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Nora Wagener
Das Letzte über Frieda


Wenn du bestimmen könntest, sagen wir, wenn du Herr über die Welt wärest, was würdest du tun? Frieda lässt ihre Hände durch die Luft schweben, spielt eine diffuse Melodie, lacht. Sprechen wir vom allgemein Idealistischen oder sind wir immer noch bei meiner Zukunft, hakt sie nach. Ich stecke ungerührt meinen Finger in den Wein, ziehe am Glas entlang eine Frucht­fliege heraus. Letzteres, sage ich geduldig, wenn die Arbeits­welt dir schrankenlos offen stünde.
  Es ist mein erster Besuch, seit Frieda in diese neue Stadt gezogen ist. Nach­dem sie mich auf dem Bahn­hofs­platz entdeckt hat, sind wir uns sofort in die Arme gefal­len, fast wie Schwes­tern. Dann mussten wir aller­dings nach ihrem Fahrrad suchen, das sie vor zehn Minuten abge­stellt hatte. Als sie es endlich in den Händen hielt, trat sie fluchend mit einem Fuß dagegen, Dauernd ver­gesse ich, wo ich das Mistding hinge­parkt habe!, und die Vorder­achse bog sich unter ihrer Schuh­sohle. Ich lächel­te ein bisschen, kam aber nicht darüber hinaus. So schoben wir das Mistding schweigend durch eine Stadt, an der Frieda kaum Inter­esse hatte. Wenn ich unbeholfen die Funktionen von irgend­welchen Bauten erfahren wollte, war sie völlig überfragt und schwieg apathisch in ihre Mundhöhle hinein. Als wir an der Stadtbibliothek vorbei kamen, zeigte sie auf den großen Schrift­zug am Eingang: Die Stadt­biblio­thek, siehst du.

Nach einer Viertelstunde Fußmarsch wollte Frieda in einem Biergarten Pause einlegen. Wir wählten unent­schlos­sen einen schäbigen Tisch aus, setzten uns ebenso unent­schlos­sen ein­ander gegen­über. Es dauerte nicht lange und alle persön­lichen Neuig­keiten waren versiegt. Jetzt sitzen wir also zwischen Efeu, fummeln an den Farbsplittern vom Tisch und kneifen unsere hellen Augen zusammen, die zu viel Licht hineinlassen. Das sieht uns mal wieder ähnlich, das Sonnenbrillenvergessen.
  Mit einem gewaltigen Schluck spült Frieda das Insekt in ihrem eigenen Glas die Kehle hinun­ter und streckt sich ge­lassen. Der Stoff unter ihren Armen hat sich dunkel ver­färbt – sie schwitzt immer so viel. Als wolle sie sich ver­flüs­sigen, denke ich, und mein Bauch macht laute Ver­dau­ungs­geräusche. Wo wir im Eltern­haus jahrlang dasselbe Zimmer bewohnten, teilen wir heute nicht mehr als gute oder schlechte Eigen­schaften. Trotz­dem beneiden wir uns gegenseitig; nicht um den Stoff­wech­sel, aber darum, was die Liebe mit einem macht, oder darum, wer man ist.
  In einer Küche, sagt Frieda und lässt die Zunge im Mund kreisen, als suche sie nach einem Schatz oder eine Fliege zwischen den Zähnen.

Vor Unverständnis werden mir zwischenzeitlich die Augen ganz dick. Will sie mich in die Irre führen, oder hat dieser Dreiwort­satz eine mir verschlossene, aber wichtige Botschaft? Na, wenn ich der Allmächtige wäre, ergänzt sie trocken – ich würde in einer Küche arbeiten und Reste von den Tellern kratzen. Da so ein Staunen nichts für die Ewigkeit ist, antworte ich unsicher, eher fragend: Ich könnte mich umhören …? Ein Vorschlag, der ohne Bedenkzeit abgelehnt wird.
  Frieda will kein Gemüse schneiden, keine Fische filetieren. Frieda will nur die Reste, und zwar zusammenkratzen. Wenn das eine Arbeit wäre, sagt sie zufrieden, wäre es meine.

Die seltsame Erleichterung, die sie bei diesem Gedanken zu überkommen scheint, katapul­tiert mich prompt in den Sitz einer Zeitmaschine: Schon als Kinder, als wir noch zu dünne Arme hatten, um unserer Mutter nach dem Mittagessen die schweren Töpfe ins Spülbecken zu tragen, hat meine Schwester sich mit den Ellbogen am Tisch abgestützt, sich auf den Stuhl gekniet und voller Genugtuung die Essensreste aus den Schüsseln geklaubt. Dann wurden sie sorgfältig auf einem Teller arrangiert, den Mutter in den Kühlschrank stellen musste, für den nächsten Tag. Ich durfte derweilen schon mit dem Besteck helfen und trug es stolz vor mir her. Trotzdem behielt ich sie ständig im Auge – es faszinierte mich, mit welcher Inbrunst sie aus vielen kleinen Sachen eine einzige machte.

Zerbrich dir nicht meinen Kopf, mit Problemen, die ich nicht habe, sagt Frieda ruhig. Und du weißt doch: Wer fleißig ist, wird seinen Weg schon machen. Ein Vaterspruch, der so zynisch aus ihrem Mund schlüpft, dass meine Sorge zwischen uns hockt wie ein beschämtes Balg. Völlig zu Unrecht, denke ich und schiebe das Kind zur Seite. Ich will dir doch nicht rein­reden, wehre ich mich sanft. Es war bloß eine hypothetische Frage. Ich bin aber nicht hypothetisch, sagt Frieda stur. Ich, für meinen Teil, lebe praktisch! Das ist das Gemeine an Geschwis­tern. Man weiß, wie man sich kränken kann, und kennt sich einfach zu lange, um sich verschonen zu können. So eine Familie, das ist ein Gesamtkunstwerk, eine Täto­wierung, die sich über Jahre hinweg Stich für Stich unter die Haut setzt.

Weil ich älter bin, und natürlich weiser, rede ich in meinem Kopf weiter und gehe Nachschub holen. Als ich wiederkomme, reibt Frieda stoisch ihre rechte Handfläche gegen den linken Handrücken – sie überlegt! Ich stelle die zwei Weizen auf den Tisch und beobachte sie am Schaum vorbei. Jedes Mal, wenn sie das mit den Händen macht, schaut sie derart ins Leere, dass man der festen Über­zeugung ist: Da passiert Bedeutsames in ihr drin. Da gedeiht etwas, langsam und schön wie eine Blume. Und man wartet geduldig. Wenn sie dann nach Luft schnappt, wächst eine seltene Euphorie heran, ja, eine fast weihnachtliche Vorfreude. Nun? Vielleicht entrümpeln!, entfährt es Frieda und ihr Kopf fängt an zu nicken, wie diese Dinger im Auto. Man selbst bleibt dabei regungslos, strengt die Sinne an, wo das Bedeutsame ist. Aber merkt dann schnell: Das war’s. Frieda ist am Ende ihrer Weisheit angelangt.
  Entrümpeln, wiederhole ich, vielleicht … Nachdenklich fasse ich mir an die Nase, nicke dann ebenfalls vor mich hin. Schwamm drüber. Man hätte es wissen müssen. Trotzdem hake ich kurz nach: Also Menschen helfen, die keine Zeit haben, sich um den Haushaltsrat ihres, sagen wir, verstorbenen Großonkels zu kümmern, in diese Richtung? Nein, protestiert Frieda. In den Sachen von Toten rumwühlen! Das könnte ich niemals. Ich meine das nur, sagt sie, theoretisch.
  Mit Pfandgut und einer leicht frivolen Stumpfheit gehe ich zur Kasse, bezahle und gönne mir eine Laugen­stange. Den Rücken unserem Tisch zugewandt, schiebe ich mir das Gebäck schnell in den Rachen; dann winke ich ihr zum Gehen. Und während sie so auf mich zukommt, mit ihrer hüpfenden Gangart und ihren zugekniffenen Augen, frage ich mich, warum ausgerechnet meine Schwester selt­sam sein muss. Ein bohrender Blick auf meinen Rock und meine pummligen Knie gibt mir jedoch Anlass zu vermuten, dass sie dasselbe denkt.

Da Frieda keine öffentlichen Transportmittel mag, gehen wir weiterhin zu Fuß. Über eine Stunde lang. Genug Zeit, sich auf die Schuhe zu treten und nach­her brüderlich an die Schulter zu fassen. Keine Höllen­qualen, aber allemal an­stren­gend.
  Nach einigen Kilometern werden unsere Beine langsam taub; erwartungsvoll horchen wir in unsere Muskeln hinein, spekulieren, in welchen Körperteilen es bald wehtun könnte, und fragen uns, wie alt wir geworden sind. Nach kurzer Beratung sind wir uns einig: fast dreißig. Nicht gerade überwältigend. Dennoch genug, um an Herbstbäumen vorbei zu spazieren und mit gekrümmten Herzen einem Fahrrad Gehör zu schenken, das wie ein trauriger Hund klingt. Müsste mal geölt werden, sage ich zu Frieda, die mir daraufhin einen Blick zuwirft, der nur mit dem Wort Senf zu vergleichen wäre. Ich denke, die Mostrich-Mimiken. Und verschlucke mich prompt. Glücklicherweise stehen wir fast vor ihrem Haus.

Ich eile in die Wohnung, um einen Schluck Wasser zu trinken, da ich aber kein Glas finden kann, gestikuliere ich nur hustend vor mich hin. Ist ja schon gut, sagt Frieda gereizt und muss ebenfalls suchen. Als ich mich vom Sterben erholt habe, schaue ich mich etwas in der Küche um und muss in Gedanken die Finger zur Hilfe nehmen, um zu rechnen: Wie lange wohnt sie schon hier?
  Es ist so …, sage ich zögernd und weiß nicht, wie ich ihre Küche zu Ende beschreiben könnte. Dabei führt es sich fort. In der ganzen Wohnung. Es ist so … Leer, versucht Frieda mir auszuhelfen. Aber das ist es nicht. Unbewohnt, schlägt sie weiter vor und schaltet den Wasser­kocher ein. Ich fasse mir wieder an die Nase und denke gründlich nach: Minimalistisch!, das ist es, stelle ich mit Behagen fest, bevor die Kargheit über mir zusammenschwappt wie ein eisiger, grauer See. Frieda macht nur einen vagen Laut der Zustimmung, öffnet einen Schrank, lässt mich hineinschauen. Melisse oder Fenchel, fragt sie ungerührt, und ich starre auf ein Glas Zuckerrübensirup und zwei Teesorten. Das Nötigste ist da, sage ich scherzhaft, deute auf den Fenchel und folge Frieda automatisch ins Schlafzimmer, wo noch ihre Tasse vom Morgen steht – neben einem Lattenrost und einer Matratze!

Frieda hatte noch nie eine besondere Beziehung zu Gegenständen, aber ein Bett, denke ich, ist kein Firlefanz. Entrüstet streife ich durch die restlichen Zimmer. Wo sind denn deine Sachen, frage ich und zeige mit dem Finger auf fehlende Möbel, als wollte ich sie herbeizaubern. Das Nötigste ist da, sagt Frieda lächelnd. Aber das genügt mir nicht. Ich muss eine unkluge Frage stellen: Wie kannst du so leben? Sie schaut mich selbst­verständ­lich vorwurfsvoll an. Wie kannst du anders leben, platzt es wütend aus ihr heraus. Doch bevor wir uns in einen Streit hinein wühlen, suchen wir schnell nach einer Ablenkung. Während ich Dellen ins Teewasser blase, verzieht Frieda sich rauchend auf den Balkon.

Die Sonne ist noch hell und verteilt sich rötlich in ihrem Haar. Eine hübsche Frau, sie wäre eine gute Countrysängerin, denke ich stolz. Aber das ist ein schwankendes Gefühl. Meistens überwiegt der Neid, beim An­blick ihrer schlanken Taille.
  Als Kind wollte ich ihr nachts einmal die Haare schneiden. Ich dachte, wenn ich sie um die Hälfte ihres Zopfs betrüge, würde ich doppelt so gut neben ihr aussehen. Doch mit der Schere in der Hand verließ mich rasch der Mut, und ich schnitt nur einige Zentimeter, schnitt ihr die Spitzen ab. Ein Gefallen also, versuchte ich ihr später zu erklären. Bei Frieda gab es jedes Mal schreckliches Gejammer, wenn es um ihre Haare ging. Und so konnte ich sie davon überzeugen, dass ich sie lediglich vor dem nächsten Friseurbesuch bewahren wollte. Als Gegenleistung hat Frieda sogar gebührenfrei mein Zimmer aufgeräumt.
  Frieda liebte es, Ordnung zu schaffen. Irgendwann hat sie diese Lei­den­schaft auf das ganze Haus übertragen. Vollgestopfte Schubladen, an denen man mächtig rütteln musste, ließen sich wieder mühelos öffnen. Halbleere Shampooflaschen wurden aufgeschraubt und vereint; jede Plastikverpackung klein zusammengerollt und mit einem Gummiband versehen. Sie genoss es regelrecht, wenn Dinge weniger wurden. Leere Dosen und Gläser spülte sie beruhigt aus und schmiss sie weg. In einem Haus von Anhäufern war sie zu einem Enthäufer geworden; immer Ausschau haltend, was man entbehren und wegschmeißen konnte.

Jetzt steht sie auf einem Balkon, mit ihren fast dreißig Jahren, ihrer schlanken Taille, und raucht wie ein Schlot. Vielleicht will sie die Mensch­heit vom Tabak befreien. Die ganzen Plantagen einfach wegrauchen! Ja, wahr­schein­lich freut es sie sogar, dass die Erdöl­ressou­rcen sich ihrem Ende neigen, denke ich gries­grämig; spähe aber gleich­zeitig schon zum Fenster, ob wir uns wieder vertragen. Mit einer kräf­tigen Dreh­bewegung bohrt Frieda einen Filter in den Aschen­becher, während eine Rauch­schwade sich ihrem Kopf nähert. Ich vermute, dass sie, durch den weißen Nebel spähend, dasselbe tut. Auf jeden Fall ist sie wieder bereit, eine Küche zu betreten, in der ich sitze.
  Es hat mich nervös gemacht, sagt Frieda entschieden, als sie die Tür hinter sich zuzieht. Weißt du, ich hab den ganzen Mist in der Wohnung aufgestellt – und dann wieder weggetragen. Ich glaube, je älter ich werde, je schlimmer wird’s, oder besser, wie man’s nimmt.
  Ja, aber Frieda, sage ich besorgt, deprimiert dich das denn nicht, in so einer kahlen Wohnung zu sitzen? Sie tätschelt mir lieb und ver­ständnis­los die Schulter: Nein, Schwesterlein, das hält mich davon ab, wahnsinnig zu werden! Weißt du, zum Beispiel diese elektrische Pfeffermühle, die du mir zu Weihnachten geschenkt hast? Ich dachte jedes Mal, ich würde den Verstand verlieren, wenn ich sie angeschaut habe.
  Was, bitte schön, hat dir diese Pfeffermühle denn getan, frage ich gekränkt. Nimm’s nicht so schwer, sagt Frieda. Das Leben ist voller Furcht, da ist es doch nur recht, wenn man einen Teil davon über Bord wirft.

Bei diesem Satz wurde mir plötzlich ganz ernst zumute, und ich versuchte, bis zu meiner Abreise am Abend an etwas anderes zu denken. Aber es gelang mir nicht: Sie hatte so recht. Und sie hatte so unrecht. Wie es mir manchmal auf die Nerven geht, dass der eine Mensch nicht wie der andere ist. Gegen neun Uhr verab­schie­dete ich mich schließlich von ihr. Ich stand un­schlüs­sig an der Tür (ich wollte die U-Bahn nehmen) und hatte das Gefühl, noch etwas sagen zu müssen. Frieda fiel mir indessen wie eine Schwester in die Arme und hatte schon die Klinke in der Hand, als ich noch mal ansetzte: Na ja, solange du mich nicht eines Tages über Bord schmeißt, sagte ich kleinlaut. Frieda lächelte mich nur an. Und als ich die Treppen runter ging, ließ ich die Hände durch die Luft schweben, spielte eine diffuse Melodie und lachte: Schwamm drüber. Man hätte es wissen müssen.
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