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Michael Basse

Weiße zeit

Alles ist leicht an diesem morgen das weisze licht ist nur über den äther gehaucht die hänge schwebend gebleicht über den tieferen vierteln der stadt liegt nebel ruhig beinah träge mischt sich der rauch aus kaminen in dieses weiß nur die gräser die feinen verästelungen vom frost mit härterer glasur überzogen fast kristallen während die tünche an häuserfassaden und giebeln kaum scheidet zwischen schneerest und abgeblättertem weiß.

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Alles ist leicht an diesem morgen die spärlichen laute unten das gurren der tauben oben nichts dringt durch den weißen film diese licht­emulsionen der sonne vor der die wolken sich häuten und häuten die fotos im zimmer sich häuten die uhr die schrift an der wand sich häuten zunehmend heller strömt das licht dieses tages durch alle räume die fenster rahmen es weiß.

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Alles ist leicht an diesem morgen weiß weiß weiß sind alle meine gedanken erinnerungen an rom an die weißen katzen im colosseum die ich nicht sah nur die streunenden tempeltiger auf der weißen treppe der schreibmaschine von rom dieser katzen­milchstraße zum museo centrale di risorgimento das immer noch dauert ja dauert die tage und nächte davor sind weiß.

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Alles ist leicht an diesem morgen die letzte nacht wird zunehmend weißer auf dieser morgenleinwand sind alle filme variationen in weiß das grün der platanen die marmorne synagoge zu rom so strahlend so weiß die bilder türmen sich übereinander zu einer immensen gestalt mit schwärenden gliedern die alles umhüllen fixieren zu einer letzten projektion in weiß.

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Alles ist leicht an diesem morgen auch die schneller und schneller verrinnende zeit ging ein in die weiße magie des lichts wie in klänge von gamben ein gleiten ein zarter hauch fortgetragen in alle kabinette und spiegelsäle ein schimmern ein leuchten so enden die syn­äs­thesien der nacht die wortkaskaden das schlachten schleifen sezieren im hirn all der verstümmelten glieder rümpfe geformt gehärtet zu weißen torsi jetzt könnt er mich holen der schwarze der fährmann wie auch immer er fände mich willig mein antlitz weiß.

Aus: Die Landnahme findet nicht statt, Berlin (Corvinus Presse) 1997

Michael Basse  03.12.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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Lyrik