Norbert Lange – Archiv
01.08.2006 (aus: Kurze Kunstkammer)
BUKOLIK Coda
Von fernher – die Halden hielten wir
den stopften in den Apparat wir
den blickten wir bergauf, die Halde nahmen
wir – sahen auf zum General –
von unbekannten Grillenflügen
den ungewohnten Knopfkopfdrucken
(Blitze fielen) – die Alben gaben später nach
es gab beim Blättern die Alpen wieder
Benzinkanister, morsche Plastik, Teller Pappe –
die wir das Marterhorn bestiegen –
und uns an Schnürohren zogen – bis
die ... „Mutter“ ... uns zum Essen riefen.
SIBIRISCHER TIGER
Sibirischer Tiger – sehen sie die sieben, seine
ins Eis verteilten Teile hinter den Vitrinen –
Schier gefrorene, in Rinnsale, aus der Taiga
gesiebte Reste Tigerteile – ehemals verkeilt,
ausgescharrt von Fröschen, den schiefen,
(von Forschern!), Knochenbau, die Tatzen circa
ausgeriss´ne Story blieben – ein Mammut? ein
Laster? – siehe die, (sieben sind im Eis geblieben,
einer kam zurück), auf den Plaketten, Exponate
wie das Teil von einem linken Bein, ein Stück
harte Bauplanung im siedenden, im Kopf
pur Tiger, – So ein schlechter Platz fürs Graben –,
die Blöcke sieden den im Kopf (wir habm nich mehr
jefunden dort) – aber kostümierte Forscher,
(einer musste ja), Quarzuhr im Fell, am Handgelenk.
KÖLNER –– KARAOKE
Freitag, Hauptbahnhof. Neben erloschenem Kiosk.
In die ausgelaugte Luft, die weissen Neon-
lampen blasen noch Rauch. Schmutzluft. Im Brustkorb
der Atem ist immer in Gegenwart gestaut.
Ein anhaltender Schreck. Die Strassenbeleuchtung hat
paar welke Platanenblätter in den Rinnstein geweht.
Davor, unterwegs Plastikwerbung, Cola und Korn
zu 38%. Aus dem Autoradio mischt Musik
mit Abgasen. Der Gehweg, aufgereihte Wagen
durchmengt von Funkzeichen der Taxizentrale.
Jetzt Säuberungsmaschinen kreisen plump zwischen
den Leuten herum. Die Koffer und Reisegäste.
Auf dem Bahnsteig deutsche Plastiktüte gesehn.
Hinter Basel sehr schwer und ruhig am Morgen,
das Bild vom Bahnhofsvorplatz bleigrau und schwarze
Taubenkotflecken, unter hohem Flutlicht (wie
die Betonanlagen um den Dom). Den schmalen Gang
des Schlafwagens entlang. Harte, grelle Lichtkerne
draussen, hinter der beschlagenen Fensterscheibe.
In einem Panzerschrank. Teppich grau, verschlossene
Kabinen entlang. Pass, Fahrkarte beim Schaffner,
wegen der Zugkontrolle. Nicht weit ist Florenz.
FAST EIN STUMMFILM (in Jamben)
Auf Strassen starr im Neonlicht
der Lampen – er läuft an
blauen Häusern vorbei, an
Autos die so dazwischen parken.
Fallen Schneeflocken, van Hoddis,
auf Ladenfenstern, sieht
in einem Jakob-van-Puppen.
Die roten Fenster blöken laut.
WAFFENKAM. HÖRBEISPIEL
Kopfhörer mit vorgeheizter Lundte, reich verziert,
kaum hörbar sachten Soundseffekten von Disc;
Schwanenhals – ein Niesen, das wird der Pfeffer
gleicher Farbe, der von der Geschichte, sein –
der, aufs Täfelchen gestreut, gleich bei der Vitrine
aus den Bleiarchiven kommt: schwarzes Pulver
ins Rohr gestreut und prasselt aus dem Pfefferglas,
dies ein Pulverschnabel, repeat: Schwanenhals:
eine hirschengerechte Büchse aus dem „allerletzten
Krieg“, aus dem die Würze allen Übels hörbar
laut Schlachtengemälde auf den Ohren Kinderhände
per Laiensprecher aus dem Vogel rokoko knallt;
wozu das, mit vorgeheiztem Lauf und schönem Griff,
abgefeuert wird und würde. Käm drauf an damit zu würzen.

|
Norbert Lange
Lyrik
KUNSTKAMMER
|