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Julia Walter
Wären da Ruinen gewesen

I
Wären da Ruinen gewesen. Verdorrte oder verbrannte Baumkrüppel. Zumindest einer der bau­fälligen Holz­schuppen eingefallen. Aber so. Alles wie immer. Das Haus, in dem ich meine ersten Jahre ver­bracht habe und in dem ich noch dreimal so viele Jahre ver­brin­gen würde, stand da und starrte uns an. Dann ver­schluckte es das Auto, meine Mutter, mich.
Meine Mutter packte meine Kleider aus, überall, selbst an den Socken, hatte sie Schil­dchen genäht mit meinem Namen. Erst nach und nach würde ich heraus­wachsen und die Kleider mit den Namens­schil­dchen würden ver­schwin­den. Sie trennte sie nicht heraus, obwohl ich sie darum bat. Viel­leicht musst du ja noch mal hin, sagte sie.
Und doch, etwas hatte sich verändert. Die Kinder, die mit mir im Kindergarten gewesen waren, waren jetzt Grundschüler. Noch immer hatten sie dicke rote Backen, die aus den Augen schmale Schlitze machten. Ich, da­zwischen, wie ein Gespenst, blass und mit großen Augen. Ein viel zu großer Pullover schlackerte um meinen dünnen Körper.
Meine beste Freundin Daniela kostete ihr Ho­heits­wissen aus. Sie zeigte mir die Toi­letten, als würde sie seit Jahren hier zur Schule gehen. Sie zeigte mir, wie man zur Turnhalle über die Straße lief. Händ­chen hal­tend. Sie zeigte mir, wo man sich in der Pause Kakao und Milch holte. Der Haus­meister fragte mich: Milch oder Kakao. Warm oder kalt.
Der Kakao wurde mir dort ans Bett gebracht. An guten Tagen aß ich im Speise­raum, meist jedoch im Bett. Und immer war der Kakao lauwarm. Ich bat um kalten Kakao und die Schwestern sagten, es gibt keinen kalten Kakao. Ich sagte, dass mir von warmen Kakao übel wird. Die Schwes­tern sagten, ich soll ihn kalt werden lassen. Ich sagte, dass man es schmeckt, wenn die Milch schon einmal warm gewesen ist. Auch davon wird mir schlecht. Ich hätte gerne kalten Kakao. Die Schwestern sagten, es gibt keinen kalten Kakao.
Jeden Tag aufs Neue bat ich um kalten Kakao. Und immer stand er lauwarm auf dem Tablett in dieser weißen Tasse, die so glänzte, dass man sich darin spiegeln konnte. Daneben stand die Schwester und wartete, bis ich ausgetrunken hatte. Würgen nützte nichts.

Ich hab nicht ewig Zeit. Milch oder Kakao. Warm oder kalt.
Kakao. Kalt. Bitte.


II
Keiner der Kinder fragte, wie es gewesen war. Auch die Erwachsenen fragten nicht, wie es gewesen war. Keiner erwähnte es, als hätte ich es geträumt. Nur eine alte Frau mit einem strengen Dutt, die in der Nachbarschaft wohnte, beugte sich immer zu mir herunter, wenn sie mich auf der Straße traf. Ich bete jeden Abend für deine Gesundheit, sagte sie. Und es war mir wider­wärtig, wie sie das sagte und wie sie sich herunter­beugte. Sie gehörte zur süd­deutschen Gemein­schaft. Mein Vater sagte, dass man den allzu Christ­lichen nie trauen dürfe. Den Heiland predigen sie die ganze Zeit, aber bei der erstbesten Gelegen­heit hauen sie dich übers Ohr.
Diakonisse, Narzisse, Hornisse, Diakonisse, Narzisse, Hornisse. Dachte ich in einer endlosen Gedan­ken­schleife um nicht einzu­schlafen. Obwohl sie sich alle Mühe gaben, die beiden alten Frauen, die eine groß und mager, die andere klein und dick. Sie sangen Der Mond ist aufgegangen und Weißt du wie viel Stern­lein stehen mit ihren rauen Alt­frauen­stimmen, während sie mir die enge Haube aufsetzten und unter dem Kinn festzurrten, dass es die Haut ein­quetschte. Während sie Elektroden in die Haube steckten, mit einem Watte­stäbchen Salbe darunter schmierten, an den Elek­troden Kabel befes­tigten und dann das Licht löschten. Ihre Bewe­gungen waren sehr langsam, sehr bedächtig, sehr bewusst, als handle es sich um ein uraltes Ritual, das seit undenk­baren Zeiten von Einge­weihten zelebriert wird.
Nur das Kratzen des Messschreibers auf dem Papier war zu hören. So, und jetzt die Augen schließen. Sie wollten, dass ich einschlief. Aber ich würde nicht darauf hereinfallen. Diakonisse, Narzisse, Hornisse. Nicht ein­schlafen, bloß nicht ein­schlafen. Ich atmete gleic­hmäßig. Nur wenn ich zwischen­durch die Augen öffnete, um zu sehen, was sie taten, kratzte der Messschreiber verdächtig laut. Also ließ ich die Augen geschlossen, aber die Ohren gespitzt. Leise bewegten sie sich durch den Raum, ich versuchte, zu hören, wo sie sich aufhielten. Manchmal flüsterten sie, ich verstand sie nicht. Ich wusste, ihnen war nicht zu trauen. Schlief ich ein, würden sie mich womöglich töten.
Damit sie keinen Verdacht schöpften und um sie vielleicht doch bei ihren Plänen zu erwischen, stellte ich mich schlafend, auch nachdem sie das Licht wieder angemacht und die Haube abge­nommen hatten. Aber ich war wachsam und bereit jeden Moment laut zu schreien, falls sie mir die Kehle zu­drückten oder ähnliches. Ich stellte mich tief und fest schlafend und ließ mich nicht aufwecken. Sie muss­ten mich schließlich in mein Bett tragen. Das Metall­gitter klemmte, mit Gewalt rüttelten die Schwestern daran.
Hier machte mich der Abgrund am Bett unruhig. Es gab kein Metall­gitter mehr, das meine Mutter abends hätte hochziehen können.
Das Metallgitter dort war an guten Tagen. An schlechten Tagen banden sie mir einen Gurt um den Bauch. Sie waren froh darüber, das spürte ich, sie waren froh nicht am Metall­gitter rüt­teln zu müssen. An ganz schlechten Tagen schoben sie mich nachts in den Flur mit dem Gurt um den Bauch, damit die Nacht­schwester mich im Auge hatte.


III
Wenn Katharina einen ganz schlechten Tag hatte, stellten die Schwestern ihrer Mutter ein Klappbett ins Zimmer. Ich hörte dann Katharinas Atem und den Atem ihrer Mutter nachts im Wechsel. Katharinas Mutter war immer da.
Sie wohnte im Gästetrakt. Dort wohnte auch meine Mutter, wenn sie alle vierzehn Tage zu Besuch kam. Dann aßen wir zu viert in der Kantine des Gästetraktes. Auch dort: Das Essen auf dem Tablett. Wässriger Pudding in Glas­schüsseln.
Wir machten Spazier­gänge durch die ganz und gar öde Umgebung. Immer an der Gärtnerei vorbei. Meine Mutter kaufte jedes Mal eine Pflanze, die sie, wenn sie wieder zuhause war, neben die anderen Pflanzen stellte. Bald war kein Platz mehr auf dem Fenster­brett.
Aufgewachsen zwischen sanf­ten Hügeln, alten Fachwerkhäusern und ver­witterten Holzzäunen, fand ich mich in einer platten und reiz­losen Gegend wieder. In einem funktio­nalen Gebäude, umgeben von einer funktio­nalen Landschaft lebte ich und fügte mich ein in die täglichen Abläufe. Fieber­messen, Frühstück, Schule, Mittag­essen, Unter­suchungen, Werk­statt, Abend­essen, Schlafen.
Die Gänge so breit, dass man zwei Betten aneinander vor­bei­schieben konnte, die Wasch­becken glänzten wie die Tassen, rechts und links Griffe, über dem Bett ein roter Knopf. Grau und weiß ansonsten. Palmen, Löwen und Giraffen, mit bunter Fingerfarbe an die Fens­ter gemalt, ver­stärkten das Grau und das Weiß noch.


IV
Hast du deine Medikamente genommen? Warum nicht? Du musst aber. Das weißt du doch. Mund auf.
Die Schwester band mir den Gurt um den Bauch und schob mich aus dem Zimmer. Es gibt heute keine Gute­nacht­geschichte für dich, sagte sie. Warum. Weil du nicht brav warst. Aber gibst du mir dein schönes Pumuckl-Buch, damit ich den anderen Kindern daraus vorlesen kann. Nein.
Wo ist mein Pumuckl-Buch? Welches Pumuckl-Buch? Das du gestern Abend genommen hast. Ich habe kein Buch genommen. Ich habe es genau gesehen. Du hast kein Pumuckl-Buch. Doch. Willst du wohl brav sein. Wenn du nicht brav bist ... Es reicht, du kommst jetzt mit.
Händchen haltend liefen wir zur Turnhalle. Daniela hielt meine Hand und schlen­kerte meinen Arm hin und her. Die Lehrerin spielte mit uns Völker­ball.
Es war ein großer, leerer Raum mit grauem Linoleum­boden. Stabile Holz­stäbe trennten einen kleinen Vorraum ab, von dem eine Tür in den Flur führte. Eine Tür, auch aus Holz­stäben. Gepols­terte Wände. Ein großes Fenster aus Plexiglas zum Schwes­tern­zimmer. Ein Ball, sonst nichts. Stunde um Stunde, Nach­mittage ver­gingen.
Du warst nicht brav, du gehst jetzt da rein. Ich will nicht. Dann kannst du dich abreagieren. Ich will nicht. Doch.
Der Schlüssel drehte sich von außen. Das Fenster war so hoch, dass ich es nicht mit den Fingern berühren konnte, auch wenn ich mich streckte.
Der Trick war, sich auf dem Boden mit dem Rücken zur Plexi­glas­scheibe zu setzen, sich niemals umdrehen, sich niemals bewegen, nicht den Finger durch die Stäbe stecken und auf gar keinen Fall den Ball anfassen. Manchmal war die Tür zum Flur offen. Nicht hinaus­schauen, niemals hinaus­schauen. Und doch: Ich sah Katharina an der Hand ihrer Mutter, in der anderen hielt sie einen Strauß Gänseblümchen.
Katharinas Mutter war immer dort. Katharina war ein liebes Kind. Liebe Kinder müssen nicht in den Raum. Liebe Kinder müssen nicht im Bett festgebunden werden. Katharinas Mutter war immer dort.
Nicht träumen, Mädchen. Hopp, ran an den Ball. Sonst bist du draußen.
Ich mag keine Ballspiele.
Keine Ausreden.


V
Das Hemd des Religionslehrers rutschte hoch als er den linken Arm hob und den Einsatz gab. Man sah ein Stück seines großen, weißen Bauches.
Großer Gott, wir loben dich.
Herr, wir preisen deine Stärke
Vor dir beugt die Erde sich
Und bewundert deine Werke.
Mit Daumen und Zeige­finger drückte er das Bauchfett zusammen, setzte die Spritze an, die Kanüle glitt in das Fleisch. Ohne mit der Wimper zu zucken, spritzte Jens sich Insulin. Dort saß ein Kind und hatte zwei Krankheiten, hier saßen ganz viele Kinder und keines war krank. Sie lobten und priesen mit ihren Kinder­stimmchen, ich lobte und pries nicht mehr.
Alle singen mit, auch du, mein Fräulein.
Ich will nicht.
Es gibt keine Extrawurst für dich.
Ich mag Gott nicht.
Darüber kannst du vor der Tür noch mal nachdenken.
Draußen, der lange Flur. Viele Türen und Garde­roben­haken, an denen die Jacken der anderen Kinder hingen. Aus manchen Räumen hörte man Lehre­rinnen reden, aus anderen Kinder­stimmen.
Am Ende des langen, langen Flures stand ein Tisch­kicker. Dort spielten die älteren Jungen. Die meisten trugen gepols­terte Helme, manche saßen im Roll­stuhl. Einer hatte einen Kas­set­ten­recorder.
Ich will Spaß, ich will Spaß. Ich geb Gas, ich geb Gas. Ver­dammt, ich lieb dich. Ich lieb dich nicht. Ich seh den Sternen­himmel, Sternen­himmel, Sternen­himmel. Ich düse düse düse im Sauseschritt.
Immer wieder fiel einer um und knallte mit dem gepols­terten Kopf gegen die Kante des Kickers.


VI
Ihre Tochter kann dem Unterricht gut folgen, sie hat schnell aufgeholt und liest bereits flüssig, die Zahlen zwischen eins und zwanzig be­herrscht sie. Es besteht kein Grund sie ein Jahr zurück­zustellen.

Ich fügte mich ein in die Abläufe. Im Unterricht nicht aufstehen, bevor man etwas sagt sich melden, in der Pause Kakao, Händchen­hal­tend über die Straße zur Turnhalle, mit Ende des Unter­richts den Stuhl auf den Tisch stellen. Ich war umgeben von einem funk­tionalen Gebäude. Gänge, so breit, dass zwei Schul­klassen an­einander vorbei passten. An den Fenstern Selbstgebasteltes. Ein Grau und ein Weiß.

Verboten war: Auf Bäume klettern, in undurchsichtigen Gewässern baden, lange Fernsehen. Eingehalten werden musste: Ein regel­mä­ßiger Tages­ablauf, Anstren­gung vermeiden, Medi­kamente. Bauch­schmer­zen und Kopf­schmerzen waren keine Bauch­schmerzen und Kopf­schmerzen, sondern mögliche Anzeichen. Später dann: Kein Alkohol, kein Stroboskop­licht. Um acht im Bett. Folgende Berufe für immer ausgeschlossen: Dachdecker, Chemiker, Pilot.

Jährliche Routineunter­suchungen. Im Warte­zimmer hing eine Reihe Männer, die meisten bärtig. Ich präg­te mir die Namen ein. Paganini, Nobel, Cäsar, Dostojewskij, van Gogh, Flaubert, Papst Pius, Napoleon. Es fehlten: Milosevic, DJ Ötzi, Dutschke.

Ich fragte: Gibt es den Raum noch?
Welchen Raum?
Den großen leeren Raum mit den Holzstäben davor auf der Station Lennox. Wo die Kinder stunden­lang, tagelang einge­sperrt werden, wenn sie nicht brav waren.
So einen Raum gab es nie in unserem Haus.
Ich fragte: Arbeitet Schwester Stefanie noch bei Ihnen?
Ist mir nicht bekannt. Warum fragst du?
Sie hat noch mein Pumuckel-Buch.


VII
Zu Besuch bei Katharinas Eltern. Ein Ein­familien­haus in einer langen Reihe von Ein­familien­häusern. Ich war be­eindruckt von der Panorama­tür in den Garten. Schweigend schauten wir uns im Kinder­zimmer an. Wir saßen da wie zwei Kriegs­veteranen. Nur ohne Krieg.
Flüstern aus dem Wohnzimmer.
Meine Mutter sagte zu Katharinas Mutter: Es ist gut jetzt mit ihr, sie ist wieder ganz ausgeglichen, nicht mehr abwechselnd aufgedreht und apathisch. Die Medikamente zeigen kaum Neben­wir­kungen. Aber sie ist schnell erschöpft.
Wochen später sagte meine Mutter zu mir: Katharina musste mit dem Hub­schrauber weg­gebracht werden. Es hat nicht mehr aufgehört.
Jahre später sagte sie zu mir: Es wird nicht besser mit Katharina. Das Gehirn hat wohl gelitten. Sie hat Probleme in der Schule. Ihre Eltern wollen, dass sie den Real­schul­ab­schluss trotzdem schafft.

VIII
Katharina schrumpfte. Ich wuchs und driftete immer weiter ab auf meiner Eis­scholle. Von weitem sah ich, wie die anderen Kinder nicht mehr auf Bäume klet­terten, sie blieben am Boden und die Klasse zerfiel in zwei Teile, die sich anzogen und abstießen. Eine Auf­regung im Raum, die Körper zit­terten unmerk­lich. Das falsche Lachen kam aus dem Nichts und zog in ihre Körper ein.
In mir zupfte schon längst ein Teufels­geiger an meinen Sehnen, Sonnenblumen­felder wogten in meinem Brust­korb, Kaiser ritten in schnel­lem Galopp über Blutbahnen, wehende römische Gewänder hingen zum Trocknen auf dem Rippen­bogen.

Alles wie immer. Nichts wie immer. Verdorrte und verbrannte Baum­krüppel. Die Häuser eingefallen. Übrig blieben Ruinen. Ich wuchs auf zwischen Ruinen, doch außer mir bemerkte das keiner. Alle lebten weiter, als hätte es keine Zer­störung gegeben, so dass es einige Zeit dauerte, bis es mir auffiel. Kein Krieg, nein, es hatte keinen Krieg gegeben.

Erst ließ Daniela meine Hand los, dann drehte sie mir den Rücken zu. Ich fand drei Feuer­steine und wir wurden Freunde. Ich fand Keller­asseln unter Steinen und wir wurden Freunde. Hinter dem Kom­post­haufen, unter der Tanne, war ein kleiner Fleck verschont geblieben. Dort lagen die Steine, dort tummelten sich die Keller­asseln, dort hielt ich es aus.
Julia Walter    07.02.2013     Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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