POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 
Hinauf und hinunter

Ich sitze hier im heißen Sand, halte meine Zehen mit den viel zu langen Nägeln in das aufgewühlte Wasser, und denke mir, ich halte ihn nicht aus. Immer nur diese fünf Worte ich halte ihn nicht aus. So, wie er neben mir auf einem Handtuch liegt. Still und ohne irgendetwas zu sagen. Denn er liegt nur da, wie er schon gestern dagelegen ist, und auch die Tage zuvor, während er sich immer wieder über seinen Bauch streicht, bis hinein in die knappe Badehose. Was mir peinlich ist, aber er merkt es nicht, denn er fährt mit seinen langen Fingern in sie hinein und wieder heraus und liest dabei und schweigt. Nur manchesmal, da lacht er fröhlich auf. Aber immer wieder hinein in die Hose, und heraus und dieses Auflachen. Weshalb ich hastig nach meinem Sonnenöl greife. Denn ich muß mich ablenken, sage ich mir. Und öle mich ein, mit viel zu viel Flüssigkeit natürlich, da ich nicht auf die Flasche achte, sondern wie hypnotisiert auf seine rechte Hand starre, die nicht aufhört, über seinen Bauch zu streichen, und hinein, und wieder heraus, was mich immer wütender macht, hier, in der glühenden Sonne und am übervollen Strand sitzend, obwohl ich sie verabscheue, diese überlaute Hektik, sitze ich hier und schaue auf das Meer hinaus, immer nur geradeaus hinaus, und möchte nicht mehr denken. Was aber nicht stimmt, das mit dem Hinausschauen und Vergessen, da ich sehe, wie er plötzlich seine Hand aus der Hose zieht. Und schmatzt. Denn er steckt seinen Zeigefinger in den Mund, um anschließend am äußeren Rand des rechten Blattes auf- und abzufahren, mit dem nassen Finger immer wieder auf und ab, in der gleichen Art, wie er mir mit diesem Finger über meine Brust bis hinunter zum Bauchnabel fährt, immer wieder hinauf und hinunter. Und kann mir gar nicht mehr vorstellen, daß die selben Hände, die nun dieses in Zeitungspapier geschlagene Buch halten, jemals meinen Körper berührten. Ja, tatsächlich, diese Finger haben sich in meine Oberschenkel gekrallt, noch heute früh, in unserem Zimmer, in dem die Klimaanlage ausgefallen war, und das schon seit Tagen, aber arbeiteten sich dennoch zwischen meinen Beinen hinauf, diese Finger, die nun endlich eine Seite umblättern, bevor sie erneut in der Hose verschwinden. Und zucke bei dem Gedanken zusammen, daß sie mich noch einmal berühren könnten. Weshalb ich ihn loswerden muß. Loswerden! Brülle ich laut über das Meer hinaus. Nein, natürlich brülle ich nicht, sondern sitze vollkommen ruhig neben diesem Mann, den ich nicht mehr aushalte, aber innerlich, da schreie und brülle ich und sehe ihn von meterhohen Wellen verschlungen. Aber es gibt sie nicht, diese von mir herbeigesehnten Wassermassen, weshalb er noch immer auf seinem schäbigen Handtuch liegt und sich über den Bauch streicht und den Finger schleckt, während ich mir überlege, wie ich es angehen werde. Und zermartere mir das Hirn darüber. Denn ich habe doch keinerlei Erfahrung! Was aber nicht stimmt, da ich schon andere Männer losgeworden bin. Natürlich! Aber nicht so, von einem Tag auf den anderen. Es ging einfach auseinander, irgendwie, und ohne großes Geschrei, aber heute, da möchte ich nicht irgendwie, und vor allem nicht irgendwann, sondern sofort und gleich, denke ich mir, während ich beschließe, nicht weiter zu warten, sondern es ihm gleich hier, an diesem Strand, zu sagen. Ja, ich werde jetzt auf das Meer sehen, ganz konzentriert werde ich hinausschauen und so beiläufig wie nur möglich sagen, daß ich mich trennen werde. Und sehe ihn, natürlich nur in meinen Gedanken, wie er mich anstarrt. Das Buch fällt ihm vor Schreck aus der Hand, während er mich mit zittriger Stimme, nein, wahrscheinlich wird sie nicht zittrig sein, sondern eher beherrscht, wenn er mich fragt, ob ich nun vollkommen durchgedreht wäre. Oder so ähnlich. Überlege ich. Aber habe selbstverständlich noch kein Wort gesagt, da es auch ganz anders ablaufen könnte. Ja sicher, es klingt zwar übertrieben, aber es könnte doch sein, daß er wortlos aufsteht, um ins Wasser zu gehen. So, wie König Ludwig in den Starnberger See gegangen ist, im Film natürlich, um zu ertrinken, wird auch er sich immer weiter hinausbewegen, vielleicht mit erhobenen Armen, bis dieser für mich dunkle Punkt in der Ferne für immer verschwunden sein wird. Was ich mir, um ehrlich zu sein, aber doch nicht vorstellen kann, da er es wahrscheinlich gar nicht gehört hätte, so wie er neben mir liegt, und liest und schmatzt und umblättert, weshalb ich beschließe, dieses Gespräch besser zu verschieben. Und zwar auf heute abend. In unserer Taverne. Wo wir Rembetiko aus dem Lautsprecher hören werden, das Meer wird rauschen, während wir an Lammrippchen nagen und gebratene Auberginen in uns hineinstopfen, ja, und in diesem Augenblick, da werde ich es tun. Und überlege, mit welchen Worten, und in welchem Tonfall, und sage diesen Satz Ich werde Dich verlassen einige Male vor mich hin, nur in meiner Vorstellung, natürlich, und in den verschiedensten Tonlagen. Und sehe ihn, während ich beim zehnten oder elften Versuch angelangt bin, fassungslos aufspringen. Und stelle mir vor, wie plötzlich alle Augen auf uns gerichtet sind, da er mich anschreit. Mit vollem Mund, aus dem zu allem Überfluß Tsatsiki tropft. Oder auch nicht. Denn wird er überhaupt schreien? Überlege ich. Und aufspringen und somit alle Blicke auf sich ziehen? Ich kann es mit bestem Willen nicht sagen, denke ich mir, noch immer hier an diesem Strand sitzend. Doch allein die Möglichkeit ist für mich ein Grund, noch zwei Tage zu warten. Denn übermorgen, da sind wir wieder in Wildenhag, und dort werde ich es tun. Nicht in diesem Urlaub, sondern erst, wenn wir wieder zu Hause sind, dann aber ohne die geringste Verzögerung. Und weiß, daß ich es ihm, kaum hat er die Haustüre aufgeschlossen, sagen werde. Am selben Abend noch. Und stelle mir vor, wie wir, erschöpft von dem Flug und nach der üblichen Verspätung, in meinem Wohnzimmer sitzen, vor einem Glas Wein, und merke gar nicht, während ich daran denke, wie er mir, nachdem ich ihm vollkommen ruhig mitgeteilt habe, daß ich mich trennen werde, und er mir wortlos den Hausschlüssel auf den kleinen persischen Tisch legen wird, vielleicht auch über mein Haar streichen, um anschließend die Wohnung mit einem Lebe wohl! für immer zu verlassen. Ich merke nicht, daß es sich in der Zwischenzeit bewölkt hat. Es wird mir niemand glauben, aber tatsächlich sind im August selbst Regengüsse in Griechenland nichts ungewöhnliches, weshalb ich nun rasch aufstehe und mein naß gewordenes Handtuch und sonstigen Kleinkram einsammle, um zurück ins Filoxenia zu laufen, alleine, denn ohne es zu bemerken, muß er bei den ersten Tropfen aufgestanden und zurückgegangen sein, denke ich mir, während ich tropfnaß, wie ich bin, über die Stiegen hinauf in den ersten Stock haste, da der Lift, wie so oft, nicht funktioniert. Und stolpere dabei vor lauter Ungeschicklichkeit über eine auf der Treppe eingerollten Katze, kann aber zum Glück das Schlimmste noch verhindern, bevor ich die Türe, die unversperrt ist, öffne, um anschließend das Zimmer zu betreten. Aber es ist leer! Was mich erstaunt, denn irgendwo muß er doch sein. Und laufe hinaus auf den Balkon und wieder zurück und hinein ins Badezimmer, aber kann ihn nirgends finden, weshalb ich mich kurz auf den Bettrand setze, um zu verschnaufen. Und nachzudenken, vor allem um nachzudenken. Denn der Schlüssel, der steckt doch von innen, sage ich mir, was ich mir nicht erklären kann, diese Türe, die er vergessen haben muß, in der Eile abzuschließen. Aber warum überhaupt Eile, frage ich mich, während ich gleichzeitig an einen Unfall denken muß, oder wurde er entführt? Ist doch alles Unsinn, denn ich erinnere mich an diese Frau von nebenan, die ihn angestarrt hat, nein, richtiggehend aufgefressen hat sie ihn mit ihren großen und dunklen Augen, diese unsympathische Schlampe. Und merke, wie ich immer wütender werde, bis ich auf einmal lachen muß, denn obwohl ich nichts anderes möchte, als ihn loswerden, bin ich bei dem Gedanken, er könnte jetzt mit seinen Fingern über ihre hängende Brüste fahren, bis hinunter zum Bauchnabel, immer wieder hinauf und hinunter, mehr als erregt, weshalb ich auch zum Anziehen doppelt so viel Zeit brauche wie üblich, da ich die Unterhose, die ich erst umständlich suchen muß, verkehrt herum anziehe, und mein Arm das Ärmelloch nicht finden kann, bevor ich nun endlich den Raum verlasse, um an der Türe der Rivalin zu klopfen. Aber niemand öffnet die versperrte Türe. Weshalb ich schleunigst umkehre, um unten in der Halle nach ihm zu sehen, denn ich suche jede Ecke und jeden noch so kleinen Winkel ab, falle dabei über herrenlos herumstehende Koffer und Taschen. Aber finde ihn auch hier nicht. Weshalb ich mich verwirrt in einen Sessel fallen lasse. Und denke plötzlich, während ich den vorübereilenden Gästen nachschaue, nicht mehr an Entführungen oder Seitensprünge, nein, denn ich bin nun überzeugt, daß er schon vorausgegangen ist. Ja, sicher, er wird die längste Zeit in unserer Taverne sitzen, wo sonst, und seinen Retsina trinken, und auf mich warten. Und ich trödle hier noch dumm herum, denke ich mir, weshalb ich rasch aufstehe und an der leeren Rezeption vorbeigehe, nein, ich gehe nicht, ich renne vorbei und hinaus auf den riesigen Parkplatz, wo eben ein Bus hält, um neue Touristenmengen abzuladen und alte wieder einzusammeln. Und höre es plötzlich hinter mir schreien. Erschreckt drehe ich mich um und sehe den Portier, der mir nachläuft, um mir einen zerknitterten Zettel in die Hand zu drücken. Und bin mir, während ich lese Ich halte dich nicht aus. Bin abgereist. Lebe wohl! Ich bin mir sicher, er hat dabei gegrinst. Der Portier. Hämisch gegrinst. Ich irre mich nicht.

Margarete Karetta       06.01.2006       Print

Margarete Karetta
Prosa