moritz machen noch

ein fingerkreuz.
schichtende.

/greenbox/

es lag ein netz aus spätem licht & schatten kleiner steine zweige
ihrer kanten ecken so scharfgezurrt & weich auf einem weg
in einem rehelosen wald, dass es ein eintritt war wie in ein altes bild
ein knochenleichtes gemälde von dem selben wald, wo etwas gut
& böse war. ich war wie festgezurrt in diesem netz aus licht &
schatten stiller zweige steine, dass ich ein flecken war, der blieb
ganz unbemerkt von meinen atemzügen, ganz unbemerkt von mir.

ha long bay

ich wurde ruhig an deck & glitt
himmel & wasser ein gleiches
nebelgrau entlang den felsenköpfen
ein vortrieb ohne wasserlaut, es war
ein stilles bild von einer stillen fahrt
ein fährmann ohne augenpaar
ein stiller ritt, ich schlief mich hin
zu meiner insel wunderbar.

 

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