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Maren Kames
Miniaturen
Milchpfützen Mutter schneidet das Brot in Scheiben, die Kruste bricht in groben Stücken, zwischen den Dielen bricht sich der Wind. Das Licht malt einen Kreis aufs Holz, dem Joscha läuft die Nase aus, wenn er hustet macht die Milch kleine Pfützen auf den Tisch. Die Ana spricht leise Abzählreime gegens Fensterkreuz, die Ester, unter ihr, reckt den kleinen Hals, hält sich an Anas Schürze fest. Der Vater flickt die Kessel, im Ofen knackt das Holz, in Joschas Brustkorb knackt die Luft, unter den Dielen wohnt der Wind. Im Lichtrund am Holztisch, die Ana, der Vater, die Mutter, auf ihrem Schoß die Esther, Joschas kleine Pfützen. Sie halten sich an Brotscheiben und Tischkanten, an den Händen zum Gebet, die Füße ein Kreis darunter, Joschas Beine baumeln überm Boden. Der Wind spricht Abzählreime ums Haus. Blaupause In der Verlängerung der Nacht malt die Laterne von draußen kleine, verschlungene Katzen aufs Parkett. Ich knüpf ein Band um die Stunden und wickle mich ein, buchstabier meinen Namen an die Wand, atme den Tag unters Kissen und halte ihn warm. Die Katzen wandern, sie kriechen langsam, sie schleichen mir über die Haut. In der Verschlungenheit der Nacht kratzen die Katzen den Putz von der Wand. Sie ziehen Fäden aus Bändern, Federn aus Kissen, wickeln um und winden sich, verschwinden, im ersten Licht am Morgen ich falle vom Putz. In Emmas Ohren Janusch, sagt Emma, ich höre dich. Ich höre das kleine Geräusch, das deine Zunge beim Aufwachen in der Mundhöhle macht, deine Hand, wie sie neben mir auf dem Kopfkissen ihre Stellung verändert. Ich höre den Flusslauf vor dem Haus meiner Eltern. Ich höre Tau vom Fenstersims tropfen, ich höre Raben. Ich höre meine Großmutter von weit her seufzen, sie ist nicht ganz wach, ich höre das Gebiss meines Großvaters malmen, eine alte Partitur. Ich höre den Richtungswechsel der Züge, unten bei den Bahntrassen, jemanden eine Entscheidung treffen. Ich höre die Kälte in den Wänden herumgehen, das Vibrieren von Klaviersaiten aus dem Stockwerk unter uns, wie du dein Ohrläppchen kratzt. Ich höre einen Wasserfall ins Tal stürzen, an einem Ort vor langer Zeit. Ich höre Raben. Ich höre meinen Bruder weinen, er ist vier und ballt die Fäuste in den Hosentaschen. Ich höre eine Perlenkette zerreißen, die Perlen über die Dielen rennen, durch das Haus, über die Straßen prasseln bis zu den Bahntrassen unten. Ich höre meinen Großvater Bäume fällen an einem Ort vor langer Zeit. Ich höre dich neben mir seufzen, eine kleine Partitur. Ich höre Tau. Ich höre die Hände meines Vaters im Gesicht meiner Mutter, wie sie nickt, sich abwendet, gegens Fenster, vor dem der Tau vom Sims tropft und die Züge ihre Richtung wechseln, bei den Bahntrassen unten. Ich höre meine Großmutter meinen Großvater füttern, er ist vier und ballt die Fäuste in den Hosentaschen. Ich höre einen Ort vor langer Zeit. Ich höre den festen Griff der Hand meines Vaters im Nacken meines Bruders, er ballt die Fäuste, seine kleinen Fäuste, er ist einhundertzehn Zentimeter groß, er heißt Janusch und jetzt bewegt sich deine Hand auf dem Kopfkissen neben mir. Ich höre unseren Vater das Haus verlassen, die Straße, die Stadt. Ich höre die Haut unserer Mutter Falten werfen. Ich höre einen Wasserfall, ich höre uns als Kinder rückwärts lachen. Ich höre unsere Mutter die Bahntrassen entlang laufen, Perlen suchen. Emma drückt sich die Hände auf die Augenhöhlen, ganz fest. Streicher Du wirfst deine Sicht über Bord, legst deinen Blick übers Land, ein Segeltuch, ein langes, erdfarbenes Legato. Es liegt ein Zittern auf allen Bildern, die Farben reiben sich ineinander, Beige, Braun, roter Sand, Arpeggio, Vibrato, wie Pferdehaar auf Stahldraht, wie Streicher. Du fährst hier, dieser ausrangierte, amerikanische Schulbus schiebt sich über die Hochebene, Sandstein, Kurven, Stunde um Stunde. Ihr fahrt hier, du und diese dunklen Menschen in ihren baumwollnen Trachten, Rock über Rock über Staub über Schweiß. Du gehst in ihren Gesichtern herum, Stirnknochen, Wangenknochen, die Rücken ihrer Nasen, diese ledrigen Ebenen, in den Höhlen ihre Augen, ein Schwarz, das verschluckt, das nicht verrät, was sie sehen. Die Radachsen arbeiten, Sandstein, Kurven, Stunde um Stunde. Die Karosse ächzt, ein schweres Tier in jeder Biegung, Plexiglas, Paketband, es zerrt, die Lötstellen, an denen das Land zusammen gehalten ist. Irgendwo am Wegrand sind vier Häuser aufgestellt, Paketband, Mauern, Pappe aus Stein. Eine Frau, ein Kind am Rock, ein Kind auf dem Arm, sie schauen dem Bus hinterher, in ihren Blicken liegt kein Unterschied. Und über diesen mächtigen Becken, in denen sich das Land ausgießt, anhebt und senkt, über Mütter und Kinder, die Häuser aus Pappe, den Sandstein, Kurven, Stunde um Stunde, steht die Sonne und versengt alle großen Versprechen unter einer Decke aus gelber Müdigkeit, Bescheidenheit und Staub. Es dampft. An diesem Bergkamm da hinten ist das Land zusammengenäht. Hier wird es reißen. Straßen.Backbeat [the word is on the street] I Du wirst da irgendwo in der Stadt sein, durch die Straßen laufen mit deinen weiten, aber nicht zu großen Schritten. Jemand wird neben dir gehen, auf einer Höhe, ihr werdet reden, leichte Sachen, ununterbrochen, gleichmäßig, mühelos. Du wirst dir ständig das Haar aus der Stirn streichen, diese immer gleiche, ein bisschen fahrige Geste, die einzige, kleine Nervosität an dir. Der Rest so ruhig wie das Laternenlicht, dieses orangefarbene, durch das ihr geht, ruhig wie die Farbflächen, die das Licht auf die Blattschichten über euch mischt, ihr geht, dunkelgrün, schattig, orange, so ruhig wie diese Nachtluft. Du neigst deinen Kopf nach links, bist auf diese unbemühte Art aufmerksam, achtest auf eure Schritte wie nebenbei, lächelst, ein Lichtwechsel, du gibst eine gut überlegte Antwort, ihr geht da durch die Stadt, durch ihre Lichtschichten. II Du bist da irgendwo in der Stadt jetzt, streichst dir das Haar aus der Stirn - es wäre ganz einfach, vielleicht, unser Reden wie beiläufig, leichte Sachen, wie barfuß, kaum ein Unterschied zwischen dem nächsten Schritt und dem nächsten Einfall, deiner Antwort, meiner Antwort, linker Fuß vor, rechter, orange, grün, unsere Schatten, der nächste Wortwechsel, wenn wir ankommen, wäre es eine Geschichte, wir wüssten, durch welche Straßen wir gehen, wir wüssten den Weg, ohne nachzudenken, die nächste Anknüpfung und zwischendurch ein Lachen, eine stille Zustimmung, ein Wundern, vielleicht, links abbiegen, wir wären gleich da, es wäre ganz einfach. III Du streichst dir das Haar aus der Stirn. IIII Ich würde dir das Haar aus der Stirn streichen, dich ansehen, deine kleine Nervosität, ein stille Zustimmung, es hätte ganz einfach sein können. IIIII Du bist da irgendwo in der Stadt jetzt, ihr seid mühelos, auf einer Höhe, ihr bleibt stehen in einem orangefarbenen Kreis unter den Blättern, seht euch an, du neigst deinen Kopf, es ist ganz einfach. IIIIII Wir wären angekommen irgendwann, es wäre eine Geschichte, sie hätte ganz einfach sein können. IIIIIII Du streichst dir das Haar aus der Stirn, irgendwo in der Stadt. Straßen.Backbeat II Die Stadt atmet noch, flach und leise, durch die Zwischenräume der Häuser, zwischen den Wänden hindurch, wie durch Zahnlücken. Ich gehe die Straßen hinunter, stundenlang die Straßen, die Gehwege sehen mich an, sie flüstern, zerbrochenes Glas. Ich erinnere mich an die Flecken auf dem Teppich, das Glas in meiner Hand, die Fremden, deren Gesichter ich auswendig kenne. Wir treffen uns hier, um uns zu zeigen, dass wir es nicht anders wollen. Ich warte, dass das Jahr ertrinkt, spring forward, fall back down, versuch nicht mich zu fragen, wo du bist. Die Erinnerung wird rosten und erodieren zu Listen der Dinge, die du hier gelassen hast: eine Decke, ein paar Streichhölzer, eine Narbe auf dem Arm, neue Namen für ein altes Verlangen, Postkarten, die ich alle weg geschmissen habe. Ich warte 4/4 der Zeit, zähl die weißen Linien auf der Straße, die neben dir nach Hause laufen werden, hinter mir, nach mir, später. Ich zieh einen Strich durch den Mond, streich die Nacht zusammen, die Listen, die Gesichter, nehm den letzten Schluck und setz einen Punkt hinters Jahr. (Mitschrift | The Weakerthans | Left & Leaving) Dickhäuter Wir ziehn dem Leben das Fell ab, es soll nackt sein, es soll Gänsehaut haben und ganz verschiedene, starke Launen. Wir wollen barfuß über Stoppelfelder trippeln, uns bewegen in großen Gesten, uns verschwenden an irgendwas. Wir führen uns hinters Licht, leben da mit unseren Vorräten, streichen die Tage zusammen, Nächte, Wochen, wir befinden uns auf der Rückseite der Zeit. Wir schreiben die Wochentage zu Anagrammen um, verschlüsseln sie, bis nur noch wir sie verstehen, niemand sonst mehr. Wir wollen kein Einzelfall sein, wir wollen das immer und immer wiederholen. Gerade ist kein anderes Leben möglich, wir haben den Konjunktiv ausgesetzt, wir schmeißen den Schlaf aus dem Fenster. Wir haben ein Feuerwerk im Gesicht, zünden Plüschtiere an und werfen sie vom Balkon. Das Licht wird grün, wir verstehen nichts mehr, wir lachen uns kaputt. Dann sehen wir zu Boden, streichen uns das Haar aus der Stirn, wir sehen es ein. Dann laufen wir fort, so schnell wir können. Deine Haut, wenn die Jahre Dass dein geflochtenes Haar, wenn der Herbst. Dass deine Haut, wenn die Jahre. Dass deine Augenfarbe wie meine, dass dein Gesicht aber eigentlich, die Krümmung deiner Nase zum Beispiel, mit meinem nichts. Dass die Stille auf der Straße vor dem Fenster nachts, die Stille in der Telefonleitung zwischen deinem Ohr und meinem. Wie meine Einbildung dich zu kennen über die Jahre, wie viel Zeit ich dir nicht widme, dass du so selbstverständlich. Dass du dich trotzdem immer änderst, dass etwas geschieht immer noch mit dir, dass du mich trotzdem immer änderst, dass der Abstand zwischen uns, dass ich mich immer im Abstand zu dir eigentlich ändere oder stelle und verstecke. Wie ich mich versteckt habe vor dir, damit du mich suchst, auf irgendeinem Treppenabsatz, wie du nichts gemerkt hast, wie ich nicht merke. Dass der Abstand zwischen uns, zwei Zentimeter, zweieinhalb Jahrzehnte, und die Kilometer, die Leitungen, und die Straße nachts. Die Schnur am Telefon und die Schnur am Telefon, die Schnur am Nabel, die Schnur unter eine Treppe oder unter einem Baum irgendwo weit. Dass wir beide etwas haben, das von da kommt oder da immer noch liegt. Dass du in einem Schaukelstuhl am Fenster irgendwann, dein Profil, die Krümmung deiner Nase zum Beispiel, die Krümmung deines Rückens, dein Haar aus Glas. Dass du ausfallen wirst irgendwann, sehr bestimmt, oder umfällst, deine Verwirrung, eine Kapsel, dass du mit dir selbst sprichst, dein Körper, diese Flecken. Dass dein geflochtenes Haar, wenn der Herbst und dass du seit einigen Jahren von mir aus betrachtet viele Herbste, nur noch im Herbst stehst, ist das so. Dass du dich trotzdem immer noch schminkst und einmischst. Dass du sprichst, wie ich dich nicht höre, dass ich spreche wie du nicht. Was unter unserer Haut, unter dieser Treppe, unter diesem Baum. Dass dein Haar vielleicht dünner wird, dass deine Haut, wenn die Jahre. ( ) Ich liege auf der Oberfläche des Planeten, die Beine angezogen. Der Wind fährt mir unter den Rücken, in die Mundhöhle, zwischen die Beine und der Wind sagt mir, wo mein Körper aufhört und die Luft anfängt, diese ganze Luft da draußen. Ich bin ein System aus Rohren, vielleicht, die aneinander beginnen und ineinander enden, denke ich, durch die der Wind geht, sonst nichts.
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