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Markus Orths

Gespräch mit Marie T. Martin für den poetenladen
»Heute minus zwanzig Seiten geschrieben!«
  Gespräch        Literatur und Zeit
   
Markus Orths wurde 1969 in Viersen geboren und lebt heute in Karlsruhe. Er studierte Philosophie, Romanistik und Anglistik in Freiburg und war als Studien­referen­dar und Lehrer tätig. Bekannt wurde er mit dem satirischen Roman Lehrerzimmer, der 2003 bei Schöffling & Co. erschien. Es folgten weitere viel beachtete Romane und Erzählungen. Zu den Preisen, die er gewann, gehören der open mike 2000 und der Telekom-Austria-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wett­bewerb 2008. Zuletzt erschien der Roman Die Tarnkappe (Schöff­ling & Co. 2011). Markus Orths schreibt nicht nur, sondern leitet auch regelmäßig literarische Werkstätten.


Marie T. Martin: Lieber Markus, du bist mit Lehrerzimmer bekannt geworden. Wann war aber für dich der Zeitpunkt, an dem du voller Inbrunst sagen konntest: Ich bin Schriftsteller?

Markus Orths: Relativ spät. Erst in dem Augenblick, wo ich nicht nur vom Kopf her verstanden (das war schon früh der Fall), sondern auch »innerlich« begriffen habe, dass ich mich der Ambivalenz beugen muss: Einerseits schreibe ich nicht nur für mich selbst, sondern auch »für« andere Menschen. Andererseits darf ich mich nicht vom »Urteil« der anderen abhängig machen. Das ist natürlich schwer. Es ist vielleicht eine Sache der Erfahrung: Wenn man beim vierten oder fünften Buch merkt, dass es zu jedem Buch euphorische und ablehnende Stimmen gibt; wenn man merkt, dass die Bücher gegeneinander ausgespielt werden; wenn man weiß, dass das Wesentliche der Literatur sich niemals auf der Ebene der Bewertung abspielen kann; dann kann man diese Bewertungs­stimmen, ob positiv oder negativ, sehr gut an sich abprallen lassen.

M. T. Martin: Wichtiger als die Bewertung ist also der Arbeitsprozess?

H. Ahrens: Man muss seine ganze Kraft in das legen, was man beeinflussen kann, und das ist der Text, die Qualität des Textes. Wie der Text dann aufgenommen wird, das kann man nicht beeinflussen. Wenn ich jetzt noch tagelang über Rezensionen oder Leserstimmen brüten würde, dann wäre das fatal. Ich nehme alles zur Kenntnis, freue mich natürlich über Lob wie jeder andere auch, aber stecke dies genauso schnell weg wie jedwede Kritik.

M. T. Martin: Was interessiert dich dann mehr als Lob und Kritik?

M. Orths: Ein existenzielles Gespräch über den Text, jenseits aller Be­wer­tung. Das findet fast nur mit Freunden statt. Der Satz »Ich bin Schriftsteller« hatte für mich also nichts mit Auflagenzahlen oder Anzahl von Übersetzungen zu tun, sondern mit einer inneren Einstellung. Eine un­abhängige Abhängigkeit« zu leben, wie oben beschrieben, im Paradoxon zu exis­tieren, das aushalten zu können, das war für mich wichtig. In dieser Beziehung war für mich das Buch Hirngespinste sehr wichtig, da ich mir da – unausdrücklich – diese Fragen stellen konnte. Aber auch heu­te sage ich niemals voller Inbrunst »Ich bin Schriftsteller«. Der Zu­stand der »unab­hängigen Abhängig­keit« ist ein sehr schlingernder und die Sicherheit eines absoluten Statements (»Ich bin ...«) wäre gegen­läufig für die Arbeit des Schreibenden, der zweifelt, ringt und kämpft.

M. T. Martin: Seit wann schreibst, ringst, zweifelst und kämpfst du? Und was hat sich in dieser Zeit für dich verändert?

M. Orths: Ich schreibe seit ich physisch schreiben kann, also seit ich sechs Jahre alt bin. Ich folgte dem Vorbild meines Vaters, der reli­giöse Kurzge­schichten für Kirchen­zeitungen schrieb. Das tat ich auch, später dann einen Roman à la Karl May. Mit 19 Jahren einen Roman à la Philippe Djian. Und erst ab 25 Texte, die eine eigene Richtung anstrebten oder einen eigenen Ton suchten. Erst mit 27 habe ich mich getraut, die Texte an Literatur­zeit­schrif­ten zu schicken. Danach hat sich in den vierzehn Jahren viel verändert. Natürlich gewinnt man Sicher­heit und Souveränität, aber eher im Bereich der Auftrags­arbeit. Wenn ich für den Rundfunk oder den Karlsruher Rheinhafen Texte schreibe, so kann ich das relativ schnell machen, weil mich das Schreiben keine Mühe kostet. Der literarische Text dagegen ist jedes Mal ein Neuanfang. Da kann man schwer sagen: Jetzt hast du es gelernt, jetzt läuft es. Da verirre ich mich immer noch oft genug.

M. T. Martin: Wobei kannst du dich immer noch verirren, was sind die schwierigen Punkte und wo kannst du sagen: Da habe ich mich entwickelt?

Markus Orths: Es dauert immer noch, ehe man den Ton, die Perspektive, die Figuren gefunden hat. Da verwerfe ich immer noch einiges. Aber auch hier entwickelt man sich und streicht z.B. schon mal eher Stellen, von denen man weiß, dass sie ohnehin nicht standhalten werden. Aber im Großen und Ganzen ist es immer noch so, dass ich viel Text schreibe, von dem wenig bleibt. Z.B. hatte Die Tarnkappe mal 400 Manuskript­seiten, von denen ich rund 180 gestrichen habe. Also, wenn ich mich entwickelt habe, wenn ich etwas gelernt habe, dann das bedingungs­lose, gnadenlose Streichen. Kürzen ist eine Wonne geworden. Ich verstehe Autoren nicht, die sich »nicht trennen können«. Wildes, wütendes Kürzen ist für mich inzwischen genauso schön wie wildes, wütendes Schreiben. Ich sage dann zu meiner Frau: Ich habe heute minus zwanzig Seiten geschrieben! Es ist doch wunderschön, wenn sich das Schiff nicht vollbeladen mit allem möglichen Dreck durchs Meer quält, sondern frei von aller Last die Segel setzt und zügig durch die Wogen pflügt! Ha! Was für ein Vergleich! Den könnte man glatt kürzen.

M. T. Martin: Sehr schön: Heute minus zwanzig Seiten geschrieben, das gefällt mir gut! Hast du eigentlich den zeitlichen Verlauf eines Romans immer vor Augen, wenn du anfängst zu schreiben?

M. Orths: Ich weiß, wohin ich will. Ich kenne das Ende. Ich habe eine Struktur, eine Form, bei Romanen oft eine Gliederung. Es gibt einen »Attraktor«, ein Thema, eine Frage, die mich umtreibt, die aber oft Frage bleibt. Durch das Rauschhafte, Assoziative, das mich mitreißt, entferne ich mich dann beim Schreiben von der Struktur, sodass immer genügend Überraschendes für mich selbst geschieht. Bevor ich beginne, gibt es für mich die wesentliche Frage: Was hat der Stoff mit mir selbst zu tun? Ohne diesen Bezug kann ich nicht anfangen. Diese Frage stelle ich nicht immer aus­drücklich, manchmal ist das ohnehin offensichtlich (siehe Corpus oder Lehrer­zimmer). Dann aber auch die Frage: Was an diesem Stoff könnte andere Menschen interessieren? Man kann, wenn man veröffent­lichen will, den Leser nicht ausblenden. Man kann nicht in reiner Nabelschau bei sich selbst bleiben. Man existiert nur durch die Blicke der anderen. Man schreibt demnach auch immer im Hinblick auf die anderen, zwangsläufig. Das ist kein opportunistisches Hinter­her-Eiern und Anbiedern, sondern eine Grund­konstel­lation, die es immer wieder sich klarzumachen und zu hinterfragen gilt.

M. T. Martin: Das Zimmermädchen Lynn muss aufgrund ungünstiger Umstände eine ganze Nacht unter dem Bett eines Hotel­gastes ver­bringen. Wie wichtig war der Parameter Zeit für die Grundidee des Buches?

M. Orths: Zeit als Lebenszeit, die uns bleibt, bis zum Tod. Wird diese »Weile«, die uns bleibt, »lang« (Heidegger), erfahren wir Langeweile. Der Lange­weile versuchen wir zu entfliehen durch Zer­streuung, aber auch durch Routine, Ritual, Struktur. Stattdessen müssten wir uns der Langeweile stellen, um herauszufinden, was wir mit der »langen Weile«, die uns bis zum Tod noch bleibt, anstel­len sollen. Genau das versucht Lynn. In sich und in andere hinein­zuhorchen. Aber sie »bleibt sich aus« (Jaspers), findet nichts, wofür sich zu leben lohnt, eine schreckliche Erfah­rung, sodass sie sich weiter in Struktur und Rituale flüchten muss wie wir alle. In ihrem Fall ist es das Putzen. (In meinem Fall das Schreiben). Das Wegwischen des Staubs als Bild fürs Weg­wischen des Gedankens an den Tod, der nur dann schreck­lich ist, wenn wir das Gefühl haben, nicht gelebt zu haben, nichts mit der Zeit des Lebens ange­fangen zu haben, die uns gegeben wurde. Zugleich ist diese Struktur unend­lich wichtig fürs Leben. Ohne eine solche Struktur wären wir nicht lebens­fähig. Eine solche Struktur ist also Fluch und Segen zugleich und wir müssen uns ständig mit ihr auseinander setzen.

M. T. Martin: Glaubst du, dass wir Einfluss auf unser Schicksal haben, oder läuft die Zeit wie vorbestimmt ab, und unser Leben mit ihr?

M. Orths: Ich mag das Wort Schicksal nicht. Jeder Mensch kann aus einer Fülle von Möglichkeiten wählen und sein Leben bestimmen. Es sind ihm aber ungleich mehr Möglichkeiten verbaut, die er nicht wählen kann. (Ich kann z.B. kein Hundert­meter-Sprin­ter werden, weil die Vor­aus­setzungen fehlen.) Die Dinge, die wir nicht beein­flussen oder ändern können, gilt es hinzu­nehmen, ohne daran Energie zu verschwenden im sinn­losen Versuch, etwas zu schaffen, was von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Die Dinge aber, die wir beein­flussen können, dahinein müssen wir unsere Kraft stecken. Und da bleibt uns immer die Wahl aus verschiedenen Möglichkeiten.

M. T. Martin: Wie gehst du diesbezüglich mit deinen Figuren um? Siehst du deren ganzes Leben vor dir, auch vieles, was vor oder nach der Zeit liegt, die du uns erzählst?

M. Orths: Das ist unter­schiedlich. Über Lynn Zapatek (Das Zimmer­mädchen) weiß ich keinen Deut mehr als der Leser. Weder welches soziale Umfeld sie hat, noch was sie gelernt hat, noch weshalb sie in der Klinik war, oder wo der Vater steckt. Ich wollte das alles nicht wissen. Ich wollte beim Schreiben sozu­sagen unter Lynns Bett liegen und nur den kleinen Ausschnitt schildern, den ich sehe und der mit der Geschichte zu tun hat. Bei anderen Figuren weiß ich sicher mehr und verrate einiges auch nicht. Ich bewundere Schrift­steller, denen es gelingt, in einem einzigen Roman fünf, sechs, sieben völlig unter­schiedliche Menschen zu erschaffen, die vollkommen unter­schiedlich reden, handeln, leben, denken etc. Also natürlich die klassischen psychologischen Autoren wie Dostojewski, aber auch in neuerer Zeit jemanden wie Philip Roth. Wenn man also Menschen aus Fleisch und Blut auf das Papier zaubert, die sich wesentlich vom »Ego« (in all seinen Facetten) des Autors unterscheiden. Das würde ich gern können. Im über­über­über­nächsten Buch starte ich einen Versuch ...

M. T. Martin: Rolf Dieter Brinkmann schrieb gerne am frühen Morgen, für andere sind die stillen Nacht­stunden am produktivsten. Wann ist deine beste Schreibzeit, wann schreibst du am liebsten?

M. Orths: Von 08:00 Uhr morgens bis 01:00 Uhr mittags.

M. T. Martin: Du bist ein Autor, der viel schreibt und viel veröffentlicht. Hast du auch Zeiten des Leerlaufs? Was tust du dann? Bringst du die Zeit herum, wartest du auf Inspiration, überarbeitest du wieder und wieder oder spielst du Computerspiele?

M. Orths: Ich schreibe leider gar nicht viel. Jedenfalls viel zu wenig. Das ist ein »Image«, das sich völlig falsch etabliert hat: der Vielschreiber. Das ist totaler Quatsch. Wenn ich überlege, wie viel Zeit im Jahr ich mit dem Schreiben und wie viel Zeit ich im Jahr mit anderen Dingen (Manage­ment, Geld­verdienen durch Lesungen, aber auch Familie, Leben etc.) verbringe, so sind das gefühlte 30 Prozent, die fürs Schreiben bleiben. Wenn man sämtliche veröffentlichten Bücher übereinander legt, sind das bei acht Büchern exakt 1256 Manuskript­seiten (habe ich gerade nachgerechnet). Das macht pro Jahr 157 Manuskript­seiten. Das bedeuten 13 Seiten im Monat! Das sind ungefähr 0,4 Seiten am Tag! Selbst wenn man diese Zahl ver­doppelt, aufgrund der vielen gekürzten Seiten und Neben­arbeiten, so finde ich das ehrlich gesagt erbärmlich, jämmerlich wenig. Ich würde gern viel, viel mehr schreiben! Wenn ich (jetzt mal rein quantitativ gesehen) an Dostojewski oder Simenon oder Thomas Mann oder Nabokov oder gar Büchner in seinen jungen Jahren denke, dann wird mir schlecht, wie wenig ich bislang geschrieben habe.

M. T. Martin: Es gibt also eher viel anderes im Leben, das auch seine Zeit fordert, aber keinen Leerlauf?

M. Orths: Bei mir hat es in der Tat noch keinen Leerlauf gegeben (toitoitoi), denn es gibt so viele neue Ideen, dass ich oft gar nicht weiß, welches Projekt ich als nächstes angehen soll. Wenn ich schreiben »darf« (in den Schreibphasen ohne Termine), stürze ich morgens zum Schreibtisch wie sich ein Kind auf eine Portion Eis stürzt und freue mich riesig darauf und kann das auch genießen. Natürlich klappt’s nicht jeden Tag optimal, aber meistens schon.

M. T. Martin: Wie schnell hast du deinen schnellsten Roman geschrieben?

M. Orths: Wenige Wochen (circa drei) für das Lehrerzimmer. Dafür habe ich allerdings vorher drei Jahre »recher­chiert«, an drei verschiedenen Schulen. Das hat sich von allein geschrieben. Ich musste da nichts mehr groß bearbeiten. Auch alle Versuche, später noch ein Kapitel dazuzuschreiben, scheiterten. Das Ding ist ein einem Rutsch raus­geschlüpft und war irgendwie fertig für mich. Dagegen habe ich eineinhalb Jahre für Catalina gebraucht, durch die lange Recherche vorab noch länger.

M. T. Martin: Wie möchtest du als älterer Herr einmal auf dein Lebenswerk blicken?

M. Orths: Dass es nicht wie bei Günter Grass, sondern wie bei Sergio Leone lief: Das Beste kommt nicht am Beginn (Die Blechtrommel), sondern am Schluss (Es war einmal in Amerika): Eine stete, konti­nuierliche Weiter­entwicklung des eigenen Schreibens, das wäre schön. Und dass es neben dem Schreiben von Romanen und Erzählungen auch auf anderen Ebenen geklappt hat. Vielleicht in Sachen Drehbuch, Hörspiel, Kinderbuch und Theater. Nur ein guter Lyriker, das werde ich mit Sicherheit nicht.

M. T. Martin: Und was sind die schönsten Augenblicke beim Schreiben?

M. Orths: Wenn der Punkt erreicht ist, an dem ich das Gefühl habe, nicht mehr selber dort zu sitzen, sondern mitgerissen zu werden von etwas anderem, dann ist das für mich gleichbedeutend mit einem Augenblick Glück.

M. T. Martin: Herzlichen Dank für das Gespräch.
 

Dieses Gespräch
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Mare T. Martin    07.12.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Marie T. Martin
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