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Jeffrey McDaniel
Der erste Strohhalm

für Christine Caballero


Ich glaubte, Liebe sei, wenn zwei Leute an einem Strohhalm
saugen, um zu sehen, wessen Durst stärker ist,

aber dann pustete ich die zerstoßenen Walnüsse deines Genicks weg,
spürte Schakale auf in den schneeweißen Grabsteinen deiner Zähne.

Ich glaubte, Liebe sei ein Nonstop-Saxophonsolo
in den Lungen, bis wir wie ein Paar Laufschuhe am Senkel

der Telefonleitung hingen und du mir schworst, immer das Lamm
in meiner Flamme zu hüten. Ich glaubte, Liebe sei letzten Endes

Beckenballett, bis ich neben dir her joggen musste, während du
auf dem Rad deiner Menstruation durch die Hölle rittst, deine Zunge

fegte über meine Prärie wie ein Tornado aus den Schnittkanten von Papier.
Ich glaubte, Liebe sei ein alter Mann, der einen Spiegel

über seinem Knie zerbricht, bis du mir halfst, die Hantelstange
meines Verstandes wieder aus dem Keller zu holen, nach der Pirouette

meines Wagens in der Wüste. Du bist mein Geschichtsbuch. Ich glaubte
nicht an Märchen, bis ich den Tölpel im Schafspelz spielte

und merkte, wie perfekt dein Fuß in den Glasschuh meines Hinterns
passt. Aber dann wickelte die Pflicht ihr Sirenenkabel

um meinen Knöchel und zerrte mich quer über den Kontinent.
Jetzt liegen dreitausend Meilen zwischen dem u

und dem s in Corpus. Ohne dich zu sein, ist wie mit einer Rolle
jugoslawischer Münzen an einer zubetonierten Quelle zu stehen

und sich etwas zu wünschen. Manche Tage vermisse ich dich so sehr,
dass ich vom Dach deines Bürohochhauses springen könnte,

nur um auf dem Weg nach unten einen Blick von dir zu erhaschen. Ich
wünschte, wir könnten ins Geschäft mit abgelegten Augen einsteigen, so

könnten wir immer sehen, was andere sehen. Aber du bist hier, ich bin dort,
und wir haben bloß Wörter, ein nächtliches Telefonat – die Chance,

Gefühle in Silben zu verwandeln und in den Apparat zu gießen,
hoffend, dass sie sich in der Mechanik der Drähte nicht verlieren.

Und in letzter Zeit – wegen diesem ganzen Kriegskram – unterstützt
von der Sprachmaschine – fühlte ich mich vom Alphabet betrogen, als würde

man Strichnin in meine Vokale spritzen, meine Konsonanten verseuchen,
indem man Kampfhelikopter nach ausgerotteten indianischen Stämmen benennt:

Apache, Blackhawk; und West-Bank-Kolonialisten heißen Siedler,
Sharon ist Davey Crockett und Arafat: Geronimo,

und es herrscht wieder überall wilder Westen. Und ich stelle mir Picasso vor,
wie er in einen Spiegel schaut, sein Gesicht mit Kriegsbemalung verziert,

die Pinsel in Gift reinigend. Und ich denke an Jenin
in all den Trümmern, und fühle mich wie ein Zyklop mit zwei Augen,

wie ein Magersüchtiger mit drei Mündern, wie ein Taucher
in Treibsand, wie ein Hai mit Plastikvampirzähnen, so, als sei ich

des Henkers Fingernagel, der versucht, einen vernünftigen Stand
mit der Hand zu haben. Und ich weiß nicht, wie ich Liebe ausdrücken soll,

wenn das Herz eine gesprungene Tasse ist, gekittet mit Spucke und Leim,
und meine einzige sexuelle Fantasie ist,

mit einem panzerfaustgroßen Stift ins Pentagon einzufallen und den Verstand
der Generäle freizublasen. Aber ich tröste mich

mit dem Gedanken, dass wir unser erstes Kind Jenin nennen werden,
und ihr zweiter Vorname wird Terezin, und wir werden sie unterrichten,

wie man glüht in der Dunkelheit, und wie Blitzschläge zu schlucken sind,
und nie den ersten Strohhalm auszulassen, weil niemand

je über den ersten Strohhalm spricht, es ist immer der letzte Strohhalm,
der Aufmerksamkeit bringt, aber dann ist es viel zu spät.

 

Aus: Katastrophenkunde. Übersetzt von Ron Winkler. Lautsprecherverlag 2006

Jeffrey McDaniel    16.08.2007    Druckansicht Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen Diese Seite weiterempfehlen

Jeffrey McDaniel
Lyrik