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Julia Veihelmann
VINCENT IST AUS DER WELT GEFALLEN


Der Mann blinzelt. Die Welt ist da und sieht heute so aus: die prächtig ge­schnitzten Geländer und Vertä­fe­lungen eines Jugend­stil­treppen­hauses, leuch­tende Schäbig­keit im Morgen­licht. Er sieht von unten an den Treppen­stufen hinauf, denn er liegt auf dem Absatz. Durch das Fenster über ihm fallen schräge Strahlen ein. Die alten dunklen Dielen unter seiner Nase riechen streng.
Er hat scheußliche Kopfschmerzen, die sich von rechts in die Mitte des Schädels bohren.
Ihm fällt nichts Besseres ein, als die Augen wieder zu schließen.
Die Welt ist da (nichts Neues) und sieht heute so aus: Vor den hinaufführenden Treppenstufen stehen zwei weibliche Wesen und mustern ihn neugierig. Eine Mutter mit Tochter an der Hand. Da rappelt er sich auf, und der Schmerz in seinem Schädel bekommt neue Durchschlagskraft.
Er klappt die Augenlider auf und zu, mit Nachdruck.
„Guten Morgen.“ Seine Stimme klingt heiser, und es beginnt ihn zu schütteln. Ist das kalt hier. Wie unglaublich kalt das hier ist, ist das reinste Eishaus, der reinste Morgen, ein Kälteschock wie bei einem Neu­geborenen. Aber er ist natürlich nicht neugeboren.
Die Frauen tragen Mäntel, die Mutter einen grauen und die Tochter einen beigen. Gefütterte Mäntel aus einem Stoff, auf dem man mit der Fingerkuppe dunkle Striche zeichnen kann. Könnte. Ihre Mäntel haben Kunst­fell­kragen.
Er trägt einen stinkenden Mantel.
„Was machst du hier?“
Er nimmt das Mädchen in den Blick. Wie alt sie ist, könnte er nicht genau sagen; bestimmt muss sie schon zur Schule. Wieder ein Schaudern: Als würde er sich sagen, sie muss in den Kerker. Aber vielleicht gehört sie auch zu den Grau­samen, den Quäl­geistern. Vielleicht steht sie auf der anderen Seite. Man sieht es ihr nicht an, sie hat nichts an sich, was diesen Verdacht widerlegen würde. Kein offen­kundiges Gebrechen, keine zutageliegende Unsicherheit, die sie freisprechen könnte.
„Hab mich verlaufen“, hört der Mann sich sagen.
Um solche Antworten war er noch nie verlegen. Er steht auf; es kostet Schmerz und Mühe. Man wird freigesprochen, weil man ein von Moral durchdrungener Mensch ist, oder auch (es ist nicht zu unterscheiden, es ist also zum Verzweifeln), weil es einem immer an Gelegenheit gemangelt –
„Wohnst du nicht hier?“ Das Mädchen steht auf einem Bein, und hat es nicht etwas Hinterhältiges? Oder etwas Argloses? Er schließt die Augen, die Unterscheidungsfähigkeit ist ohnehin abhanden.
„Nein, ich wohne woanders.“
Er macht sich daran, vor den Frauen her und die Treppen hinunter­zugehen.
„Kann ich Ihnen denn irgendwie helfen?“
Was für eine Witzboldin, und was für eine Frage. Er dreht sich nicht zu der Mutter um, als er ihr antwortet. Trotzdem ist es ihm lieber, dass sie etwas gesagt hat. Seine Antwort ist ein bisschen als Dank gemeint: „Wenn Sie mir sagen könnten, wie ich von hier aus zu einer U-Bahn-Station komme.“
Sie erklärt es ihm, während sie, ihre Tochter vermutlich immer noch an der Hand haltend (er dreht sich nicht nach ihnen um), hinter ihm die Treppen hinuntergeht. Der Weg kann nicht weit sein, denn er ist in zwei Sätzen erklärt. Als sie unten angelangt sind, hält er den beiden Frauen die Haustür auf und lässt sie hinaus auf den Bürgersteig treten. Die Mutter nickt ihm zu, erleichtert und ein wenig schuld­bewusst, aber die Erleich­terung überwiegt, und das Schuldbewusstsein wird sich am Ende der Straße verflüchtigt haben. Recht so. Sie hätte ohnehin nichts für ihn tun können. Er sieht den beiden nach, wie sie sich den Bürgersteig entlang von ihm entfernen. Zwei schmale Gestalten, die Mutter hat ihr Haar zu einem glän­zenden Knoten gebunden. Die Tochter an ihrer Hand dreht sich zu ihm um und starrt ihn an, während sie mühelos Schritt mit der Mutter hält. Gestern Freitag, also ist heute, und nun stellt er sich vor, wie sie zum Markt gehen. Würde er hier stehen bleiben und auf sie warten, könnte er sie später zurückkommen sehen, mit Tüten, aus denen Karotten, Salatköpfe und Brokkoli ragen wie daher­getragene Blumen­pracht. Er hebt die Hand und winkt dem Mädchen zu; das Mädchen hebt die Hand und winkt zurück.
Dann schaut er sich um, läuft quer über die Straße und kotzt in einen Mülleimer.

Er hat seinen Dämonen Namen gegeben, wie andere Leute ihren Haustieren, oder die Tier­pfleger im Labor den weißen Mäusen, die sie züchten. Es gibt da zum Beispiel den Morgendämon, das ist ein gravitätischer Herr, der nicht viel anderes tut, als ihm den Fuß auf die Brust zu stellen. Der Morgen­dämon spricht vom Gewicht des Lebens und dem Gesetz der Schwerkraft: Je mehr Schwere auf dir, mit desto weniger Schlingern wirst du dem Tod zustreben. Eine physikalische Folgerichtigkeit.
Nach dem Aufwachen fühlt er das Gewicht, und da bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem Morgendämon zu glauben.
Du hast noch alle Tage verschwendet: Auch ein Satz aus dem Repertoire dieses Dämons.

Er setzt sich auf die grüne Bank, die hier steht. Er kennt die Gegend nicht, weiß aber, dass er sich im Norden der Stadt befindet, das schließt er aus der ver­schwom­menen Erinnerung an die Richtung, die er gestern einge­schlagen hat. Er ist einfach gegangen: Hat sein Telefon auf den Tisch gelegt und ist auf­gestanden, als wolle er zur Toilette oder Nach­schub bestellen. Von außen hat er noch einmal durch die Fenster­scheibe in die kleine Bar hinein­geschaut, auf den Tisch, an dem sie saßen: umringt von Fremden und Freunden. Sie hoben die Gläser; es war der weißnichtwievielte Trink­spruch, voll Übermut und Mutwillen. Sie ver­suchten ein­ander zu über­bieten. Sie waren fröh­lich. Später hatte einer von ihnen sicherlich versucht, ihn anzu­rufen, da hatte sein Telefon auf der Tischplatte vibriert, und der Anrufer hatte den eigenen Namen auf dem Display lesen können.
Übermütig dumme Trink­sprüche wie:
„Auf die Ineffizienz!“
Oder war es: „Auf die Effizienz“?
Wenn er tief durchatmet, meint er, den Geruch seines Erbrochenen in der Nase zu haben, der vom Mülleimer herüberzieht.

Er ist lange durch die nächtlichen Straßen gestolpert, kam sich vor wie an Bordsteinkanten stoßend. Sein Körper fühlt sich an wie verwesendes Fleisch. Ist aber ganz unversehrt.

Dann hatte er sich von einem Tresen abgestoßen wie vom Rand eines Schwimm­beckens und war in den Raum gewatet.
Blick rundum, rundum und zurück, und als eine ihm das Gesicht zuwandte, blieb er an ihr hängen. Nicht gestolpert. Er sah: seine Hand auf ihrem Schlüssel­bein. Er berührte sie nicht. Er visualisierte.
„Was trinkst du denn da?“
Lippen und Ponyfransen: Es waren immer einzelne Teile, die hervortraten. Blonde Ponyfransen wie zu einer Kappe geschneidert, aber der Rest des Haars fiel ihr über die Schultern. Er dachte an verschiedene Frisuren verschiedener Frauen, denen er in letzter Zeit begegnet war.
Sie beugte sich vor, denn die Musik war sehr laut. Kein Streifen, keine Berührung.
Den Namen des Drinks? In sein Ohr gebrüllt, hatte er nicht verstanden. Seine Wange wurde nicht gestreift. Sie stand vor ihm und lächelte ihn an, ermunternd.
„Ich bin Archäologe.“ (Sagte er, um sich interessant zu machen.) „Ich bin für eine Ausgrabung ins Land gekommen.“
„Was?“
„Ich bin Archäologe. Ich bin für eine Ausgrabung. Ins Land gekommen.“
„Was gibt es denn hier so auszugraben?“
„Man hat ein Massengrab entdeckt. Zwölf Kilometer Luftlinie von hier, da hat vor tausend Jahren eine rituelle Schlachtung statt­gefunden. Zwischen fünf­hundert und tausend Kindern wurden hingemetzelt, und wir wissen heute nicht mehr, von wessen Hand und zu welchem Zweck.“ (Er erfand das nicht: Er hatte dergleichen im letzten Traum gesehen.)
Das Lächeln war verschwunden, sie glaubte ihm.
„Das ist ja schrecklich. Und ich dachte, ihr grabt nur Stücke von Tonkrügen aus.“
„Das auch, meine Liebe. Aber die Geschichte ist voller Leid.“ (Er holte jetzt aus.) „Die Geschichte aller bisherigen Gesell­schaft ist die Geschichte vermeidbaren menschlichen Leids.“
Lippen wie Meeresfrüchte. Prangend mit Farbe bestrichen. Dieser Spruch war billig gewesen, er sprach weiter, um das nicht aufkommen zu lassen: „Auch unver­meidlichen Leids. Aber wir leben jetzt, in einer relativ sicheren Nische, meine Liebe. Darauf lass uns trinken. Na prosit.“
Jetzt lächelte sie wieder, und er kam nicht umhin, sich vorzustellen, wie er in diese Lippen beißen würde. Kein Kuss: etwas zu essen. Wie Nackt­schnecken.
„Ist das ein Balzsignal?“
„Wie bitte?“
„Ob das ein Balzsignal ist?“
„Was meinst du bitte?“
„Na der Lippenstift, ist das ein“
„Ich glaub, du bist betrunken. Du bist total besoffen du. Bist du eigentlich überhaupt Archäologe oder was?“
Da sie die Frage nun so herum stellte: „Nein.“
Auf ihrem Gesicht lag jetzt ein Ausdruck von Moral und Entrüstung. Verdrehtes Wort, das, müsste nämlich Aufrüstung heißen: mit den Waffen der Moral.
„Dann entschuldigst du schon.“
Die Frauen mit ihrem hohlen Stolz. Wollen nicht zugeben, dass sie auch nur menschliches Verhalten zeigen: lügen, furzen, scheißen. Unter dem Pony funkelten ihn ihre Augen an, feucht und böse. Dann wandte sie sich ab.
Er fing sich wieder. Er stieß gegen einen Rücken.
Da war eine andere Frau. Kurz geschnittenes Haar, schwarz und fedrig; wache glänzende Augen. Die konnte er nicht fragen, was sie denn trinke, denn es war ganz offensichtlich Bier, und lächerlich wollte er sich ja auch nicht machen.
„Fühlst du dich wohl hier? Bist du glück­lich?“
„Sind das nicht zwei verschiedene Fragen?“
„Weiß nicht. Das ist ja eine philosophische Frage.“
„Was? Ob man glücklich ist?“
„Nein, ob das zwei verschiedene Fragen sind. Ist eine philosophische Frage.“
Sie schaute ihn an, wie ein Eichhörnchen. Blanke, blanke Augen. „Ja.“ Er streckte die Hand aus, griff nach ihrer. Sie, überrascht, zog die Hand erst weg, nachdem er sie eine Weile gehalten hatte.
Jetzt tranken sie etwas zusammen. Das war gut, das war immerhin etwas. Er empfand eine Zärtlichkeit, vielleicht, weil ihre Hand so klein war, wie Kinderfinger, ganz weiche Haut. Sie erzählte, sie sei Maskenbildnerin.
„Verwandlungstechnikerin? Die dreiundsiebzig Transformationen, aber nur an der Oberfläche?“
„Was?“
„Verwandlung ist was Schönes. Kann ich ein Praktikum bei euch machen?“
Sie presste die Lippen aufeinander. „Ich glaube nicht, dass das geht.“
„Warum nicht?“
„Du bräuchtest eine Ausbildung.“
„Ah ja. Natürlich.“
Ein Gefühl von Unwirklichkeit: Wie ist man denn eigentlich hier gelandet, in diesem Abgrund von Welt, dieser erleuchteten Gruft, und wer steht hinter mir und versucht mir die Seele auszusaugen?
Er erzählte ihr etwas. „Meine Freundin hat heute geheiratet.“
Die Maskenbildnerin schaute ihn an. „Du meinst –“
Sie tranken noch etwas. Die Maskenbildnerin war bisher nicht weggegangen.

Dann schämte er sich, als ein grinsender Dämon ihn an all die Dummheiten erinnerte, die er gesagt hatte. Er stand vor der Fenster­scheibe eines Blumenladens und schaute auf die Sträuße: Blüten gab es, die sahen wie zer­fledderte Insekten aus. Er wandte sich schaudernd anderen zu: leuchtenden Tulpen, der obszönen Pracht von Hyazinthen.
Das war einer der Schnaps­dämonen, eine ganze Horde gab es von ihnen, und sie arbeiteten gut zusammen: Es gab die, die ihm Scham ein­flüs­terten; es gab die, die ihm hohen Mut machten. Die arbeiteten einander in die Hände. Es gab noch mehr von ihnen, aber die fielen ihm grade nicht ein. Sie alle hatten nicht die behäbige Zuverlässigkeit des Morgen­dämons; sie waren unbe­rechenbar, immer überraschend, sie waren schneller als er.
Lass mich bloß in Ruhe, sagte er dem grinsenden Dämon.
Ich kann gern noch mehr für dich tun, gab der Dämon zur Antwort.
Er kotzte (auch eine Antwort) vor den Laden. Wandte sich um, als er sich besser fühlte, dachte an einen Tierfilm, an die Hintern von Pavianweibchen (wegen den Hyazinthen, dachte er), und ging zurück in die Bar. Als er über die Schwelle trat, fühlte er sich gut.
Eine Ehe. Was ist schon eine Ehe?
Dann war eine Nase hervor­getreten, in seine Betrunken­heit. Ihr Gesicht wirkte roh aber zart, wie eben geschlüpft, es war direkt vor seinem, und er hatte die Anwandlung, ihr Haar wie einen guten Stoff zwischen den Fingern zu prüfen. Er überwand die Anwand­lung. Als er lachen musste, lachte sie mit. Eine Frohnatur. Er legte die Hand auf ihren Ärmel.
„Ich komme von einer Hochzeit.“
„Ja?“ Sie forderte ihn zum Reden auf, selbst schuld war sie.
„Ich komme von der Hochzeit meiner Freundin. Meine Freundin hat heute geheiratet.“
„Deine Freundin? Wie meinst du das?“
„Geh nicht weg, ja. Bleib hier.“
Es war eine Beschwörung, und gleichzeitig wusste ein Teil von ihm um die Lächer­lich­keit einer betrunkenen Figur, die noch glaubt, andere beschwören zu können. Man sollte lieber den eigenen Körper beschwö­ren, die Beine zum Beispiel.


Dies ist der Beginn eines sich in Arbeit befindenden Romanmanuskripts.
Julia Veihelmann   2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Julia Veihelmann Prosa