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Michael Opitz
Wolfgang Hilbig – Eine Biographie

Sprachsüchtiges Genie
Michael Opitz' Biographie des Dichters Wolfgang Hilbig

  Kritik
  Michael Opitz
Wolfgang Hilbig. Eine Biographie
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.2017
663 Seiten, 28,– €
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Der Berliner Literaturwissenschaftler Michael Opitz hat die erste große Biographie des in vieler Hinsicht rätselhaften Dichters Wolfgang Hilbig vorgelegt, zehn Jahre nach dessen Tod – im Ganzen ein souverän und kenntnisreich geschriebenes Buch aus der Perspektive eines in der DDR aufgewachsenen Forschers; ein im Westen Sozialisierter hätte vermutlich andere Akzente gesetzt. Opitz hat dafür die 46 Archivkästen des Nachlasses und die Hilbig-Sammlung der Berliner Akademie der Künste durchforstet, zahlreiche bislang unveröffentlichte Manuskripte und Briefe ausgewertet.
  In ihrem 2008 erschienenen Essay „Der Gottesbeweis“, der beim Schreiben der vorliegenden Biographie nicht berücksichtigt wurde, stellt Natascha Wodin, die mit Hilbig dreizehn Jahre zusammengelebt hat, die Kernfrage, woher dieser „unter Sprachlosen“ Aufgewachsene die poetische Sprache seiner Gedichte hatte. Er konnte sie, so Wodin, „nicht in der Umgebung gelernt haben, aus der er kam“, denn dort sei ihm „nie etwas anderes zu Ohren gekommen als der sächsische Dialekt der Arbeiterklasse und das von wüsten polnischen Flüchen zerhackte Deutsch seines aus Polen stammenden Großvaters, der der Schrift nicht mächtig war.“
  Michael Opitz weiß auf diese Frage keine Antwort, er stellt sie auch nur indirekt, umgeht sie lieber und konzentriert sich auf eine akribische, weithin chronologische Darstellung des Werks, darunter erstaunlich viele noch unbekannte Texte, wobei er bemüht ist, die reale Lebensgeschichte des gelernten Bohrwerkdrehers und späteren Heizers mit den Biographien der Helden seiner Erzählungen möglichst eng zu verzahnen, ein Verfahren, das nicht unproblematisch ist, selbst wenn man davon ausgeht, dass sämtliche Arbeiten Hilbigs autobiographisch grundiert sind.
  Der späte Aufstieg des 1941, mitten im Krieg, im thüringischen Kohlegebiet von Meuselwitz geborenen Arbeiterjungen zum „Weltliteraten“, der krumme Weg des Heizers zum Georg-Büchner-Preisträger wird von Opitz in sechs Arbeitsschritten nachgestellt. Hilbig entstammte einem dumpfen, gewalttätigen Milieu, gegen das er früh rebellierte. Der Vater, ein Autoschlosser und Wehrmachtsoldat, fiel Anfang 1943 in der Nähe von Stalingrad; Hilbig hat ihn nicht kennengelernt. Die überforderte Mutter schlug den Sohn mit einer eisernen Schöpfkelle auf den Kopf, der Großvater, ein cholerischer versoffener Bergarbeiter, verbreitete nichts als Schrecken im Haus. Doch der Kontakt zur Mutter, mit der er fast vierzig Jahre die Wohnung teilte, brach nie ab. Lange Zeit schlief er neben ihr im Ehebett, später kam er neben den unheimlichen Großvater zu liegen.
  Das Leben in der Bergarbeitersiedlung bot dem Schlüsselkind aber auch Vorteile, etwa die Freiheit, schier endlos umherzustreunen in den Braunkohlewäldern einer vom Tagebau zerstörten Landschaft. Er wuchs zwischen Ruinen auf. Seine Poetik hat sich gewissermaßen aus der Asche entwickelt. Er hat als Kind auf und mit Asche gespielt, als Heizer Asche produziert und geschmeckt. Ob er dabei immer pflichtgemäß an die deutsche Nazi-Schuld und die Öfen von Auschwitz gedacht hat, wie Opitz nahelegt, ist zumindest fraglich.
  1956, nach dem Abschluss der 8. Klasse, verließ Wolfgang Hilbig die Volksschule und begann eine Lehre in der Meuselwitzer Maschinenfabrik. Heimlich schrieb er Abenteuer- und Gespenster-Geschichten, las unersättlich E.T.A, Hoffmann, Tieck, Chamisso und weitere Romantiker, seine ersten prägenden Vorbilder, von denen er auch das Doppelgänger-Motiv, die Aufspaltung der eigenen Person übernahm. Weder in der Schule noch bei der Nationalen Volksarmee oder in der Fabrik konnte der Einzelgänger sich ins Kollektiv einfügen, überall bekam er Schwierigkeiten. Aber er war ein guter Sportler, boxte und turnte erfolgreich im Verein „Motor Meuselwitz“. Diese Stadt hat ihn geformt, in ihrer Umgebung hat er Wurzeln geschlagen, doch zugleich fühlte er sich „abwesend“, heimatlos und ungebraucht. Das Fragment gebliebene Langgedicht „prosa meiner heimatstraße“, eine „Straße des Schreckens, der ich nie entkam“, ist hier angesiedelt. Zu Recht sieht Opitz in diesem Text den „Gipfelpunkt“ von Hilbigs Lyrik, die „Essenz“ seines Werks.
  Nach der Entlassung aus der Armee arbeitet er wieder als Werkzeugmacher, ab 1970 dann für zehn Jahre als Heizer. Seine am Pausentisch des Kesselhauses entstandenen Gedichte schickt er an ost- wie auch an westdeutsche Verlage und erntet überall Absagen. Doch er glaubt an sich, sucht weiter nach einer neuen Sprache mit einer eigenen Grammatik, in der das Wort eine besondere, magische Bedeutung gewinnt. 1977 ist Hilbigs Stimme zum ersten Mal mit zwölf Gedichten in der Sendung „Transit – Kultur in der DDR“ des Hessischen Rundfunks zu hören – der Beginn einer steilen Karriere im Westen und ein Abgesang auf die DDR und das trostlose Leben im sogenannten Sozialismus. Über die Rundfunksendung bekam Hilbig Kontakt zum S. Fischer Verlag, wo 1979 sein erster Gedichtband „abwesenheit“ erschien. Vergebens hatte die Stasi, hatte sogar das Kulturministerium der DDR versucht, das Erscheinen des schmalen Buches zu verhindern. Grotesk mutet im Nachhinein der destruktive Aufwand an, den man betrieb; und wie wichtig man im anderen Teil Deutschlands die Literaten nahm, die man gleichzeitig verachtete.
  Michael Opitz, stets gut über alle Vorgänge, zumal die im Osten, informiert, stellt Hilbigs Erzählungen, Romane, Essays, Poetik-Vorlesungen, auch Interviews und Briefe Schritt um Schritt vor, manchmal etwas zu ausführlich, mit Redundanzen und Wiederholungen, dass man als Leser leicht den roten Faden verliert. 1985 darf Hilbig in die Bundesrepublik ausreisen. Er lernt die Schriftstellerin Natascha Wodin kennen und zieht mit ihr nach Nürnberg, 1988 dann für sechs Jahre nach Edenkoben, wo beide im dortigen Künstlerhaus ein Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz wahrnehmen – eine für Hilbig äußerst produktive und relativ ruhige Lebensphase in der pfälzischen (Schein-)Idylle, die von Opitz etwas knapp abgehakt wird. Dort stellt Hilbig das Trinken ein, und es entstehen bedeutende Prosawerke: der Roman „Eine Übertragung“ (1989), als Opus magnum die Erzählung „Alte Abdeckerei“ (1991) und der auch ökonomisch erfolgreiche Stasi-Roman „Ich“ (1993).
  Im September 1994 kehrte Hilbig in den Osten Berlins, auf den Prenzlauer Berg zurück. Er trennte sich von Natascha Wodin, begann wieder zu trinken und lebte auch hier weitgehend isoliert. Seine Produktivität erlahmte; es heißt, die Geschichten gingen ihm aus. Sein langsames Verstummen könnte auch etwas zu tun haben mit dem Verschwinden der DDR, dem (ungeliebten) Nährboden seiner Dichtung (jedoch kaum mit der New Yorker Flugzeug-Attacke vom 11. September 2001, wie Opitz annimmt). Im Jahr 2000 erschien sein dritter und letzter Roman „Das Provisorium“, der den Schock der Begegnung mit dem Westen verarbeitet, 2001 sein letzter Gedichtband „Bilder vom Erzählen“. Alles in diesem hochpoetischen Werk weist auf Abschied hin, eine letzte Fahrt durch die Wunder und Schrecken der Poesie, begleitet von Hölderlin, Edgar Allan Poe und Arthur Rimbaud. „Nun fällt die Nacht: die Zeit die dauernd endet / und dir gebrichts am Wort mit dem du ferner handelst “ Im Februar 2007 wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert, an der Hilbig vier Monate später starb.
  Wolfgang Hilbig war ein sprachsüchtiges „Genie“ (auch wenn dieser Begriff im Zeitalter akademischer Schreibkurse nicht gern gehört wird), ein Dichter höllischer Visionen in der Tradition Trakls und Baudelaires, Kafkas und Becketts, der das Pathos, den hohen Ton der Tragödie bevorzugte. Er war auch ein „Dämon“ (so nennt ihn Natascha Wodin in ihrem Schlüsselroman „Nachtgeschwister“ von 2009), gefährlich jähzornig und „maßlos in allem“, ein „Irrer“, der sie mit der Faust niederschlug und mit dem Messer durch die Weinberge verfolgte, ein Besessener, der bei Nacht schrieb und tagsüber schlief und sich sonst um kaum etwas kümmerte. Ein „Psychopath“, dessen „Irrsinn durch den Wechsel der Welten eskaliert“ war (so Wodin). Das Doppelbödige und Extreme seines Charakters, seine Obsessionen, Selbsthass und Selbstverachtung kommen in Opitz` Biographie nur ganz am Rand vor, als wollte der mit seinem Helden sympathisierende Autor in solche Abgründe lieber nicht eintauchen.

 

 

 
Michael Buselmeier
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