Jeffrey McDaniel
Empathie am Himmel
Während des Nachtflugs aus Seattle schreit sich
in der Reihe hinter mir ein Zweijähriger seine kleine Seele
aus dem Leib. Anstatt davon zu träumen,
ihm ein Knäuel aus Isolierband in den Mund
zu stopfen, beneide ich ihn darum, wie er
seinem Schmerz freie Bahn lässt. Ich wünschte, auch ich
könnte eine Pipeline in meine Qualfelder legen, um
einen Heulsee anzuzapfen. Wie lange müsste ich
schluchzen, damit die Frau neben mir ihr
ihre Modepostille zur Seite legt und eine Hand
eintaucht in die Pfütze, die ich geworden bin? Wie oft
herumquieken, bis noch jemand
damit anfängt? Binnen kurzem würde sich die Stewardess
über das Cateringwägelchen werfen, der Pilot
über den Armaturen in Tränen aufgehen – das Flugzeug
ein Pfeil aus Mitleid, der durch die Lüfte zittert.
Aus dem Amerikanischen von Ron Winkler
Jeffrey McDaniel 16.08.2007 Druckansicht Seite empfehlen 
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Lyrik
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