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Philipp Weiss
pastiche
es ist ein eigentümlicher apparat, diese leere körperkiste hier, dieses stumme etwas mit dem kümmerlichen geschlecht im zentrum und den löchern überall, hohlräumen, ein weisses blatt, ohne text, stumm, hörst du, zunächst leer und stumm. stumme faktizität, könnte man sagen. hautgrenzen. häute und schleimhautlöcher, risse, austretende flüssigkeiten. mein körper leckt! ich rinne ja aus allen löchern! könnte man sagen, für sich, im stillen, und so weiter, könnte man sagen, der körper ist ein abgegrenztes system, schranke, mit schleusengefährdung. alarm! hörst du? da schlägt es alarm bei mir!

du sagst, ich sei schön. ich frage mich, wie kannst du das sagen, ich meine, wie kannst du erstens sagen, du, und damit meinen, diese körperkiste, dieses stumme etwas mit dem kümmerlichen geschlecht im zentrum und den löchern überall, und zweitens, wie kannst du dazu sagen, schön? das kann ich mir nicht erklären, schön. was soll das in bezug darauf heissen, könnte man fragen, schön. nur das kümmerliche verb im zentrum deines satzes, das lasse ich kritiklos und einsam stehen.

ich sage, all diese löcher, ein einziges sieb, dreckssieb, triefend. da gibt es nichts von wegen schönheit und so weiter. du sagst, wären nicht die löcher, wir würden zerplatzen, einfach zerplatzen wegen all der scheisse. da gebe ich dir recht. ja, die körpergrenzen, sagst du, die körpergrenzen machen den unterschied zwischen ichding und duding, das sei ganz einfach. so einfach ist das nicht, sage ich, nein nein, da irrst du dich, sage ich. was ist etwa, wenn – und da wären wir bereits wieder bei durchlässigen körpergrenzen – ich einfach hier, nackt wie ich hier stehe, auf das parkett scheissen würde, einfach so. plumps! und in dem moment, indem die scheisse aus mir quillt, ist sie da inneres oder äusseres, ist sie da eigenes oder fremdes? bin ich meine scheisse oder ist meine scheisse etwas ausserhalb von mir! könnte man fragen. ist meine scheisse ichding oder fremdding? und auch in die andere richtung gehts. ja ja! nur weiter! hopp hopp! wenn mein geschlecht mit deinem anus kollidiert, wenn sich hautgrenzen ineinanderschieben, verhaken, wenn die pforte sich nicht öffnet, um austritt zu gewähren, sondern eintritt, wenn ich ins höllenloch deiner hinterwelt fahre, taste, weich, und die enddarmwärme geniesse und du dazu ein anusköpfiges gesicht ziehst. was ist dann? wie steht es dann um ichding und duding?

ekel? sagst du, ja ich glaube jetzt werden wir uns einig, ekel, das ist ein gutes stichwort, stich stich wort wort, da kommen wir der sache schon näher, mit all den löchern, ein einziges sieb, dreckssieb, triefend. da gibt es nichts von wegen schönheit und so weiter. ekel, ja, das finde ich treffend. weisst du, wenn ich mich so ansehe im spiegel, ich meine, diese körperkiste, so ansehe. und spieglein spieglein an der wand, frage ich da, und ich sehe mich an, und da merke ich, auch die körpergrenzen, schranke, häute, faltenberge fett schwabber, ja, wenn ich mich so vorbeuge und der bauch, hörst du, welk, denke ich da, welk trotz jugend, und die körperkiste altert und schwabbelt nur so und dann kommst du mit schön, ich weiss nicht. was soll das heissen, schön, was kann man sich in bezug darauf vorstellen, schön. ich finde da gar nichts schön, weder die körpergrenzen noch die löcher, schon gar nicht die löcher, dieses dreckssieb, triefend. und dann stellt sich die frage, was hat dieses körperding mit mir zu tun, verstehst du? und dann kommt die frage, wie kann ich mich ohne das körperding begreifen? begreifen, hörst du? und dann kommt die idee, ich kann das gar nicht, weil innen und aussen, ich und du, die scheisse und so weiter, das passt alles nicht, das funktioniert gar nicht, denke ich da. und dann kommt die idee, dass das alles hier unglaublich inszeniert ist! ich meine, dass das alles inszeniert ist hier, verstehst du? inszeniert. alles. verstehst du? ich meine, wir liegen doch allesamt unter der egge! die egge, sie meisselt, sticht, sticht, meisselt das muster in einem fort, das wort, sticht, sticht, auf körperkisten mit den löchern überall, hohlräume, ein weisses blatt, zunächst, ohne text, stumm, hörst du, zunächst leer und stumm. doch dann die egge, die schreibt, meisselt, sticht ihre kodes ein, meisselt, kodes, sticht, sticht. wörter, so dass das alles hier unglaublich inszeniert ist, wir alle hier inszeniert sind. alle.

beruhigen? sagst du? beruhigen. gut. dämpfen, ebnen, kühlen, zähmen, dieses gefühlsding. dämpfen, zähmen. du hast ja recht. gut. beruhigen. da fällt mir ein, da ich hier so nackt vor dem spiegel stehe, beruhigen, gut und zu dir spreche vom beruhigen, und zu mir spreche, dieses gefühlsding, und du zu mir sprichst, ich solle mich doch beruhigen, kommunizierende gefässe, schwatzende gefühlsdinger, könnte man sagen, und da du vom beruhigen sprichst, da kommt mir die idee: ich recke den äussersten auswuchs des armglieds, spreize, und fahre damit in den po. taste, weich, die enddarmwärme und ziehe dazu ein anusköpfiges gesicht. dämpfen, zähmen. es ist nicht fremd, das gefühl. nein. hier stehe ich mit dem finger im po! soso! beruhigen, sagst du. ja, das beruhigt mich, mit dem finger im po, soso. und hier wird doch nun das eigene zum eindringling ins eigene, fällt mir da gleich dazu ein, das eigene zum fremden und umgekehrt, könnte man sagen, das stellt hier ja alles auf den kopf, sage ich, das macht ja alles kaputt, sage ich, das beruhigt mich keineswegs, sage ich, so wie wenn ich mir mit der hand über die körpergrenzen streiche, grenzgang, kreuzqueren, und dann gleichzeitig der bin, der berührt, und der, der berührt wird, disparat, das gibt mir ein ganz schizophrenes gefühlsding da, was soll ich denn da machen? wie soll ich mich denn da noch beruhigen bei all dem chaos hier! könnte ich fragen, und gleichzeitig gar nicht wissen, was das heissen soll, ich? dieses ichding und diese körperkiste mit den löchern überall und mit diesem gefühlsding und all das. da kommt mir die idee, vielleicht sind die scheisse ja einfach immer die anderen, ich meine, vielleicht wird das ichding zum ichding im unterschied zum fremdding durch die abstossung, durch das scheissen, bildlich gesprochen, hörst du, vielleicht ist das fremdding ja einfach alles, was das ichding nicht ist, was vom ichding verstossen wird, sage ich. meine identität ist nur verdammte xenophobie! könnte man sagen, geächt, verschmähtes geächt, fremdding, vogelfrei, zwitscher zwitscher. das du ist nichts anderes als eine egoistische konzeption, sage ich, ein einziger egotrip! dieses ichding, sage ich und die scheisse ist alles andere.

du liebst mich, sagst du? das sagst du mir einfach so und gerade jetzt? was sprichst du mir hier von liebe? was soll das heissen, liebe? das passt ja überhaupt nicht ins konzept jetzt, liebe. was ist das für ein lächerliches gefühlsding jetzt? ich spreche hier von ichding und scheisse, sage ich, da hat das überhaupt nichts verloren, liebe. firlefanz. gerade da, sagst du, gerade da und nirgendwo anders, sagst du, wenn, dann da, sagst du, und was ich da rede sei phrase, schnack, possenreissen, sagst du. aha, sage ich da nur, soso. die hautgrenze nämlich, ichdingaussengrenze nämlich, sagst du, sei nichts anderes als schmerzgrenze, das sei ganz einfach, sagst du, ichgrenze gleich schmerzgrenze! sagst du, ganz einfach, weil ichding gleich gefühlsding, sagst du, körperkiste gleich gefühlsding, sagst du. nein nein, sage ich da, alles massloses gerede, säbelrasselnd, grossspurig ohne mitte, ein leere wortblase, hörst du, nicht nachvollziehbar, du-schikane, könnte man sagen, nichts als gefühlsding, schwebewörter, und so weiter. liebe? was soll das heissen, liebe, könnte man fragen. was soll das heissen, schmerz, könnte man fragen. ich kenne so etwas nicht, schmerz. ich wüsste zumindest nicht, wie man das fassen kann, schmerz, liebe, schwebewörter, säbelrasselnd, nichts als gefühlsding und du-schikane, hörst du. und du, du bleibst also dabei, sagst du, du liebst mich. aha, sage ich da nur, soso. du liebst mich also, sagst du. ich sage dir mal etwas. ich bin ein scheiss mann! könnte man sagen, ein fabrikat der heterosexuellen matrix, eine lachnummer bin ich. und vollkommen inszeniert. wie alles hier. inszeniert. hörst du? ich mache hier eine scheiss performance! ich ziehe eine miese nummer ab hier. ich meine, diese körperkiste hier, dieses stumme etwas mit dem kümmerlichen geschlecht im zentrum und den löchern überall, hohlräumen, ein weisses blatt, ohne text, stumm, hörst du, zunächst leer und stumm. doch dann kommt die egge und meisselt, sticht, sticht, meisselt das muster in einem fort, das wort, sticht, sticht. das wort: mann! verstehst du? ich habe nichts am hut mit liebe, mit blümchensex und so weiter! ist doch alles erfundene scheisse, verstehst du? was soll das überhaupt heissen, liebe, könnte man fragen. was soll das in bezug auf mich heissen? ich meine, in bezug auf diese körperkiste hier. das verstehe ich nicht. vielleicht bin ich ja blöd, wer weiss, aber das verstehe ich nicht, liebe, dieses gefühlsding, grossspurig ohne mitte, ein leere wortblase, stich! platz! verstehst du? und weg! stich platz und weg! vielleicht kannst du mir das ja erklären, du, du duding, du. du mit deiner androgyn verklebten körperkiste! erzähl mir nichts von deinen zuständen. du bist eine tunte, nichts weiter bist du. vollkommen inszeniert. eine lachnummer, du machst hier eine scheiss performance, eine parodie auf die heterosexuelle matrix ist das ja hier, ja, das sage ich dir, eine parodie bist du, ich meine, deine körperkiste mit den löchern überall und ohne dein kümmerliches geschlecht im zentrum. was soll das denn heissen, liebe, kannst du mir das erklären, liebe, nicht nachvollziehbar, reine du-schikane, könnte man sagen, nichts weiter, hörst du.

ich-schikane, sagst du, denn liebe ohne körpergrenzen, sagst du, liebe ohne hautgrenzen, liebe als loch, als ein einzige durchlässigkeit, sagst du, als ein einziges lecken! sagst du, ja dreckssieb triefend, sagst du, ja genau das, sagst du, schleimhautlöcher, risse, austretende flüssigkeiten, ein offenes system und so weiter und aussengrenze gleich schmerzgrenze! sagst du, so sei das, schmerzgrenze im duding, ein reines gefühlsding sei das, auch wenn das alles inszeniert ist hier, sagst du, mit oder ohne kümmerliches geschlecht, sagst du, mit oder ohne körperkiste, mit oder ohne androscheisse und biomännlichkeit! liebe ohne körpergrenzen, sagst du, liebe als eine einzige durchlässigkeit, ein loch, sagst du, als ein einziges lecken!, ja dreckssieb, triefend, denn wären die löcher nicht, wir würden einfach zerplatzen wegen all der scheisse hier! das müsse ich doch verstehen, sagst du.

aber die egge, sage ich, sie meisselt, sticht sticht. wenn ich wüsste, sage ich, dass du eine frau bist, keine androgyn verklebte körperkiste und so weiter meine ich, wenn ich nur wüsste, wenn du mir etwa sagen könntest, du bist eine frau, wenn du mir das einfach so ins gesicht sagen könntest und ich wüsste, diese körperkiste hier, mit den löchern, ich hätte keinerlei zweifel daran, dass du es ernst meinst, hackt, dass du eine frau, sticht, stottert, ich wäre, hackt, aber du bist nun einmal eine tunte! ich meine, deine körperkiste mit den löchern überall und ohne dein kümmerliches geschlecht im zentrum. hackt. wir machen hier alle eine scheiss performance. eine parodie ist das hier. ich bin eine einzige lachnummer mit meiner biomännlichkeit hier und so weiter. sticht hackt. die heterosexuelle matrix hält mich gefangen, hält uns alle gefangen. stottert. wir sind alle gefangene, hörst du. ein ständiger belagerungszustand! könnte man sagen. hackt hinkt. was soll denn das heissen, liebe, könnte man fragen, was soll denn das heissen, schmerz. hackt. die egge, sie schreibt, meisselt, sticht ihre kodes ein, meisselt, kodes, sticht sticht. wörter, hinkt, stottert stottert, sticht, hackt hackt sticht, stottert, hinkt, weil das alles hier unglaublich inszeniert ist, inszeniert. alles. hackt. was soll das denn heissen, liebe, könnte man fragen, stottert stottert, meisselt, hackt hackt. ein ständiger belagerungszustand, könnte man sagen. sticht. eine scheiss performance, hörst du. sticht, meisselt ihre kodes ein, wörter, hinkt, stottert, stottert, die heterosexuelle, hackt, matrix, säbelrasselnd, sticht, du, hackt, schikane, hörst, meisselt, du, hackt, hörst, sticht, du, mit, hackt, stottert, dem kümm, stottert, sticht, erlichen ge, hackt, sch, hackt, lecht, hinkt hackt, nur verdammte xenophobie, hinkt hackt, vogelfrei, zwitscher zwitscher, hinkt hackt, ein belagerungszustand, könnte man sagen, hinkt hackt, hinkt hackt, hinkt hackt, hinkt hackt, hinkt hackt, hinkt hackt und durch die stirn die spitze des grossen eisernen stachels.

 

Philipp Weiss       14.06.2007       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

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