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Klaus Anders

An einen Dichter in der Vergangenheit


Àmame con nostalgia,
como a una sombra
So liebe mich mit Wehmut
wie einen Schatten

Luis Cernuda

Heut nacht konnt ich nicht schlafen,
Lag lange wach im Dunkeln, hörte
Das Eis in kurzen Schauern
Auf das Glasdach prickeln. Es sind
Die Stunden, gegen drei Uhr morgens, da
Fühl ich mich zu klein für alles, was der Tag
Erfordert, das Leichteste erscheint
Zu schwer, erst morgens, wenn in der Tasse
Kaffee dampft, kehrt der Mut zurück.

Mich traf erneut dein Ruf,
Aus des Gedächtnis' Tiefen war
Er plötzlich da, ganz zart in meinem Ohr,
Schüchtern und doch gewiß, daß ich ihn
Hören würde. So viel Vertrauen
In Nachgeborene. Und deine Liebe,
Fortgeweht wie Laub im Herbst, sinkt nun
Blatt für Blatt hernieder in den Fremden,
Dir bloße Möglichkeit und doch vertrauter
Als die, die deine Stimme kannten.

Du hast um dein Wort gebangt, daß es nicht
Untergehe. Es blieb. Bleibt eine Zeit. Hat auch mich
Getroffen, spät. Hast dir vielleicht gewünscht
Was Junges, noch unverdorben durch die Welt,
Die Hand auf deinem Arm noch glatt und bebend
Vor Lebensdrang. Zu spät, mein Freund,
Bei mir, fühlt sich auch die Seele jung,
Die Knie knarzen mir, die Hüfte schmerzt, das Grablicht
Gaukelt durch den Garten. Bar, hoffnungsfroh,
Warfst du dein Wort weit in den Nebel.

Zukunft ist ein leeres Haus im Nebel,
Zu dem wir unsere Hoffnung pilgern lassen,
Von wo sie lockt mit einem warmen Licht,
Ein Ort, den wir niemals erreichen, aber
Wenn wir stürzen, schnellt er an uns vorbei
Wie ein erloschener Stern. Die Flammen meines Sehnens
Schlagen aus dem Schwadem in eine
Offene Landschaft, die ich sehe, doch sie war,
Sie ist vorüber, wahrt ihr Geheimnis,
Läßt nur eine Spur wie ein ätherisch Öl, das
Sich verlierend erst Gestalt nimmt, und kreuzen
Deinen Weg und deine Liebe. Du hast
In einer üblen Zeit gelebt, die Hölle
Wurde Welt und schrie: Ich mache alles neu!
Und dann? - Wenn ich nur hier, in diesem Schuppen
Die kleine Säule hauen kann, dem Sandstein
Eine Haut aus rauhen Samt.

Sie lachten über dich, und von den Worten, die sie
Nicht verstanden, kamen sie auf die polierten Fingernägel,
Das akkurat geschnittene Bärtchen, deinen Hüftschwung, ja,
Deinen Hüftschwung, ganz die Dame.
Du warst tapferer, der bessere Dichter.
Die dich verspotteten, sie haben längst ins Gras gebissen,
sind für immer still. Vergiß sie auch.

Ich hatte dich gesucht und wußte nicht,
Daß es dich gab. Und hätte deine Hand
So gern auf meinem Arm gespürt in der
Allee von Roßkastanien, dem Staub an heißen
Sommertagen, den Blick auf die zum Bleichen
Ausgelegten Laken, mit dir den Durst ertragen
Und geteilt die Freude, wenn die ersten Lerchen
Über Äckern steigen, schwerem Lehm im Frühling,
Kommt mit Regen über Regenschauern,
Aus denen grün der Kirchturm schimmert.

Ist einer jung, drängt er hinaus, zerbricht
Die Schranken, doch es kommt der Punkt,
Wo er nicht weiter geht, dasteht, den Mund voll
Bitterer Erde. Was er erhoffte, trat nicht ein,
Was eintrat, hatt' ein anderes Gesicht. Dann sieht
Sein Weitergehen aus wie Stillstand oder reuevolle
Heimkehr. So kreist er um den Ort, doch gibt
Es keine Rückkehr, das Licht ist gekrümmt,
Führt ihn im Kreis, die Luft glashart
Wie steinaltes Eis, das nur an den Rändern schmilzt
Unter den Schlägen des Herzens. Doch manchmal,
Wenn der Duft von Heu oder von
Maienblumen durch die Gassen zieht,
Der Blütenstaub von Raps auf allen Dächern liegt,
Öffnet sich das Eis, das Licht schafft einen
Frischen Tag, vom Dach erschallen Hammerschläge,
Springt der feine Schiefer, dann trifft die Welle,
Überstürzend, hebt empor in einem
Augenblick, der kein Vergehen, kein Bedauern
Und kein Sehnen kennt.

Mühsal, Zweifel, Fremdheit sind wie immer,
Doch ist das Gift der Skorpione
Stumpf geworden, und aus der Ferne
Liegt die Stadt im Abendlicht, gehüllt
In einen rot und goldenen Schimmer,
Der nicht mehr verfliegt. Ziegelwände, Mauern
Aus Lehm, ein Dachfenster, das sich in einen
Ahorn öffnet, ein Bett voll Schnee, und das Gezwitscher
Junger Schwalben, die zum ersten Mal
Draußen auf den Drähten sitzen. Ein Wasser
Blauer Blüten, das in einem Winkel harrt,
Wir gehen hinein, versinken im Vergessen.


Doch jetzt, in dieser Nacht, sind deine Worte hier,
Hier in der Nacht wie Schwalben in ihrem
Sehr leichten Schlaf, den Kopf unter dem Flügel.
Schlaf nur, Freund, schlaf deinen Schlaf.

 

Klaus Anders  18.08.2009   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Klaus Anders
Lyrik