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Literatur in Cafés und Kneipen

Literaturweinstube – Apolda
  Reportage von Johanna Hemkentokrax | 4. Teil

Johanna Hemkentokrax besuchte für die aktuelle Ausgabe des Magazins poet (nr. 11) vier literarischen Kneipen und Cafés und hielt ihre Eindrücke in einer Reportage fest. Die Illustrationen besorgte Miriam Zedelius.

  Teil 1 – Kaffee Burger
Teil 2 – Rumbalotte continua
Teil 3 – Helheim Plagwitz
Teil 4 – Literaturweinstube Apolda

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Dämmerlicht, Zigaretten­rauch, Alkohol: Plätze, an denen Menschen sich zum Trinken treffen, bereiten seit jeher die besten Böden für Literatur. Bars, Absteigen und Spelunken. Orte, nicht explizit der Kultur verschrieben – aber sie kann hier entstehen. Orte zwischen Tag und Nacht; wer sie betritt, bringt seine eigene Geschichte meist schon mit; Himmel und Hölle liegen wohl nirgendwo auf dieser Welt so dicht bei­ein­ander wie am Tresen der Stamm­kneipe. Es gibt auch Kneipen, die sich explizit der Literatur ver­schrie­ben haben. Die litera­rische Kneipe kann ein Ort für Lesungen sein, an dem man sich aus­tauscht oder sogar schreibt. Eins ist sicher: Die Kneipe ist ein Schutz­raum. Und sie ist einer der litera­rischsten Orte dieser Welt. Johanna Hemkento­krax hat sich auf eine lite­rarische Kneipentour begeben und viel Spaß gehabt.



Mitten in einer Fußgängerzone – allerdings einer recht kleinen und um 19.00 Uhr am Dienstagabend im thüringischen Apolda fast gänzlich ausgestorbenen – liegt die Literatur­weinstube von Gastwirt Rainer Fischer. Der hat im Leben schon vieles gemacht (»Florist, Dreher, Drechsler, Tischler, Film­vorführer und Hausmeister – alles außer Fremden­legionär«) und das sieht man der Liwei, wie die Lite­ratur­weinstube von ihren Stamm­gästen liebevoll genannt wird, auch an. Drinnen herrscht stilis­tisches Chaos, die niedrige Decke erinnert an eine Bauernstube. Alles ist eng und voll­gestellt mit Sofas, Stühlen, Regalen voll alter Bücher, Kerzen­leuch­tern: Nichts passt zusammen und genau das macht dieses Wohn­zimmer­gefühl aus, das sich unmittel­bar nach dem Betreten der Literatur­wein­stube einstellt. Die Lesung heute Abend findet draußen im Hof statt. Rainer Fischer, der seit Urzeiten auch noch Blues­musik mit seiner eigenen Band macht, bittet an einen kleinen Tisch. Der Hinter­hof sieht genauso aus wie die Wein­stube drinnen – nur unter freiem Himmel. Kopf­stein­pflaster, wilder Wein rankt vom Dach des Hauses und über die Mauer zum Nach­bar­grund­stück, ein Holunder­busch verdeckt halb die Scheune, die Fischer selbst ausgebaut hat. Überall stehen alte Sofas herum, Kakteen und Marga­riten­büsche in Ter­racot­ta­töpfen, Lampen, Kerzen­leuchter, alle Stile, alles alt. Alles urgemütlich.
  »Das war ganz kurios«, sagt Fischer, »ich hatte hier nen Blumen­laden drin.« Bei all dem Pflanzenwildwuchs in und um die Weinstube liegt das nahe. Fischer ist ein ruhiger Typ, einer der zwischen­durch gern mal eine Pause macht und die Gedanken schweifen lässt. Einen Blumenladen hat er hier gehabt und dann kamen immer mehr Leute und hätten gesagt: Mensch, Fischer, das war doch immer dein Traum, so ein Ort. »Ich selber hatte das ganz vergessen.« Er lacht. So ein Ort, wo Kultur wachsen und gedeihen kann. Zuerst hat er in einer anderen Kneipe lite­rarische Programme aufgeführt. Eugen Roth, Tucholsky, Brecht, Bukowski, mit seinem Edgar-Allen-Poe-Programm ist er sogar durch die Provinz getourt. Dann hat er die Liwei eröffnet. »Das erste halbe Jahr wars Blumen­laden und Weinstube, dann kam Live-Musik dazu.« Und natürlich die Literatur­programme. Da gibt es eine Mischung aus Lite­ratur und Musik, manchmal improvi­sieren Musiker und Autoren spontan. So wie heute Abend. Der junge Autor Sebastian Brandt stellt sein Buch Bon om Toek vor und bespricht den Ablauf mit dem Gitarristen, der ihn begleitet. Es wird viel aus­probiert. Es muss Spaß machen. »Ich wollte Türen öffnen«, sagt Fischer heute, »jede Art von Lite­ratur hat hier ihren Platz.« Die Autoren kommen meist aus der Region. Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen. Meist unbe­kannte Autoren, ohne Verlag oder in Kleinstverlagen. Querein­steiger, aber durchaus profes­sionell, sagt Fischer. »Ich finde das ganz wichtig, so eine Plattform zu geben«. Das Publikum ist bunt gemischt. »Vom Gym­nasias­ten bis über siebzig ...« »Das Publikum ist hier einzigartig«, ergänzt Sebastian Brandt. Es sei überhaupt keine Anony­mität da, eine Oase sei die Liwei. Man spürt, das Rainer Fischers Herz in diesem Ort steckt. Jeder ist will­kommen. Alle kommen miteinander ins Gespräch. Wohlfühlen ist hier ansteckend. »Hier war immer Schweiz«, sagt Fischer. Zwischen drei und über dreißig Leute kämen zu dem Lesungen. »Das kannste nicht beein­flussen. Das spielt aber auch keine Rolle.« Das Publikum kommt aus Apolda, Jena, Weimar, manchmal sogar aus Leipzig.
  Langsam füllt sich der Hinterhof mit dem Publikum, das Fischer beschrieben hat. Eine Gruppe junger Frauen, Pärchen mittleren Alters, Kaffeetassen, Weingläser und Bier­flaschen stehen einver­nehm­lich auf den Tischen. Jeden, der durch die Tür ins Freie kommt, kennt Fischer persönlich. »Die Leute kommen wegen dem Ort und wegen Rainer«, sagt Brandt. »Er als Person ist auch ein wichtiger Anzie­hungs­punkt. Wie er Leute dazu bringt, mitein­ander hierzusein, das ist was ganz Besonderes.« Rainer Fischer windet sich ein bisschen. »Ich glaube, dass ist hier die Mischung aus Ambiente, Genuss und Literatur,« sagt er und wechselt das Thema. »Ich wollte nie so ne richtige Kneipe haben. Diese Stamm­tisch­gespräche, sowas findet hier nicht statt.« Deshalb habe er gleich zu Beginn die Bierpreise extra hoch angesetzt, sagt er und lacht. Er habe das andere um die Kultur herum aufgebaut. Er habe nicht mal Startkapital gehabt, habe nur gedacht: Du musst einen Ort schaffen wo so etwas geht. »Apolda hat Dorfcharakter«, sagt Fischer.
  Als reiner Lesungs­ort würde die Weinstube deshalb nicht funktio­nieren. Aber das war auch von Anfang an nicht das Konzept. Nach der Wende sei er froh über jeden, der hier im Ort mehr gemacht habe, als nur Kneipier zu sein. »Ich hab das auch in Apolda gemacht, weil ich hier so unheim­lich gern lebe. Dieses Gejam­mere ging mir auf die Nerven, dieses Grau in den Köpfen, dieses: Es ist alles scheiße. Das ist es nicht«, ergänzt er. »Es ist bunt.« Das ist es wirklich. Hier im Hinter­hof im beinahe aus­gestor­benen Apolda. Die Sonne versinkt hinter dem Scheunendach, Kerzen werden auf den Tischen angezündet. Der Autor betritt die improvi­sierte Bühne, eine Katze lässt sich auf der Sofalehne nieder. Angekommen.


 

Diese Reportage
und weitere Reportagen
zum Thema in poet nr. 11.





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Johanna Hemkentokrax    13.02.2012      Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Johanna Hemkentokrax
Prosa
Reportage