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Marie T. Martin

Morgens


Peps zieht einen Bierkrug aus dem Spülbecken. Ich stehe mit dem Geschirrtuch da, aber er stellt das tropfende Glas auf die Ablage. Sein Gesicht ist schwermütig, ein Clownsgesicht, deswegen erzählen ihm die Frauen gern, dass ihre Kindheit unglücklich war. Dabei ist er nicht schwermütig, er ist das Gegenteil, er saugt die Schwermut auf und verwandelt sie. Er saugt auch Nervosität auf und Angst und Müdigkeit, deswegen kommen die Leute so gerne. Sie hämmern nach langen Nächten um kurz vor sechs Uhr gegen die Tür, und Punkt sechs Uhr öffnet Peps die Tür einen Spalt, steckt seinen Kopf heraus und wünscht allen einen guten Morgen. Manchmal johlen die Leute.

Ich sitze auf meinem Balkon, die nackten Füße gegen die Brüstung gestemmt, und sehe zu, wie es hell wird. Ich höre, wie wenige Autos die Ringstraße entlang rasen, ich sehe zu, wie ein Mann Kisten aus einem Lieferwagen lädt, ich höre den Vögeln zu und betrachte die leuchtenden Hotelbuchstaben, bis sie nicht mehr leuchten. Ein Betrunkener wankt den Mauritiuswall herunter, er spricht laut dabei, er ruft nach einer Frau. Von diesem Balkon habe ich gerufene Namen gehört, Musik aus Autos, das Geschrei von Kindern, das wie im Schwimm­bad klingt, harte Stöckelschuhe am Abend, Geburtstagsständchen für jemanden, den ich nicht kenne, Beschimp­fungen, die National­hymne und Bekennt­nisse aller Art. Sogar eine Erpressung gab es neulich, es ging um fünfhundert Euro, immerhin.

Ich höre den versprengten Nachtmenschen zu, die von der Ringstraße abbiegen und sich fragen, wo die letzten Stunden geblieben sind. Hier oben sitze ich, eine Leuchtturmwärterin, die zusieht, wie die Schiffe ziellos hin- und herfahren. Meine Laterne ist das Fenster, aus dem das Licht meiner Wohnung fällt, damit ich nicht vergesse, wo ich sitze. Ich sehe, wie die Leute bei Peps an die Tür hämmern, ein Bier noch in der Hand, oft sind sie jung und die Nacht für sie nicht lang genug. Ein paar Penner, ein Junkie, der mir oft erzählt, ein Schuss sei eben das einzige, das ihm Spaß mache. Mädchen in Cocktailkleidern sitzen da, mit verwischter Wimpern­tusche, ein Mann vom Roten Kreuz frühstückt an der Theke, ein Musiker lehnt sein Saxophon an die Wand und flucht. Einmal hat ein Mädchen in einem lachsfarbenen Kleid auf den Tisch gekotzt, ich hatte das teuerste Frühstück, rief sie danach, und ihre Freundin kreischte.

Ich warte bis alle drinnen sind, dann löse ich meine Erstarrung, knipse die Nachttischlampe aus und gehe durch das morgendliche Treppenhaus nach unten. Die Morgenstunden sind meine Stunden. Weniges kommt auf mich zu, wenig bewegt sich, und die Veränderung des Lichts ist so behutsam, dass sie mich fast nicht erschüttert. Die Leute unter mir sind weit weg, und die anderen in den Häusern ringsum schlafen noch.

Bist du wieder wach geblieben, fragt Peps, und nimmt mit der Zange ein Croissant aus der Vitrine. Es sind doch deine Hände, sage ich, aber er nimmt trotzdem die Zange. Er legt das Croissant auf eine Serviette, es riecht süß und buttrig, und ich denke an das zerbröselnde Blätterteiggebäck in Vaters Fingern, ein von Kaffee tropfendes Croissant. Peps sieht mein Gesicht und sagt zur Seite, während er ein Laugenbrötchen mit Wurst belegt: Alle Eltern sterben. Ich schiebe das Croissant hin und her, ich weiß, sage ich, aber ich dachte immer, meine vielleicht nicht. Ja, sagt Peps, und als Kind dachtest du, du könntest fliegen. Ich weine, an einer Theke kann man gut weinen, besonders, wenn Peps dahinter steht. Er reicht mir eine weitere Serviette, die auch nach Gebäck riecht, ich weine ganz leise, um ihn nicht zu stören, er trägt Tabletts weg und kassiert und wischt und spült und schäumt Milch und streut Kakaopulver und holt Rührei­teller aus der Durchreiche. Zwei Jungs fangen an zu singen, dann schämen sie sich und lachen, Peps hat mir einen Kaffee hingestellt. Ein gebückter Mann legt mir die Hand auf die Schulter, hast du keinen zum Ficken, fragt er, und ich drehe mich weg, auf Wieder­sehen, sagt Peps sehr laut und sehr fröhlich, Wiedersehen, sagt der Mann und geht zur Tür.

Es dauert noch zwei Stunden, bis ich ins Büro muss und das Telefon so laut klingelt, dass mein Körper zusammenzuckt, und eine Kollegin plötzlich im Zimmer steht und mich einen Moment zu lange ansieht, und ich das Gefühl habe, dass ihre Blicke mich durchdringen, und der Klingelton des Aufzugs unerträglich ist, und das Reden mit pappigem Mund in der Kantine, während der Essenshaufen nicht kleiner wird, und der Flur mit den geschlossenen Türen, durch die gedämpfte Stimmen zu hören sind und manchmal ein lautes Auflachen.
 Das ist doch ein guter Job, den du hast, sagt Peps, nicht so stressig wie meiner, du musst nicht viel tun, das magst du doch. Aber es ist immer alles gleich, sage ich, das Büro kann ich nicht mehr sehen. Dabei sagen die Leute, gerade jetzt solle ich mehr arbeiten, rausgehen, es mir schön machen, die Prinzessin in mir, ja, gerade jetzt, mir einen Mann angeln, ein erfülltes Sexualleben, wenigstens Spaß haben, vielleicht ein Kind bekommen, da wächst man über sich hinaus, und auch das Kind in einem wird wieder lebendig, ein Glas guten Wein trinken, in eine Partei eintreten, mich wenigstens für etwas engagieren und häufiger lachen. Dabei sehe ich immer fröhlich aus, ich lächle ständig, während Peps immer schwermütig aussieht.
  Du musst mal wieder schlafen, sagt Peps. Nein, sage ich, dann wache ich vielleicht nicht mehr auf. Lass dir Tabletten geben, damit du wieder reinkommst und merkst, dass es nicht schlimm ist zu schlafen, sagt er. Ich habe welche, sage ich, aber ich dachte, die sind dazu da, damit dann Leute kommen und einem den Magen auspumpen. Ich lache laut dabei und Peps sagt: Ich finde solche Sätze albern. Und dann verschwindet er in die Küche, um den dicken Stefan etwas zu fragen, und taucht sehr lange nicht wieder auf.

Am Morgen ist die Welt noch rein. Aus den Wohnungs­türen treten Männer mit Aktentaschen, in die sie die Zeitung gesteckt haben, und noch wissen nicht viele, was drinsteht. Die Frau vom Blumenladen stellt ihre Töpfe hinaus, der Drehständer vom Kiosk ist erst selten gedreht worden. In den Bäckereiauslagen gibt es noch keine Lücken, und die Schulkinder haben ihre ­Pausenbrote noch nicht gegessen. Kranke Menschen fühlen sich besser als abends, neue Gesetze sind noch nicht beschlossen. Zumindest nicht auf meiner Seite der Welt.
  Wenn es hier nachts ist, ist anderswo Tag, sage ich zu Peps, der jemandem Streichhölzer gibt, findest du das nicht merk­würdig? Man nimmt es hin, oder, sagt er. Und woran denkst du, fragt Peps, und ich sage, ich denke gar nicht viel.
  Ich trinke ein Glas Wasser und Peps trägt Teller mit Speck­eiern zu den Tischen, jemand hustet, jemand schlägt eine Zeitung auf. Es ist stiller geworden. Und wenn ich denke, dann nur in winzigen Ausschnitten, eine Hand mit einem Croissant, eine Mütze, die vom Kopf genommen, ein Radioknopf, der gedreht wird. Ein Schuhlöffel, ein Druckbleistift, eine Zigarettenschachtel, eine Cordjacke. Utensilien, kein Gesicht.
  Wenn du hinfahren möchtest und ein paar Blumen, fragt Peps, aber ich schüttle den Kopf, und da verschwimmt schon ­wieder alles und ich denke, es wird niemals aufhören und ich möchte auch nicht, dass es aufhört.

Die Löffel klingeln an den Tassen, die Gabeln klirren auf den ­Tellern, das Reden ist wie der Fernseher, den man angestellt hat, um die Stille in der Wohnung auszufüllen. Ich sitze immer mit dem Rücken zu den Leuten, ich sehe nur Peps, wie er hinter der Theke hantiert, und durch die Öffnung die Hände vom dicken Stefan, wenn er einen Teller nach vorn schiebt. Du kannst gern bei mir vorbeikommen, sagt der Junkie, dessen Namen ich immer vergesse, etwas Niedliches, Hansi oder Ferdi, und dann erklärt er sehr umständlich, wo er wohnt, und welche Tür im Hinterhof und davor eine Bäckerei, gegenüber der Tankstelle und dann die zweite links, und ich habe das Gefühl, dass mein Kopf platzt, wenn er noch lange weiterredet, wenn irgend jemand auf mich einredet, und dann ist er zur Tür hinaus.

Peps redet nicht auf mich ein, er redet ganz knapp an mir vorbei, so, dass es mich trotzdem noch erreicht. Wie ein Blick in der U-Bahn, der über einen hinweggeht und einen Moment zu lange dauert, um einen nicht zu meinen. Ich sehe auf den U-Bahn-Plan, ich schaue seit kurzem immer wieder nach, welche Linien ich nehmen kann und wo ich umsteigen muss, ich muss das immer wieder nachsehen und mich vergewissern und fahre doch in die falsche Richtung. Besser du schläfst mal richtig, statt dir für deine eigene Stadt einen Plan zu kaufen, sagt Peps. Den Plan hatte ich schon immer, sage ich, ich habe nur lange nicht mehr reingeschaut. Ich falte das knittrige Papier zusammen und sage: Als mir mein Vater früher von der Bahn unter der Erde erzählt hat, dachte ich, man sieht da die Wurzeln der Pflanzen. Peps lacht, da gibt es nur Pisse auf dem Bahnsteig und komische Typen.

Die Morgenstunden sind meine Stunden. Die Leute unter mir sind weit weg, und die anderen in den Häusern ringsum schlafen noch. Ich bin so leer, dass die ganze Stadt hineinpasst. Ich bin so still, dass ich fast die Leute in ihren Träumen reden höre, und so leicht, dass ich wegfliegen würde, wenn ein Windstoß käme. Aber es ist Sommer und nicht sehr windig und mein Magen so klein, dass nur ein Croissant darin Platz hat. Ich versuche nicht daran zu denken, dass wir nur kurz hier sind, aber es wird mir schwindlig davon, und deswegen sitze ich lieber da und höre zu, wie ein Mann anfängt zu weinen und wie die Frau mit dem belegten Brot Peps etwas zuflüstert, das ich nicht verstehe, und wie Peps danach Krüge aneinander schlägt und das Telefon klingelt. Jemand kann die nächste Schicht nicht übernehmen, sagt Peps, jetzt muss ich rumtelefonieren oder es selbst machen. Ich sehe auf die Uhr, ich muss zur Arbeit, mit dem Aufzug fahren, der mit einem Kling! stehen bleibt, im zwölften Stock, ich muss den ­Rechner einschalten, den Mund auf- und zumachen, zu einem Lächeln verziehen, ich muss auf dem Heimweg einen roten Plas­tik­korb nehmen, etwas hineinlegen, eine schwere Tüte nach Hause tragen und irgendwann die Sachen wegwerfen.
  Ich darf nicht auseinander fallen wie das Blätterteiggebäck, ich muss singen, ja, auf dem Weg zur U-Bahn ein Liedchen singen, eine Zeitung kaufen und Nachrichten lesen, ich muss wissen, was auf der Welt passiert, ja, und dann wird der Tag zum Abend und der Abend gleitet in die Nacht und die Nacht in den Morgen und ich sitze auf dem Balkon und die Luft ist angenehm kühl.
  Peps sieht mir zu, wie ich die Tasse wegschiebe und meine Tasche nehme. Ich wickle das Croissant in die Serviette und stecke es ein, es ist gut zu wissen, wie Sachen gehen, zum Beispiel eine Fahrkarte für einen Monat kaufen oder eine Flasche in den Pfandautomaten stellen oder etwas einstecken, das man mitnehmen will.
  Heute Nacht wirst du schlafen, sagt Peps, du musst dich nur dazu entschließen. Ich sehe schon Dinge sich verändern, wenn ich draufgucke, sage ich, und ich habe Angst, dass ich falle und keine Luft mehr kriege. Peps nickt. Ja, sagt er, manchmal hat man solche Träume, aber das passiert nicht wirklich. Du bist doch gesund. Menschen sterben im Schlaf, aber weil ihre Herzen nicht mehr mitmachen oder ihre Lungen. Das weiß ich, schreie ich, aber ich habe trotzdem Angst. Ich schreie nie, ich weiß gar nicht, wann ich zum letzten Mal geschrien habe. Lass mal die Frau in Ruh, sagt einer im Blaumann zu Peps und der winkt ab. Schon okay, sage ich. Peps begleitet mich zur Tür. Zahlen bitte, brüllt jemand, gezahlt wird früh genug, ruft er zurück.
Bis dann, sagt er, bis dann, sage ich.

Die Frau vom Blumenladen stellt eine Art Kranz vor die Tür, ich werde heute die andere Haltestelle nehmen und nicht an dem Laden vorbeigehen, ich werde hinunter­steigen und die Werbung anschauen, bis die Bahn kommt, hoffent­lich macht keiner Musik auf dem Bahnsteig, und hoffentlich geht der Tag sehr schnell in den Nachmittag über und der Nachmittag in den Abend und der Abend in die Nacht.
  Schlaf gut, sagt Peps, nächste Woche hab ich Abendschicht, und der Typ für die Morgenschicht ist ein Trottel. Woanders geht jetzt der Tag zu Ende, sage ich, merkwürdig, oder? Peps dreht sich zu den Tischen, ich komme gleich, ruft er, und legt seine Hand ganz kurz auf meine Schulter.
Marie T. Martin   03.04.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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