Andreas Kramer & Jan Volker Röhnert (Hg.)
Die endlose Ausdehnung von Zelluloid
In gestochner Schärfe Flimmern
Kritik
„Statt von allem, was jemals geblüht hat, eine Trockenprobe im Herbarium aufzubewahren und somit Vergangenes zu archivieren, sollte [die Anthologie] sich besser als meteorologisches Register bewähren; sollte dartun, was uns blüht.“ Felix Philipp Ingolds Anmerkungen zu Anthologien, jüngst in Volltext erschienen, bieten in ihrer vehementen Kritik an der grassierenden Archivierung sinnvolle Kriterien zur Beurteilung solcher Sammlungen. Ingold bietet eine Reihe von Vorschlägen an, die sich gegen eine konservative und eher willkürliche Kanonisierung nach unhinterfragten Schulmeistertraditionen wehren. Neben der Konzeption der Blütenlese als Gesamtkunstwerk steht im Mittelpunkt die Forderung nach einer Anthologie, die Impulse zur eigenständigen und weiterführenden Lyriklektüre gibt, ohne allein auf die großen Namen oder die bloße historische und erzählende Ebene der Texte fixiert zu sein.
Mit Die endlose Ausdehnung von Zelluloid legen Andreas Kramer und Jan Volker Röhnert, der bereits eine umfangreiche literaturwissenschaftliche Arbeit zu Kino und Lyrik verfasst hat, eine vorbildliche Zusammenstellung vor. In diese Auswahl sind über hundert Gedichte deutscher Sprache aus einhundert Jahren aufgenommen, in denen Film und Kino eine maßgebliche Rolle spielen. Außerdem ist es die erste derartige Anthologie im deutschsprachigen Raum. Ihrem eigenen Anspruch, nicht einfach „Gedichte ›über‹ Film, Kino und Stars zu versammeln, sondern zu zeigen, wie sich die Form und die Bildersprache deutscher Kino- und Film-Gedichte im Laufe ihrer bereits ein Jahrhundert anhaltenden Auseinandersetzung mit dem Medium verändert haben“, wird die weitgehend chronologisch angelegte Anthologie dabei mehr als gerecht. Der Reichtum an Formen spannt sich vom strikten Sonnett bis zu Klings ›Verbalvideoclip‹. Zusammen mit dem breitgefächerten Themenspektrum – Illusion, Beobachtung, Hommagen an Filme, Schauspieler und Regisseure, Massenproduktion zerstörter Menschen – offenbart dies einerseits die komplexe Genese des Massenmediums Film und dessen Bedeutung in Literatur, Gesellschaft und Geschichte; noch verdienstvoller ist aber der Einblick in den Wandel von Wahrnehmung und Sprache überhaupt durch den Einfluss des bewegten Bildes.
Da hallt ein Schuß, laut, scharf, von irgendwo –
der reißt in meinen Film ein schwarzes Loch,
daß er entsetzt aufkreischt und – stumm zerbricht.
Es zeigt sich, dass Kino und Film nicht zwei beliebige unter vielen Medien und Themen sind, sondern vielmehr allseitig und umfassend bestimmende, die unsere Kategorien, Konzepte und Sprachen, mit denen wir die Welt wahrnehmen und gestalten, grundlegend verändern und mitstrukturieren.
viel hunderttausend ungezählt,
aber nur die blöderen bilder; gerafftes;
– – – – – – – – – fragen,
was für eine Leinwand das auge sei:
Das Einbeziehen kinematographischer und photographischer Techniken wie Montage und Schnitt führt zu einem immer schneller assoziierenden und auf einer leinwandartigen Textoberfläche collagierenden Sprechen, das Unbestimmbarkeit, Endlosigkeit und Fluss ausdrückt. Dies ereignet sich nicht selten in großer Nähe zur Auflösung tradierter Formen, Muster und Schemata, wie etwa die Texte von Jandl, Brinkmann, Priessnitz, Papenfuß-Gorek oder Kling offenbaren:
auf meinem tisch: parkinsonflügel, fransenwurf;
wirft zerfranste schatten, schattenlängen
(gestochen? lichtbegängnis?); startet dann
im restlicht (unvermittelt!) gegen den kreu
zerblauen himmel, in gestochner schärfe
Sprechen und Film, so zeigt die Anthologie, sind einander in ihrer fragmentierten bis zerstörten und zerstörenden Abfolge von Bildern ähnlicher als mensch es wahrhaben mag, und der Leser kann sich anhand der Gedichte mit einigem Gewinn fragen, was da und wie es vonstatten geht, und inwiefern nicht auch die eigene Wahrnehmung und der eigene Ausdruck sich ähnlich verhalten.
Kaum noch bekannte Dichter wie Friedrich Eisenlohr oder Ferdinand Hardekopf werden berücksichtigt, ebenso wie allgemein schwer zugängliche Texte, deren Komplexität und Kompliziertheit Sprache, Dichtung und Gegenstand angemessen ist. Auch wenn vor allem unter den frühen Gedichten einige hochamüsante zu finden sind (Und redet Fred mit „Servus Bauer“ an. / Fred dreht sich um und boxt ihn in den Magen.), eignet sich diese Anthologie also weniger zur kurzweiligen Unterhaltung als vielmehr zur intensiven und anregenden Lektüre, die genügend Impulse bietet, sich weiter mit derartigen Texten und Themen zu beschäftigen. Dazu tragen auch das konzise Nachwort und der ausführliche Kommentar bei. Die liebevolle Gestaltung zeichnet den Band als ein Gesamtkunstwerk aus, verstärkt vor allem von den beeindruckenden und ausdrucksstarken Photogrammen Glenn Vincent Krafts. Die schwarzweißgrauen Schleier und Schlieren in ihrem zunächst unbestimmten Verhältnis zur Oberfläche und zum Raum, auf der und in dem sie sich befinden, lassen im Zusammenhang mit den Texten erahnen, was Sprache jenseits alltäglicher Mitteilung noch sein kann, und vielleicht auch, was uns blüht.

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Léonce W. Lupette
Lyrik
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