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Henning Ahrens

Gespräch mit Mario Osterland für den poetenladen
Die Uhren ticken auf dem Land nicht anders
  Gespräch        Literatur und Zeit
Henning Ahrens wurde 1964 in Peine, Niedersachsen, geboren und lebt heute als Schrift­stel­ler und Über­setzer in Handorf bei Peine. Er stu­dierte Anglistik und Geschichte und promo­vierte über John Cowper Powys. Zu seinen Veröf­fent­li­chungen gehören Gedicht­bände und Romane. 2009 erschien das »Provinz­lexikon«, in dem Henning Ahrens von A bis Z über die Provinz »in uns und um uns herum« schreibt. Er wurde mit dem Wolfgang-Wey­rauch-Förder­preis, dem Nicolas-Born-Preis und dem Friedrich-Hebbel-Preis aus­gezeichnet.


Mario Osterland: Lieber Herr Ahrens, leben wir in einer Zeit des Zeitmangels, in der Zeit schon zu einem Luxusgut, einem Wohlstandsgut geworden ist?

Henning Ahrens: Das hängt wohl vom Beruf, vor allem aber davon ab, wie der Einzelne mit seiner Zeit umgeht: Lebt man nur für den Job? Hat man weitergehende Interessen? Sind Job und Interesse identisch? Das Zeitgefühl ist ja schon vor zwei Jahrhunderten durch die Industrialisierung umgewälzt worden und seither hat sich daran wenig geändert. Kann sein, dass die Alltagstakte kürzer werden, aber ich denke, dass man vieles selbst in der Hand hat; dazu muss man allerdings über Konventionen, Trends und Gewohnheiten oder Zwanghaftigkeiten hinausdenken.

M. Osterland: Glauben Sie, Sie bekommen das gut hin? Oder haben Sie öfter »keine Zeit«?

H. Ahrens: Natürlich fehlt oft die Zeit für dieses oder jenes; und seine Zwang­haftig­keiten etc. hat man auch nicht immer im Griff. Aber im All­gemeinen finde ich die Zeit für das, was ich tun möchte – wobei ich hinzufügen muss, dass ich sehr in meiner Arbeit aufgehe. Ich brauche selt­samer­weise nicht viel mehr.

M. Osterland: Schreiben Sie täglich und /oder haben Sie einen Zeitplan dem Sie beim Schreiben folgen?

H. Ahrens: Wenn ich mich in einem Text befinde, schreibe ich täglich. Dazwi­schen gibt es aber immer wieder Phasen der Reflexion bzw. Über­arbeitung. Ich folge nur einem groben Arbeits­plan, keinem Zeitplan; das ist beim Schreiben auch kaum möglich, weil Texte nicht nur eine Eigen­dynamik, sondern auch ein Eigenleben haben. So ist mein neuer Roman auf unerwartet viele Seiten ange­wachsen, weil die Story dies ver­langt hat. Wahr­schein­lich arbeiten andere Autoren anders; vermutlich gibt es Autoren, die viel mehr im Detail planen; ich selbst finde das langweilig; ich lasse mich beim Schreiben gern übe­rraschen. Das Verfassen eines literarischen Textes bedeutet ja immer, dass man führt und sich gleich­zeitig führen lässt. Außerdem habe ich außer Schreiben noch mehr zu tun: Ich muss gele­gent­lich meine Kinder erziehen, Rasen mähen, Reifen wechseln, das Katzenklo säubern etc. pp. Und im Gegen­satz zu Über­setzungen gibt es bei eigenen Romanen Gott sei Dank keinen festen Abgabe­termin.

M. Osterland: Gibt es eine Tageszeit, zu der Sie bevorzugt schreiben?

H. Ahrens: Ich verdiene mein Geld immer noch zu einem großen Teil mit dem Übersetzen; das ist die Pflicht. Das Schreiben ist die Kür, und es richtet sich nach dem Übersetzungspensum. Deshalb schreibe ich mal vormittags, mal nachmittags und/oder abends. Kommt darauf an.

M. Osterland: Glauben Sie, dass das Schreiben auf dem Land entspannter ist als in der Hektik der Großstadt? Ticken die Uhren für den Schriftsteller auf dem Land anders?

Henning Ahrens: Die Uhren ticken sicher nicht anders, aber man ist als Autor ziemlich allein. Und da die Leute in kleineren sozialen Einheiten wie Dörfern oder Klein­städten meiner Erfahrung nach ein Problem damit haben, wenn jemand »aus ihrer Mitte« in der Öffentlichkeit sicht­bar wird, muss man immer wieder Missgunst, manchmal sogar Feindseligkeit ertragen. Man ist ja ein Exot, ein Außenseiter, und die sind auf dem Land nach wie vor nicht gern gesehen; ich bin hier jahre­lang gemobbt worden. Das zeigt wohl, dass das Leben auf dem Land alles andere als eine Idylle ist. Und da man als Autor kaum Kol­legen findet, muss man sich andere Freunde suchen – ich kenne hier Beamte, Ange­stellte, Tabak­händler, Kranken­schwestern, Hand­werker usw., alle sehr klug und fast alle sehr belesen. Das ist durchaus bereichernd, denn in der »Szene« schmort man nur in verwandten Säften.

M. Osterland: Warum fehlt im Provinzlexikon das Lemma Zeit?

H. Ahrens: Weil die Zeit in der Provinz nicht langsamer oder schneller vergeht als in der Stadt; weil der Kalender auf dem Land genauso gilt. Das »gemäch­liche« Land ist ja weit­gehend verschwun­den bzw. ein Klischee.

M. Osterland: In einigen ihrer Gedichte entwerfen Sie jedoch solche Bilder. Wenn z.B. in Dorf, Stille die Stille des Dorfes es ermöglicht, in Ruhe den Code der Amseln zu ent­schlüsseln, oder wenn in Dorfsommer das Erstaunlichste, was man be­obach­ten kann, eine Über­schreitung des Bade­verbots am Baggersee ist.

H. Ahrens: Die »Stille« des Dorfes wird ja auch in diesem Gedicht durch Gebrüll und Motoren­lärm gebrochen. Selbst­verständlich gibt es immer wieder Augen­blicke der Ruhe, und es gibt auch stille Winkel. Was ich an dieser sehr zersie­delten Gegend mag, die früher von der Schwer­industrie geprägt war, sind aber gerade die Wider­sprüche – wenn man so etwas wie Idylle findet, stößt man auch gleich auf das Gegenteil: Kraftwerk, Stahlwerk usw. Es gibt viele Reibungs­punkte, obwohl es sich um das Land handelt.

M. Osterland: Einige Ihrer Bücher ziert der Satz »In Henning Ahrens haben wir einen bedeu­tenden Gegen­wartsautor«. Fühlen Sie sich als Gegen­warts­autor, d.h. als Schrift­steller, der stark vom aktuellen Zeit­geschehen geprägt wird? Oder sehnen Sie sich manchmal gar nach einer anderen Zeit?

H. Ahrens: Tja, was die Verlage so auf die Bücher drucken ... Ich bin sicher kein politischer Schriftsteller und halte das politische bzw. gesell­schaft­liche Engage­ment auch nicht für die Haupt­auf­gabe eines Autors, obwohl viele Kritiker, vor allem jene in reiferen Jahren, das offenbar anders sehen. Da ich alles interes­siert verfolge, was um mich herum geschieht, fließt aller­dings immer wieder etwas in meine Romane ein – wenn auch ver­mittelt, denn das allzu Direkte empfinde ich als ärgerlich plump. Nach einer anderen Zeit sehne ich mich nicht und ich möchte auch nicht noch einmal zwanzig sein. Ich habe mich immer mit Epoche und Alter arrangiert.

M. Osterland: Das heißt, es gibt für Sie nur eine Richtung? Nur ein Vorwärts?

H. Ahrens: Natürlich schaue ich auch zurück; ich bin z.B. durch­aus an Fami­lien­geschichte interes­siert. Aber meinen Brumm­kreisel möchte ich trotzdem nicht wieder haben.

M. Osterland: Gibt es eine (literarische) Epoche, die Ihnen bzw. Ihrem Schreiben besonders nah ist?

H. Ahrens: Keine Epoche, sondern nur einzelne Autoren; mich interessiert das Individuelle und Abseitige, und der soge­nannte »Kanon der Literatur« ist mir ziemlich egal.

M. Osterland: In Ihrem Roman Tiertage benutzen Sie phantas­tische Elemente wie sprechende Tiere, um verschie­dene Lebens­welten mit­einander zu verbinden. Verbin­den Sie damit auch verschiedene Zeiten? Ist z.B. die Anleh­nung an klassische Tierfabeln auch als Hommage an eine Zeit zu verstehen, in der der Aberglaube noch eine größere Rolle gespielt hat?

H. Ahrens: Hase und Reiher in Tiertage sind erstens ein Ver­frem­dungs­element, zweitens eine Art Chor, der das Geschehen in der Menschen­welt kommen­tiert, und drittens eine Paro­die auf dieses Geschehen. Obwohl sie einen Rück­griff auf die Fabel darstellen, sind sie keine Hommage an irgendetwas. (Im Übrigen hat es großen Spaß gemacht, die Tier-Pas­sagen zu schreiben ...)

M. Osterland: Langsamer Walzer ist ein futuristisch anmutender Roman, der zeitlich jedoch nicht eindeutig verortet ist. Wie wichtig ist Ihnen die Ausge­staltung von Erzähl­zeit und erzählter Zeit?

H. Ahrens: Sehr akademische Frage ... Wenn ich einen Text beginne, nehme ich Setzungen vor, und diese Set­zungen erzeugen jeweils eigene Gesetz­mäßig­keiten, die auch das Erzähltempo bestimmen; manchmal muss man raffen, manchmal dehnen, je nachdem, was der Roman verlangt. Für mich gilt da nur eine Regel: Der Text muss in sich stimmig sein.

M. Osterland: Also ist Ihnen eine konkrete zeit­liche Verortung der Handlung weniger wichtig?
H. Ahrens: Hängt von Stoff und Handlung ab. Wenn es um allge­meine mensch­liche Probleme geht, ist eine genaue Ver­ortung nicht so wichtig. Wenn es um soziale oder gesell­schaft­liche Ent­wick­lungen geht, kann eine Verortung hilf­reich sein. Nur hat man dann vielleicht das Problem, dass sich narziss­tisch gestörte Idioten unbedingt im Text wie­der­erken­nen wosllen und Ärger machen ...

M. Osterland: Wäre es für Sie eventuell reizvoll, einen Roman zu schreiben, der ein histo­risches Ereignis thema­tisiert?

H. Ahrens: Geschichte interes­siert mich sehr, ich habe sie studiert und lese recht viel in diesem Bereich. Aber nicht jedes Interessenfeld reizt mich als Erzähl­stoff; das sind zwei Paar Schuhe. Einen histo­rischen Roman werde ich mit ziemlicher Sicher­heit nie schreiben.

M. Osterland: Vielen Dank für das Gespräch
 

Dieses Gespräch
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zum Thema in poet nr. 11

Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Herbst 2011
306 Seiten, 9.80 Euro

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Mario Osterland    16.11.2011   

 

 
Mario Osterland
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