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verloren


  Kathrin Schadt


it´s only when I lose myself in someone else
that I find myself
I find myself
– depeche mode –

carrer d'agapit llobet

Al puerto? Der Taxifahrer sieht in den Rückspiegel und ich nicke und er soll einfach fahren, mit seinen braunen Augen, soll er irgendwo anders hinsehen, weil es hier nichts zu sehen gibt, weil hier nichts ist und ich sowieso nicht. Und du? Kann dich nicht fühlen, nicht meine Nägel im Handrücken und rote Spuren in sandiger Haut. Wieder keinen Schlaf gefunden. Die ganze Woche habe ich stattdessen nach dir gesucht. In diesem kleinen Zimmer konnte man aber auch nicht schlafen, so stickig, so klein, kein Platz für meinen Schlaf, in dieser schäbigen Kammer, schäbig und teuer, aus der Not eine Tugend, aus meiner Not etwas Geld geschlagen. Der Rezeptionist hat mein Geld schön in die eigene Tasche gesteckt. Gab auch kein anderes Zimmer auf der ganzen Insel, gab es kein einziges Zimmer und wie er da stand, der Rezeptionist, hinter dem Tresen und die Haare gelegt, sträubten sich als ich auf ihn zuging, in meinen kurzen unerwünschten Hosen, mit dem falschen Gepäckstück auf dem Rücken, ignorierte er mich bis zum letzten Moment. Vielleicht würde ich ihn nicht ansprechen, vielleicht wieder aus seiner Empfangshalle verschwinden, aber den Gefallen konnte ich ihm nicht tun, auf diesem fremden Stückchen Land und dazu ganz allein. Und wo warst du? Auf diesem fremden Stückchen Land und dazu ganz allein?

Busco una habitación, fein säuberlich von mir aufgesagt und der Rezeptionist drehte den Kopf, weil er ihn drehen musste, weil er der Mann hinter dem Tresen war und ich eine Person davor und er schüttelte ihn sofort, seinen Kopf und mehr konnte er wirklich nicht für mich tun. Aber ich ging nicht weg, stand da einfach herum, wohin sollte ich auch gehen, mitten in der Nacht, stand ich da sicherlich nicht zum Spaß, wollte auch weg, nach Hause, auf das Schiff und nach Hause zurück und wird das mit dir sein? Als die Tränen kamen, gab der Rezeptionist endlich nach, weinende Frauen, Dios, aber schnell erkannte er seine Chance, wo ich doch schon mal da war und er doch so nett, das hatte er sich wirklich verdient.

Ein kleines Fenster im Zimmer, dahinter das Bett und die Tür zum Bad, für mehr war kein Platz, auch nicht für mich. Ob das Bett frisch bezogen war? Im Bad keine neue erstblattgefaltete Klopapierrolle und vertrocknete Spinnen in allen Ecken. Das letzte Zimmer nach dem letzten Treppenaufstieg links, das hinterletzte Zimmer auf dieser hinterletzten Insel, das man längst vergessen hatte und mich darin, hast mich, habe mich vergessen. Durch das geöffnete Fenster die Silhouette der Berge in Augenhöhe mit meiner Verzweiflung, schwarz, wie die Kuppen, nur dahinter die Sonne, die mich zu trösten versuchte mit ihrem Untergang, die immer mehr Farben für mich in den Himmel kippte. Und ich nahm meine Kamera und fotografierte ihre Veranstaltung. Für dich. Für all die Untergänge, die wir zusammen erlebt haben, jede Bewegung der Sonne eingeklickt. Irgendwann sah ich mein fremdes Spiegelbild im Fensterglas und das letzte Foto gehörte diesem Gesicht.

Ein Gesicht das dem Taxifahrer jetzt anscheinend zu schaffen macht, wieder seine Augen im Rückspiegel und der fährt wie ein Schwein, vielleicht kommt ja irgendwo eine Wand und wir auf sie drauf und weg, braucht sowieso keiner mehr. Und Fenster auf und der Wind ist auch unerträglich und meine Hand zwischen Fenster und Tür und ich kurble und kurble und kann dich nicht spüren und wohin nur mit uns?

festland und meer

Ich bin es, Selina. Ist er da?
Nein, er ist nicht da.
Ich versuche ihn schon seit Tagen zu erreichen, wo ist er?
(Räuspern) Selina, ich soll Dir ausrichten, wenn Du anrufst, soll ich Dir ausrichten, dass er nicht wie ein Idiot am Telefon sitzen wird, um darauf zu warten, dass Du endlich anrufst.
Wo ist er, Lorenz?
(Schweigen) Er ist mit den Jungs mitgefahren. Hat sich im letzten Moment dazu entschieden.
Er ist mitgefahren? Er hat mir nicht erzählt, dass er wegfahren wollte.
Hast Du ihm denn erzählt, dass Du wegfahren wolltest? Hast Du ihm denn irgendwas erklärt, bevor Du in den Zug gestiegen bist?
(Schweigen) Hast Du irgendeine Adresse?
Nein!
Sie hatte den Telefonhörer langsam zurück auf die Gabel gelegt, mit hängenden Armen in der Telefonzelle gestanden. Mit Herzklopfen. Hatte sie den Hörer langsam wieder aufgenommen.

Jetzt wurde ihr Zigarettenrauch schnell von ihren Lippen über die Reling getragen. Mondlicht fiel ins Meer und zerbrach in den Wellen. Aus dem Bauch des Schiffes das Weinen eines Kindes. Dort wo all die anderen lagen. In kratzenden Decken, in Klimaanlagengebläse, im Brummen der Neonröhren. In diesem Pferch von Leibern, diesem Touristen­übersee­transport. Alle auf der Suche nach etwas und anderem, nach Leben wie es sein könnte, zwei Wochen Aus­nahme­zustand, zwei Wochen Gedanken­auslage­rungs­zustand und sie mitten drin, wollte gar nicht hier, aber wieder bei ihm sein. Nur hier draußen war die Bewe­gung des Schiffes erträglich. Und die ihrer Gedanken.

carrer de múrcia

Estás bien? Wieder die Taxi­fahreraugen im Rückspiegel. Me pareces muy triste? Also nennen wir es triste und wie traurig ich bin, kann ich noch nicht einmal in Worte fassen, geschweige denn in seine. Wie sagt man, dass du verschwunden bist, auf dieser beschissenen Insel, dass du einfach weggegangen bist ohne ein Zeichen, dass du mich verlassen hast und wie soll das gehen, ich ohne dich? Me llamo Pedro y tu?
Me llamo Selina, und hat der noch nie gehört, dass die Deutschen muy frio sind, muy cerrado, dass sie nicht reden wollen mit Fremden, vor allen Dingen nicht mit Taxifahrern, die sowieso nur Extra­kurven drehen, die uns rein­legen wollen, die dummen Deutschen, die lauten, die überall deutsch sprechen, ist doch egal, versteht doch sowieso jeder. A que hora sale tu barco? Your ship, what time? Und sein Finger tippt auf seine Uhr, sein Nagel auf das runde Glas, klack klack klack, und seine Augen im Rückspiegel, mir wieder mitten ins Gesicht und ich schau auf die Uhr, das Schiff geht erst am Abend. A las siete de la noche.
Hago una pausa, ahora. Si quieres te muestra un pocito nuestra isla bonita? I have break. I show you nice place here, no problem, you want?

insel

Vier Uhr morgens und das Schiff dröhnte bei der Ankunft am Kai, erinnerte sie an den Pfiff kurz vor der Abfahrt des Zuges vor wenigen Tagen. Sie hatte sich nicht von ihm verabschiedet. Hatte ein Ticket gekauft und war in den Zug gesprungen. Dann ihr Name und sein fragendes Gesicht in der Menge auf dem Bahnsteig. Schon einmal sind sie sich so begegnet, sie in der Zugtür und er auf dem Bahnsteig, ihr Blick dazwischen. Schlug damals eine Brücke und ihre Augen weit und überall der andere. Diesmal nur eine Kluft zwischen ihnen und sie konnte nicht hinsehen, konnte nicht ihn sehen. Bis bald, sagte sie und mindestens einer von ihnen glaubte es nicht.

Ein paar Tage nach ihrer Abreise stand nun auf ihrem meerfeuchten Zettel Santa Gertrudis, von der Hauptstraße links, die dritte Finca. Drei Tage lang hatte sie schwitzend auf dem Festland am Hafen gestanden und alle angerufen, die ihr eingefallen waren. Irgendwann dann diese Adresse, besser als nichts und Selina, komm doch nach Hause, das ist doch jetzt Quatsch, erst hast Du ihn nicht mehr ertragen und jetzt – wie willst Du ihn denn überhaupt finden?

Aber jetzt war sie hier, mit ihrem Zettel, auf frisch gewaschenen Pflastersteinen. Um sie herum fielen und küssten die letzten Betrunkenen und laute Musik dröhnte durch die Straßen. Während die echten Insulaner verzweifelt nach Schlaf suchten und ihre geliebte Insel verachteten, für ihre geschmeidigen, so erreichbaren Sommernächte.

avinguda isidor macabich

Pedro fährt, keine Ahnung wohin und schaut immer wieder, von der Seite schaut er und ich aus dem Fenster, das Taxameter blind, seitdem ich mich auf den Beifahrersitz gesetzt habe. No tienes que pagar, es un gusto mostrarte sitios lindos. You don´t pay, is my break. I like to drive with you. Und ich bin ausgestiegen, mit nackten Fußsohlen über den heißen Asphalt um das Taxi herum gelaufen und auf den gebügelt riechenden Beifahrersitz geklettert. Schöne Plätze will er mir zeigen, wie schön können die sein, wenn du nicht da sein wirst, oder vielleicht? Findet sich dort was zusammengehört, wir beide, gehören doch zusammen, haben alle gesagt, haben alle gesehen, all das, woran keiner mehr glaubt, wir schon, für immer, haben wir gesagt, hat sich eingebrannt, für immer, in mein Gehirn, ist das Brandzeichen meiner Definition von uns, diese beiden Worte, für immer, kann doch nicht sein, dass das hier schon aufhört. Für immer. Estás en vacaciones aquí? Ja, so fing das an, nur ein paar Tage Ferien und ein paar Tage später hört für immer nun auf. Si, vacaciones pero hoy – a Alemania.
Eres alemana? Muy bien. Me gustan las alemanas. I like german women, und Pedro schaut von der Seite und grinst über seinen erhobenen Bizeps auf den er zeigt, strong women.

santa gertrudis

Ein Restaurant mit einer Terrasse, daneben ein Kiosk. Das war das Dorf. Ein paar Meter weiter ein Haus, davor eine Telefonzelle, die Tür aus den Angeln. Dörflicher Morgen und es wurde hell und roch nach draußen, nach weit weg von allem und eigentlich war es schön. Wäre er dabei gewesen. Aber so nur die Angst und sie. Unsagbar müde. Und da das Wiesenstück am Straßenrand und sie und irgendwie noch ein Stück Schlafsack an die Wange.

carrer de blas

Quieres un café? Conozco un bar muy lindo. Kaffee? Ein Nicken und Pedro kratzt die Kurve, biegt in eine kleine Seiten­straße, so eng, als wären Taxi und Straße passgenau auf­einander abgestimmt und wieder Pflaster­steine und unsere Körper hüpfen im Takt. Den habe ich gesucht, wieder einen eigenen Rhythmus, nur ein paar Tage, fort von deinen Augen, braun und dunkel, habe ich monate­lang tröstend meinen Blick in sie gelegt. Als das Du frag­würdig war, bin Ich ein­ges­prungen, habe in deine Abgründe geschaut und versucht dir ein Weg nach draußen zu sein. Und brauchte doch nur ein paar Tage frei, ein paar Stunden zwischen uns, kein Drama und tat doch gut, so eine kleine Pause. Cafecito?, und das Taxi auf eine Weg­gabelung, darauf ein Tisch und zwei Plastik­stühle im Schatten eines Eckhauses.

zentrum

Entsetzlicher Lärm, ein Auge auf und über ihr ein rotierender Reifen, landete irgendwo neben ihrem Kopf. Sie setzte sich ruckartig auf und sah einer Motor­cross­maschine nach, die über das Feld eine Staub­fahne hinter sich herzog. Der Fahrer schaute nicht zurück. Schweißnass in ihren langen Sachen und weg mit dem Schlafsack und wo? Santa Gertrudis. Und warum? Schnell einen Schluck trinken. Sie stand auf einem Grün­streifen am Straßenrand, alles ganz anders im Mittag­sonnenl­icht und niemand hier, zum Besser­fühlen. Da war das Restaurant, mit seinen jetzt aufgespannten weißen Schirmen, darunter kein Mensch und sie packte ihre Sachen und kramte nach Kleingeld. Die Blicke der Kellnerin kaum erträglich.

Wie seine Blicke, anders, aber auch unerträglich gewesen sind, wie sie bei ihr nach Halt gesucht haben. Dort wo kein Platz war zu halten. Dort wo selbst nach Halt gesucht wurde. Und irgendwann nur noch sein niedergeschlagenes Gesicht, warum, wusste kein Mensch und sie musste weg. Nur nicht auch zu Boden gehen, wo sie doch schon immer herum gelegen hat. Nur raus aus seinem suchendem Blick, der nichts mehr tragen konnte. Sich selbst nicht und sie sowieso nicht.

Busco chicos alemanos. Aquí en una finca? Und die Kellnerin im weißen Hemd, mit schwarzem eng­sitzendem Rock und den blick­dichten Strumpfhosen, mit ihrem café con leche, starrte sie an. Wenige Jahre Abstand und doch weltenweit entfernt, schüttelte die Kell­nerin den adrett frisierten Kopf: No lo sé.

avenguda d`espanya

Tienes novio? Pedro schaut und die Ampel rot starrt auch und ich starre zurück und weiß nicht was ich sagen soll. Einen Freund? Und ich rutsche auf dem Bügeleisensitz hin und her, besser nicht, der Rock klebt unangenehm an den Schenkeln. Si, verlässt wackelig meinen Mund und Pedro guckt wieder und beugt sich vor, greift zwischen meine Beine, an ihnen vorbei und klappt das Handschuhfach auf, der Deckel legt sich warm auf meine nackten Knie und Pedro wühlt und findet seine dicke Brieftasche. Klappe zu. Pedros Unterarmhaare vielleicht leise Knie kitzelnd. Yo tengo esposa y dos hijos, und er klappt die Brieftasche auf, Photos, die er mir reicht und die Ampel grün, die Brieftasche in seinen Schoß und er kurbelt, sieht nach links und biegt rechts ab. Dunkelbraune Locken, rundes Gesicht, Pedros Frau und zwei Jungs zusammen gelockt auf dem nächsten Photo, sehen nicht aus wie Pedro.

links

Vor ihr dreigabelte sich die Straße. Rechts, links und wieder links. Hinter Selina kam sie einsam den Weg herauf. Auf ihrem vertrockneten Zettel stand: Santa Gertrudis. Von der Hauptstraße links. Dritte Finca. Überall Hitze und dazu tausend Grillen, wie damals auf dem Parkplatz, in ihrem Koffer rappelte etwas Inhalt. Zwei Tage ohne ihn hatte sie damals wieder den Über­blick verloren und sie suchte seinen Namen im Stimmengewirr. Er erwartete sie auf dem Parkplatz vor dem Haus seiner Eltern, seine Hände in den Hosentaschen, das Gesicht abendsonnenlicht. Tut mir leid, hatte sie in sein T-Shirt hinein gesagt. Er sagte nichts.

Wenn es nicht anders geht, kannst Du natürlich kommen, hatte er am Telefon etwas zurückhaltend angeboten, nachdem sie sich das ganze Wochenende nicht gesehen hatten. Und sie hatte sofort einen Slip, ein Buch und noch irgendetwas in den Koffer geworfen, war in ihr Auto gesprungen und zu ihm gefahren. In das Dorf seiner Eltern, er auf Besuch, immer einmal im Jahr.

Jetzt nahm sie die erste Gabelung links. Irgendwann vereinzelt Häuser. Busco chicos alemanos. Aquí en una finca? Die wenigen, die sie antraf, schüttelten den Kopf. Die anderen öffneten ihr die Tür nicht.

el nostradamus

Tengo hambre, und Pedro klopft auf seinen weichen Bauch kurz unter dem Ausschnitt seines Hemdes. You want to eat, I pay, no problem. Und ich nicke an meiner Kaffeetasse vorbei und Pedro bestellt, keine Ahnung was zu essen. Ich zünde mir eine der Zigaretten an, die er mir angeboten hat, in El Nostradamus hängt das r kopfüber vom bröckelnden Putz und über uns Flugzeuge und wir im Maisfeld auf deiner Jacke, können die Bäuche der Flugzeuge mit langen Fingern fast berühren, sitzen im sommer­trockenen Feld bei mir zuhause und vor uns der Flughafen, nur Lichter mehr nicht und ich rauche deine Zigaretten, mein Rock unter meinem Kopf eingeknüllt und dein Gesicht zwischen Himmel und mir und deine Haare wilde Berge. Yo soy muy feliz, no problem, I love my family, sagt Pedro. You are happy también with your boyfriend?
Si – muy feliz.

wieder links

Sie nahm die zweite links und wieder die Grillen, klangen wie Rasensprenger, schön wäre das, die Hitze war unerträglich. Ein Haus nach einem Kilometer, dazwischen trockenes Gebell, der Hund hatte endlich einen Grund gefunden. Die alte Frau aus dem Haus trug ein Kopftuch und verstand kein Wort von ihrem Gestammel. Dafür nahm die Alte ihre Hand und redete in Strömen und sie sah Tonkrüge auf dem Verandageländer, der Hund der sie umwinselte, die Wände weiß getüncht hinter dem schwarzbetuchten Kopf. Sie hörte die welke Haut der Alten in ihren Händen, wollte ihren Kopf ein wenig auf ihrer Schulter ausruhen und weiter den Worten aus dem runzeligen Mund lauschen. Als der Kloß aus dem Hals in ihre Augen steigen wollte, flüchtete sie schnell vom Hof, lief zurück auf die Straße. Nur ihn finden, das war das Ziel hier gewesen.

Nur wieder etwas spüren, sich zum Beispiel, das war das Ziel gewesen, als sie vor ein paar Tagen in den Zug gestiegen war. Und schnell war da tatsächlich wieder etwas gewesen, das Wie es sich ohne Ihn anfühlt und plötzlich hartes Herzklopfen und jetzt aber schnell, zurück zu ihm und rudern, rudern!

Aus dem Hof der Alten fiel sie zurück auf die Straße. Nur ihn wiederfinden. Das ist das Ziel gewesen.

carrer d´al sabini

Meine Stirn an der Beifahrerscheibe sucht wieder und wieder einen kühlen Fleck und immer noch den Geschmack von dicken Pommes auf der Zunge, Rauchen hilft auch nicht. Unter meinen Lidern Müdigkeit, zieht mich immer tiefer, auf deine Brust und in meinem einschlafenden Ohr deine letzten unverstanden Worte, dein Atmen, das Außen entgleitet, nur noch Drinnen, Schlaf, der gewinnt.
In meinem Traum liegen wir in deinem Bett und du fragst etwas und ich antworte dir und ich antworte laut und erwache davon und du auch, bist davon aufgewacht und schaust irritiert. Was hast Du gesagt?, fragst du und ich erkläre, dass ich wohl im Schlaf gesprochen, dass ich von uns geträumt habe, und du guckst eine Weile stumm und dann sagst du, dass du auch geträumt hast, von dir, wie du mich etwas fragst und von mir, wie ich dir etwas antworte und von uns, zusammen auf deinem Bett. Dass du aufgewacht bist, weil ich dir tatsächlich aus dem Schlaf heraus laut geantwortet habe.

Immer schwerer werden meine Lider und Pedro neben mir, ist wach und fährt, immer weiter, fährt und biegt ab.

dritte finca

Ein verlassenes Haus. Ein Handtuch über der Verandabrüstung. Niemand war hier, nur sie, ein Schritt, noch einer, stand sie auf der Veranda. Eine Seitentür war einen Spalt geöffnet und sie schob einen Blick hindurch und da seine Turnschuhe. Sie stieß die Tür auf und es öffnete sich ein Raum voller Vertraulichkeiten. Seine Schuhe. Seine Kassetten. Sein Geruch. War alles da. Eine Zeitlang gab es nichts anderes. Außer ihn und sie. Was zu wenig war. Die Wirklichkeit öffnete nach und nach ihre Welt wie eine verschlossene Auster, bot keinem von beiden einen Platz an. Sie kaufte sich das Zugticket und fuhr weg davon. Zu zweit fallen, das war nicht ihr Ziel gewesen.

Auf der Veranda in Santa Gerdrudis sein Handtuch, staubtrocken in der Sonne.

mar mediterráneo

Es ist kalt geworden, viel Wind, der mich aufweckt und Haare, die mein Gesicht kitzeln. Ich öffne die Augen und Insel, Schiff und Taxi, das steht, wo? Ist Pedro? Neben mir ist er nicht, seine Tür offen, meine auch und mein Herz schlägt in die Ohren und alles sandfarben, nur vor mir ein dunkelblauer Streifen Meer. Es ist still und meine Füße geschwollen in den Staub vor das Taxi gesetzt. Buenos dias, Pedro ein Stück klippabwärts und unter uns eine Bucht, das Blau dehnt sich zu allen Seiten. Pedros nackter Rücken leuchtet rötlich im gleich­farbigen Licht. No quería despertarte. I didn´t want to wake you. This is my best place, mi sitio favorito, und er nickt, sein Blick von meinen Knöcheln wieder in mein Gesicht. Sentate, und er klopft mit der Hand auf das freie Stück Fels neben ihm und auch sonst alles frei, ist niemand hier, außer Pedro und ich. Te gusta el mar? You like und sein Kinn Richtung Blau, weiße Bootspunkte gestreut in die Wellen und du aus dem Wasser, ziehst dich in das verlassene, von uns geenterte Boot, hinter dir die Abendsonne und du legst deinen kühlen Körper auf meinen und in der Nacht, ein Himmel voller Sterne, frieren wir nicht.

haus und garten

Sechs Stunden hat sie gewartet. Im Schatten des Hauses. Hat sie geraucht. Gesummt. Gelesen. Hat sich mit Mineralwasser aus dem Santa Gertrudis Kiosk gewaschen. Hat ihre Kleider gewechselt. Ihre Haut vor dem kleinen Spiegel aus ihrem Badebeutel inspiziert. Sie hat ihre Zähne geputzt. Drei mal. Ihre Beine rasiert, ihre Achseln, mit dem Wasser vom Kiosk und einem letzten Klumpen Seife. Ihre Haut brannte bis in den späten Abend. Bei jedem Geräusch schlug ihr Herz etwas schneller. Sechs Stunden lang. Ist sie um das Haus gegangen und hat sich alles angesehen. Im Garten lag ein ausge­bleichtes Bobbycar. Da stand eine rostige Holly­wood­schaukel, sie hat sich nicht hinein gesetzt und eine Autoleiche zerfiel im Gras. Dazwischen Wäsche, die in der Hitze steif geworden war, scheinbar vor langer Zeit. Sie hat ihn sich hier vorgestellt. Wie er ohne sie auf der Veranda saß und in den Wald am Horizont gestarrt hat. Wie er mit seinen Freunden kochte. Wie sie laut lachten und ihren Namen aussparten. Wie sein Lachen das lauteste war und trotz­dem nicht an ihrem Bild vorbeikam. Sie hat ihn in die Hollywoodschaukel und auf die zerlegene Matratze in diesem Zimmer gedacht. Von Zweifeln zerfressen. Ob er noch da war.

el paraiso

Te gustan los desnudos, und Pedro zeigt auf die nackten Figuren am Strand, die sich der Sonne ent­gegen­strecken. Pedro steht neben mir auf und öffnet den Knopf seiner Hose. Vamos a bañar, no? You want to swim? und seine Hose über seine haarigen Schenkel vor meinen Augen und die irritiert von soviel Haut. Vamos! und seine Hand auf meiner Schulter, kann ich seinen Schweiß riechen, halte mich an meinen Knien fest und schüttle den Kopf. No quieres, und ich schüttle noch einmal und endlich versteht er und legt seine Hände in seinen schweißnassen Rücken, steht neben mir und sieht mich an. Dann zuckt er mit den Schultern und macht sich an den Abstieg, seine enge Badehose nicht an das Klettern gewöhnt.

das X markiert den punkt

Irgendwann ist sie im Schatten des Hauses eingeschlafen. Ein Auto kam den Weg herauf, ein VW-Bus, der VW-Bus, kam den Weg herauf. Sie stand auf und fingerte in ihren Haaren, an ihrer Kleidung, wie damals, als er sie zum ersten mal besucht hatte, mit seiner Maschine ihre Straße entlang raste und sie auf dem Balkon stand und glotzte, nicht wissend wohin, mit den Fingern, mit sich selbst, schnell zu ihm. Zumindest am Anfang wurde mit ihm alles besser. Jetzt stopfte sie ihre Sachen in den Rucksack, ließ es wieder, fingerte noch einmal in ihren Haaren und da hielt schon der Bus und hier war sie richtig.

carrer josep picarol

Vamos? We have little time, I drive and then al puerto? Und wir steigen in das ge­lüftete Taxi, aus Pedros Haaren fallen kleine Meertropfen und wir fahren rückwärts von der Klippe, noch einen Blick auf die Nackten, habe dich nicht unter ihnen gefunden, warum solltest du auch hier sein? Ist doch Schwachsinn hier überhaupt nach dir zu suchen, wirst sicher nicht gerade jetzt deinen Hintern in die Meerluft halten, hast andere Sorgen, nehme ich an, wo wir doch eigentlich gar keine hatten, auch jetzt wo du weg bist, kann nichts besseres kommen, will ich nicht danach suchen, ist doch Schwachsinn, hier überhaupt nach dir zu suchen.

leer

Der Bus hatte eine dieser Schiebetüren, die ging jetzt auf und sie stand davor und glotzte ins Dunkel, auf der Suche nach seinem Gesicht, das sie wieder erkennen wollte. Aber da waren nur seine Freunde. Wo ist er? Keiner brauchte seinen Namen, alle schälten sich schweigend aus dem Bus und standen herum, den Blick auf den Boden gerichtet. Was sollten sie sagen, alle wussten nicht was. Wo ist er? Und sie sah jeden einzelnen an und jeder Einzelne fand etwas Besseres in der Ferne zu sehen. Als sie die Frage noch einmal stellte, kam endlich die Antwort. Von Martin, der sie trotzdem nicht ansehen konnte. Selina, tut mir leid. Wir wissen nicht wo er ist.

puerto

Un cigarillo más? Und Pedro hält mir seine verbeulte Packung hin und ich angele mir eine der letzten Zi­garetten, mir tut schon der Hals weh, ist bestimmt die dritte, die wir hier auf der Mauer rauchen, unter uns klatscht das Meer an den alggrünen Stein und das Schiff steht schon da, mit geöffnetem Maul und schluckt Auto um Auto, die in langen Reihen in seinem Bauch verschwinden. Immer noch bleibt etwas Zeit und ich sehe in jedes Gesicht das unseren Sitzplatz kreuzt, auf der Suche nach dir, aber du bist keines der braungebrannten Gesichter, der strahlezähnigen und Pedros Hand auf meinem Schenkel. Me gustó mucho esta tarde con tigo. Did you like to drive with me?
Si, Pedro. Una isla muy bonita.

santa gertrudis

Was soll das heißen? Ihr wisst nicht wo er ist? Er ist doch mit Euch hier her ge­fahren? Wieder Schweigen. Wieder Martin. Selina, tut mir leid. Seit zwei Tagen suchen wir ihn. Er ist vor zwei Tagen verschwunden.
Was meinst Du Martin?
Er hat sich vor zwei Tagen eine Maschine ausgeliehen und wollte mal alleine los. Und dann ist er nicht wieder gekommen.

a que hora sale your ship?

Aquí tienes mi numero de telefono. Si estás aquí llamamé y vamos a tomar algo o yo que se. My telefon number. You call, I have time.
Gracias, Pedro, und Pedro legt seine Meerschweißarme um mich und drückt und Küss­chen rechts, Küsschen links und Pass auf Dich auf und ich drehe mich noch einmal um und winke, Bis dann, Pedro und endlich das Schiff, fühlt sich mit einem mal nicht mehr herbeigesehnt, nicht mehr gewollt an. Dieses Schiff. Wird mich irgendwohin tragen, wo wir nicht mehr sein werden. Mein Zigarettenrauch über die Reling.

meer und festland

Irgendwann hat auch die Polizei die Suche aufgeben. Ob sie jemals geglaubt hat, dass er hier gewesen ist? Jetzt nicht mehr. Sie ist alleine abgereist. An einem frühen Morgen hat sie sich davon gestohlen. Sie hat den anderen eine Nachricht hinter­lassen. In der Stadt hat sie ein Zimmer gefunden, hat den Morgen durch die Nacht hindurch begleitet. Sie hat auf der Straße ein Taxi angehalten, nach Hause wollte sie. Mehr nicht. Auf das Schiff, über das Wasser, in den Zug, nach Hause. Puerto, por favor.

Zuerst erschienen in der Literaturzeitschrift maconodo

Kathrin Schadt   September 2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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