Bärbel Klässner

Wieder herbst

...das hereinnehmen der stühle als gelte die nässe den knochen im papier abgedrehte musik hinterlässt mein schmerzendes bein und ein langsamer werdendes mundwerk bald ist die luft zu hart für vergnügungsfahrten nur gestrandete gehen jetzt noch nackt sie holen sich den tod sie holen ihn in den tanzsaal zu erntedank wo an der wand eine frau steht im stufenrock verblüht und eine warteschleife im haar wer fordert sie auf wer küsst ihr die scham wer vermisst den aufstand vor dem winter?

Reisen ohne zu reisen verlangt mutig den fuß über grenzsteine setzen ein butterbrot lang ist der hunger gestillt bis die backsteingebäude aus der landkarte treten es nach kreidestaub riecht nach fruchtmilch nach schweiß die verschnürten stimmen hinter der linie immer bereit immer bereit erst nach dem mittag kehren sie heim in die winzigen winkel der puppenstube öffnen die tapetentür erwarten an der wand lehnt ein insekt klatscht in die hände böhmische blasmusik spielt auf es schwanken die bilder zittern die rahmen rückwärts geht die uhr versucht gutartige wörter zu beschwören schutzmann mühlstein schaukelpferd aus jetzt sehe ich über der elbe die blitze aus zerschossenen wolken fällt die flut jemand erklärt mir den verlauf des flusses den verlauf der dinge die folge von vätern kriegen kranken und erben ich schließe meine hände um kaltes metall beuge mich ich muss mich übergeben an die reise ohne reise an den knöchernen chauffeur

Stadtsommer

Bei diesem wetter sitzen alle auf der schattenseite und es ist zu befürchten dass die bahnen in der kurve das gleichgewicht verlieren aber das wird nicht geschehen wie beinah nichts von dem geschieht was zu erwarten wäre

Im supermarkt kauft sich eine für neunundneunzig cent zwei kilo matschbananen weil sie gerade die weichen braunen süßen stellen so mag es ist ein billiges vergnügen sie mag auch diese wortverbindung samt ihrem inhalt wie gut dass es billige vergnügen gibt

Zwei kommen in der hitze zu keinem ende und verbrennen unaufhörlich aneinander eine jede zugleich die kerzenflamme und das sich zu tode stürzende insekt

Bei diesem wetter steckt ein schuh im teer eine kassiererin schiebt schwarze bananen vom band zwei sagen beinah gleichzeitig ich kann nicht mehr und fallen in die arme die bahnen fahren weiter aufrecht und nichts von allem geschieht in der fiebernden stadt

Langsam senkt sich der himmel herab
durch die verschlissenen stellen im blau
leuchtet das feuer
kurz auf

Worte meine ersten lieben

So begann ich die sprache mit meiner spucke zu zersetzen darin lag der geschmack staubiger märchen und der schweiß der magdeburger zeitungsdrucker die druckten die volksstimme und hatten noch echte lettern aus blei sie konnten nichts für die macht der transparente die ich sah und dann sah ich das lächerliche im großen und ganzen und die schönheit im schaufenster von pfund & gress meinem lieblingsladen schul und zeichenbedarf hier begann die heimat und ging die halberstädter chaussee hinunter auf der geraden seite und auf der ungeraden wieder herauf später wollte ich die sprache durch mich selbst ersetzen das musste misslingen die sprache ersetzte mich durch nichts ungesprochen blieben die nächte augenleer totenstumm das blanke entsetzen als ich das westdeutsche lernen musste als wär das meine zweite mutter natur verschwand der schweiß und bleigeruch soweit meine geschichte mehr nicht

Müde

Müde vom quadratlauf der betonameisen die wie riesen übern weggezoomtem stadtplan reisen müde vom gekittelten krittelton eines schulvorstehers aus der second hand station müde müde von den herzprothesen die mechanisch pochen und metallisch reiben mich seit wochen zum verwesen oder kurz vors koma treiben müde von all dem blickfang und kickzwang und dem anblick von frischwaren in taftröckchen mit den schnäppchenlöckchen und den hackfleischbröckchen die in saft garen müde vom ausrasten wie mein briefkasten mit seiner gähnenden leere gott verhehre zu müde das verhauene bild zu korrigieren metaphern zu raffen zu müde zu studieren zu müde zu erschlaffen trübe gemüdete öde bah und ohne spaßpotenz und ohne textstringenz und zu müde einen bruch zu brechen in eine zeile die in eile fortgelaufen zum besaufen auch zu müde und zu müde deine frage zu erfassen werd es lassen bin ein deckel ohne topf und von kopf bis fuß müde bis zum ladenschluss schade um den faden fluss meiner worte müde müde weder noch und nicht munter müde nur zum hoch und runter laden textgeschützter schreibblockaden müde zu müde zum kopfgebären wahrheitskeltern wortvergären kannst dir all dein sinnfinden unters kinn binden ich bin zu müde mich an keimenden reimen zu schinden

Der zugang ist gelegt – allons!

Ich habe den zugang ich logge mich ein der zugang ist eigens für mich gelegt wie eine dünne kanüle in den arm durch die der datenfluss übertragen wird nein es ist nur der eintritt in den unendlichen raum auf einen quadratnanometer gefallen die maschinensprache erscheint mir zu schwer ich verdünne sie mit meinem blut lege ihr die linke hälfte hin erkläre die schlachten zu virtuellen schlachten den hunger zu virtuellem hunger den schmerz zu virtuellem schmerz und die liebe wer hätte das gedacht damals als wir mit den füßen abstimmten und london rom moskau und paris zusammen nur in unserem kopf existierten

Meine schwester mit dem zerrütteten körper hat gestern sogar mit der braut getanzt mein bruder verliert haar um haar und kann den flügel nicht mehr von der stelle bewegen er erklärt die datenkompression zum obersten gebot und unterstellt der menschheit ein heer von servern ob sie das wissen das zu schätzen wissen die an krücken gehen die noch selbst essen und selbst sterben und ihre verwandten zu grabe tragen ob auch sie manchmal das passwort vergessen so wie ich nachts danach verzweifelt suchen neben dem bett unter dem bett hoffen dass es im traum erscheint eine endliche reihe zufälliger zahlen von einem übermüdeten gehirn für eine botschaft der götter gehalten

Mehr als die echtzeit haben wir nicht das müssen sie glauben und was wir in den nächsten millionen jahren nicht berechnen das wird als problem mit der sonne verglühen das kann doch nicht egal sein ich erinnere mich hell an die zeit vor der zeit als ich einfach so die hand hob einen schritt machte einen gedanken verfolgte ohne zuvor eine gebrauchsanweisung zu lesen da lächelten die bilder noch von den tribünen vom altar herunter jetzt verwalte ich den mangel an schuhen möbeln ideen an hoffnung an gesundheit den mangel im system ich speichere alle vereitelten reisen ich gebe einer jeden eine nummer eindeutig zugeordnet für den abruf bereit

Ich habe den zugang nicht habe keinen zugang bin hinter glas aus dem restaurant entfernt aus dem abgesetzten stück die entlassene souffleuse kann die sportschau nicht life sehen frage nach dem passwort wer weiß wie sehr es in meinem kopf zu klappern anfängt die gebete die gebote das gebot der stunde ein eintopf gegen den ersten hunger und den zweiten und der dritte wird gefangen mit stäben und mit stangen dein passwort sagt mein bruder das steht doch in der zeitung ich begegne dem zweiten dem dritten dem zwanzigsten wir feiern die virtuelle vielfalt wir vergessen ganz und gar wir vergessen dass wir vergessen wir stürzen mit allen programmen bodenlos bis der speicher versagt

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