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Jürgen Buchmann

Grammatik der Sprachen von Babel
(Ausschnitte)

XXII
Kein anderes Volk bewacht seine Sprache so peinlich wie dieses. Sie verlangen von jedem Satz, dass er bestimmte Wörter enthält. Von diesen Wörtern, die Siegelwörter genannt werden, gibt es eine nicht große Anzahl, die unablässig in Schulen, Amtsstuben und öffentlichen Aushängen erinnert werden. Jeder Satz, in dem sie nicht auftreten, wird verfolgt, und die ihn hervorbringen, müssen mit ernstlicher Strafe rechnen. Doch gibt es gelegentlich Amnestien für Sätze; sie werden auf dem Erlassweg zu korrekten ernannt und liefern ihrerseits von nun an Siegelwörter.

XIII
Je mehr man von dieser Sprache erlernt, um so schwieriger wird die Verständigung. Anfänglich glaubt man, der andere habe sich verhört; man wiederholt, was man sagte, doch mehrt das Befremden. Man detailliert, was gemeint war; sie erklären sich außerstand zu begreifen. Man beteuert sein Bedauern; den nächsten Tag erhält man ihren Brief, der Unterstellungen von der Hand weist, auf die man im Traum nicht verfiel, und die Beziehungen abbricht. Als ich gelegentlich bemerkte, die Sprache sei im Grunde hier überflüssig, wurde mir widersprochen. Man schätze sie vielmehr in besonderem Maße; denn Worte seien das Einzige, was man teile.

XVIII
Aristoteles bemerkt, die Wörter seien Zeichen der in der Seele hervorgerufenen Vorstellungen. Nicht jede Sprache scheint darin gleicherweise erfolgreich. Bei diesem Volk meint jedes Wort etwas anderes, als es benennt, und es ist Schicksal der Sprache, beständig ihr Ziel zu verfehlen. Ein Dichter des Landes vergleicht sie darum mit der Nadel des Kompasses, die niemals genau gegen Norden weist. Schon in der Rede der Kinder wird das bemerklich. So wünschen sie dies oder jenes; schafft man jedoch das Verlangte herbei, so weisen sie's von sich und betteln nach etwas Neuem, bis sie endlich in Tränen ausbrechen. Eines hatte sich müde geweint und rief nach der Mutter; als sie erschien und das Kind in den Arm nahm, murmelte es, halb schon im Schlaf: „Nicht diese Mutter; die andere Mutter.“

XXIV
Die Sprache zeichnet sich hierzulande durch eine große Zahl von Redewendungen aus, die Wert und Würde des Menschen gelten. Diese Wendungen genießen solches Ansehen, dass ihr Gebrauch den Vornehmen des Landes vorbehalten ist. Gesindel, das sie missbräuchlich im Munde führt, um etwa Küchenabfälle zu erbetteln, wird streng gerügt und der Türe verwiesen.

XXV
Der Gelehrte Mukhtar Ibn Ahmad erzählte mir einst unter Lachen, im Arabischen besitze jedes Wort viererlei Bedeutung: Es bezeichne erstlich eine Sache, alsdann ihr Gegenteil, fernerhin etwas, das mit Kamelen zu tun habe, und endlich eine Obszönität. In letzterer Hinsicht geht die Sprache dieses Volks noch weiter. Von den Modi des Verbums kennt sie einzig den Konjunktiv, der das Verlangen bezeichnet: Kein Satz, der nicht ein Zeugnis ihrer Begehrlichkeit wäre; noch die Greise verbringen den Tag mit lüsternen Reden. Die Grammatiker des Landes beklagen die Frivolität ihrer Sprache; einer, heißt es, der sich um ihretwillen entmannte, habe zu spät gefunden, dass er auch damit ihr nicht zu entrinnen vermochte.

XXX
Während ich die Gastfreundschaft des Klosters genoss, erfuhr ich von einem Quell des Gebirges, der Âbi Tabâristân heißt und die Eigenart besitzt, sein Fließen einzustellen, sobald in seiner Nähe gesprochen wird; verstummt man, so beginnt er alsbald, aufs neue zu strömen. Dieser Quell gilt auch als ein Gleichnis Gottes. Ich befragte die frommen Väter hierüber und erhielt drei unterschiedliche Auskünfte. Der erste erwiderte, wenn der Quell innehalte, heiße das, die Stimme Gottes sei nicht mehr zu vernehmen, wenn der Mensch den Lärm seiner Rede erhebe. Der zweite antwortete umgekehrt, wenn der Mensch zu reden beginne, so spreche die Herrlichkeit Gottes aus ihm, und der Quell lausche ehrfurchtsvoll, weil unter den Kreaturen der Mensch die höchste Stellung behaupte. Ein alter Mönch, der hinzugetreten war, sagte gar nichts, sondern kehrte sich gegen eine Mauer, wo er sein Wasser abschlug.

Grammatik der Sprachen von Babel, Reinecke & Voß Verlag 2010

Jürgen Buchmann    20.05.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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