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Jan Decker
Der Sommer der Leoparden


Sommerregen klatscht gegen das Deck der Boreas. Ich warte seit einer Stunde auf Anselm. Er wird nicht kommen. Das Plastikthermometer am Bootsanleger fällt. In roten Buchstaben wünscht es den Seglern am Neusiedler See eine gute Heimkehr. Das vom Regen aufgeweichte Taschenbuch in meiner Hand. Es ist Pater Simons Taschenbuch, das ich am letzten Tag der Sommerfreizeit einstecke. Ich weiß nicht, warum. Damals zeige ich es Anselm, kurz bevor er mit Pater Simon und den Knaben in die Domstadt zurückfährt. Er schüttelt den Kopf, und nimmt es mir ab. Ich reiße das Taschenbuch aus seiner Hand, und stecke es seelenruhig in die Tasche des Kapuzenoveralls. Es ist meine Beute.

Anselm kennt Pater Simon aus dem Gymnasium. Er ist sein Religionslehrer. Wir haben für die Reisegruppe eine Woche lang gekocht. Jetzt sind wir frei. Niemand ist am Bootsanleger zu sehen. Die Schilf­rohre drücken wir platt, um eine Insel zu schaffen. Anselm hat nicht viel Zeit. In einer Stunde fährt Pater Simon mit den Knaben auf der österreichischen Seite des Neusiedler Sees los. Zwei kurze Schnitte, dann drücken wir die blutenden Handflächen ineinander. Anselm und ich sind volljährig. An genau diesem Tag wollen wir unseren Schwur erneuern. In 15 Jahren. Süßlicher Geruch von Verwesung liegt in der Luft. Die Schilfrohre flüstern. Es ist der Sommer der Leoparden.

Mein Herz ist eine Mördergrube. Anselm sagt den Satz, als wir hinter dem Bootshaus stehen und Zigaretten rauchen. Die Knaben decken den Tisch. Es gibt Nudeln mit Tomatensoße. Die Schnaken stechen uns. Doch hier sind wir ungestört, neben den Plumpsklos. Wir stoßen Nikotinwolken aus. Das bubenhafte Grinsen von Pater Simon, als wir die Nudeln aus der Küche bringen, unser erstes Essen für die Reisegruppe. Das glucksende Lachen der Knaben, als Anselm der Topf mit der Tomatensoße auf den Boden fällt. Wir verdrücken uns. Wir haben keinen Hunger. Das Wohnzimmer, drei Zimmer mit Stockbetten, an der Rückseite Küche und Bad. Das Bootshaus steht im abgelegenen Schilf des Neusiedler Sees. Wir kommen nur mit Ruderbooten an das Land. Wir suchen das Abenteuer.


Wir können Pater Simon und die Knaben das Tischgebet aufsagen hören. Wir zünden neue Zigaretten an. Für diesen Moment sind wir hergekommen, für diesen kurzen Moment der Freiheit. Am nächsten Morgen sehe ich Pater Simon im Bad stehen. Er putzt seine Zähne. Dann geht er durch das Wohnzimmer, noch immer mit der Zahnbürste im Mund. Außer Pater Simon und mir ist niemand im Bootshaus. Die Knaben toben im Wasser. Anselm ist hinter das Bootshaus ins Schilf gegangen, er raucht eine Zigarette. Pater Simon ist eine Bohnenstange von Mann, mit einem grauen Schnurrbart und käsigen Beinen. Er denkt angestrengt nach, während er Zähne putzend auf und ab geht. Ich sitze auf der Eckbank und spiele Gitarre. Pater Simon geht wieder ins Bad. Ob er an den lieben Gott denkt?

Am nächsten Morgen folge ich Pater Simon ins Bad. Ich nehme meine Zahnbürste in die Hand, obwohl ich mir das Zähneputzen in dieser Woche am Neusiedler See spare. Die Stahlwaschbecken sind schmutzig. Pater Simon beachtet mich nicht, nachdem er sich kurz nach mir umdreht. Er spricht mit Anselm, und das auch nur, wenn es um das Essen geht, das wir für die Knaben kochen. Sonst lässt er uns in Ruhe. Da legt Pater Simon die Zahnbürste weg. Wenig später höre ich seinen käsigen Körper ins Wasser planschen, das glucksende Lachen der Knaben. Ich lege die Zahnbürste zurück. Die Borsten sind trocken. Ich halte den Finger in die Wunde. Ein kleiner Stich in meiner Handfläche. Ich habe den Schwur mit Anselm geprobt. Und bestanden.

Das Blut verklebt rasch in der Augusthitze. Ich zünde mir eine Zigarette an. Etwas riecht faul. Vielleicht der Geruch des Neusiedler Sees, die sterbenden Schilfrohre. Wenn Anselm nicht kommt, werde ich den Schwur erneuern. Allein. Anselm verlässt die Domstadt damals, um Zivildienst zu leisten. Wir ziehen in unterschiedliche Städte. Bald nach dem Abitur ist es uns peinlich, dass wir eine Sommerwoche mit Pater Simon und den Knaben verbringen. An dem Tag, als wir losfahren, träumen wir von einem Abenteuer. Wir packen Sachen für unsere Sommerfreizeit. Anselm ist mit dem Auto da. Er hat seit zwei Monaten einen Führerschein, er nimmt mich in die Domstadt mit. Der Sommer der Leoparden beginnt.

Wir fahren mit Pater Simons Kleinbus nach Österreich. Die Knaben rutschen unruhig auf den Sitzpolstern umher. Pater Simon hätte die Sommerfreizeit fast abgeblasen. Es gibt kaum Anmeldungen. Anselm hat einen Stapel Musikkassetten eingepackt, ein Klappmesser und fünf Stangen rumänischer Zigaretten, die sein Cousin Dinu besorgt hat. Ich habe meine Gitarre in den Stoffbeutel gepackt, dann eine Zahnbürste, ein Heft mit Gitarrennoten und ein T-Shirt in die Reißverschlusstasche des Stoffbeutels gelegt. Ich reise nicht wirklich an den Neusiedler See. Ich reise an einen Ort, den weder Anselm noch Pater Simon kennen. Die Knaben neben mir schon gar nicht. Ich will erwachsen sein. Mein Herz ist eine Mördergrube.

Nachts singen die Schilfrohre. Anselm und ich hören sie, wenn wir uns in den Stockbetten unterhalten. Wir liegen uns gegenüber, in den unteren Betten. Pater Simon und die Knaben schlafen. Ich erzähle Anselm, dass ich weiterreise. Ob er mitkommt? Wir liegen im vorderen Zimmer des Bootshauses, das als einziges zur offenen Wasserfläche des Neusiedler Sees zeigt. Hier fallen die Schnaken besonders gern ein. Neben uns liegt das zweite Zimmer, mit drei Knaben. Dann folgt das dritte Zimmer, das sich Pater Simon mit zwei Knaben teilt. Seine fünf Lieblinge haben ihn nicht im Stich gelassen. Zwei von ihnen sind seine ganz besonderen Lieblinge. Anselm sagt, es ist für die Knaben eine Auszeichnung, das Zimmer mit Pater Simon zu teilen. Auch wenn sie sich insgeheim davor ekeln. Die Stichwunde an meiner Handfläche schmerzt. Ich bin zum Aufbruch bereit.

Anselm kann nicht einschlafen, meine Reisepläne beschäftigen ihn. Wir legen uns auf die Holzplanken der Terrasse, unter die Sterne. Die Augustnacht ist warm und klar. Anselm raucht eine Zigarette, ich spiele Gitarre. Dann sagen wir ein ungarisches Wort auf. Wir pauken für unser erstes Treffen mit Erzsi und Gerti. Wir lernen die beiden Mädchen in einem Supermarkt nahe der ungarischen Grenze kennen. Sie räumen dort Getränke ein, drei Stunden am Tag. Die Knaben holen sich ein Wassereis. Pater Simon verlässt den Kleinbus nicht. Schon bei diesem Wort scheitern wir. Önkormányzata. Wir versuchen es noch einmal. Das Wort steht auf dem Faltplan, den Erzsi und Gerti uns mitgeben. Ein Kreuz markiert den Bootsanleger mit der Boreas.

Anselm drückt die Zigarette aus, und geht in das Bootshaus. Er hat Pater Simon versprochen, mit ihm und den Knaben zurück in die Domstadt zu fahren. Er will ihm beim Autofahren helfen. Pater Simons Fahrstil ist gefürchtet. Ich spüre die Stichwunde nicht mehr. Ich lege mich unter die Sterne und träume. Anselm hat mir seinen Kapuzen­overall mit dem Leoparden­muster hier­gelassen. Er sagt, ich kann ihn behalten. Anselm weiß, dass ich nur ein T-Shirt einstecken habe. Das Leopardenmuster funkelt in der Nacht. Ich möchte Albert Camus lesen, sage ich Anselm am nächsten Morgen. Sein rumänischer Cousin Dinu hat mir von Albert Camus erzählt. Ich bewundere Dinu. Er arbeitet schon, und er liest Albert Camus. Anselm lächelt nur stumm.

Ich kann Stefan Zweig nicht mehr lesen. Es ist wie ein fauler Zauber. Wenn ich Pater Simons Taschenbuch aufschlage, stocke ich nach den ersten Sätzen. Auch Anselm kann Stefan Zweig nicht mehr lesen. Immer dieses Buch, sagt er. Niemals liest er aus einem anderen Buch vor. Jeden Abend liest Pater Simon den Knaben im Wohnzimmer vor. Wir hören seine Stimme in der Küche, wenn wir die Teller und Töpfe abspülen. Sie ist hell und weich, wie eine Knaben­stimme. Ich glaube nicht an die Stern­stunden der Mensch­heit. Wenn es einen Gott gibt, ist er eine brütende Existenz, so wie ich. Auch die Knaben glauben nicht an die Sternstunden der Menschheit. Sie kichern leise, wenn Pater Simon ihnen von Napoleon und seinem Waterloo erzählt.

Die Augustnacht flüstert ins Bootshaus. Wir gehen hinter zu den Plumpsklos in das Schilf, um zu rauchen. Der Abwasch ist erledigt. Sobald Pater Simon und die Knaben schlafen, rudern wir auf die unga­rische Seite des Neusiedler Sees. Zur Boreas, wo Erzsi und Gerti auf uns warten. Ich halte mich unmerklich an der Gitarre fest. Ich spiele für mich, nur Anselm darf mir zuhören. Die Knaben hören uns nicht, sie räumen ihre Zimmer auf. Pater Simon sitzt im Wohnzimmer und liest in der Bibel. So wird es immer sein. Still und heimlich reise ich ab, bevor es die anderen merken. Kurz nach dem Sommer der Leoparden schreibe ich meine erste Kurzgeschichte. Anselm hat der Domstadt den Rücken gekehrt. Er hält mein Schreiben für eine Kunst, wie mein Gitarrenspiel.

Der faule Geruch, über den ich mit niemandem sprechen kann, er ist überall. Ich spiele nicht mehr Gitarre, nach dem Abitur lege ich sie zur Seite. Anselm kennt sie nicht, die Not. Den faulen Geruch, der mich schreiben lässt. Die Domstadt ist ein blühendes Biotop. Mein Herz ist eine Mördergrube. Ich schreibe bis zur Besinnungslosigkeit. Ein Theater­stück mit 100 Seiten und einem Figuren­register, das drei Seiten füllt. Bis die Zeitungen von Pater Simon schreiben. Da stocke ich zum ersten Mal. Etwas in meiner Hand­fläche bricht auf, eine alte Wunde. Ich bin angekommen. So sehen mich die Knaben damals schon. Als einen Eigenbrötler, den man besser in Ruhe lässt. Anselm hält für mich die Kommunikation mit der Außenwelt aufrecht.

Wir rudern über den Neusiedler See. Erzsi und Gerti schlafen auf dem Deck der Boreas, unter dem Sternenhimmel. Sie kommen aus Ostungarn. Sie sind in den Schulferien an den Neu­siedler See gereist, um zu arbeiten. Im österreichischen Supermarkt räumen sie drei Stunden am Tag Getränke ein. Und sie verkaufen Haschisch, das ihnen Porky zusteckt, der Eigner der Boreas. Die Boreas ist die prächtigste Yacht auf dem Neusiedler See. Sie ist viel zu groß für den See, und sie liegt immer am Bootsanleger auf ungarischer Seite. Porky treffen wir niemals. Erzsi und Gerti wissen nichts über ihn. Sie haben den Mann Porky getauft, weil er doch einen Namen haben muss. Wenn er kommt, macht er Fotos mit ihnen. Dafür dürfen sie auf der Boreas bleiben.

Die Schilfrohre flüstern. Wir tauschen englische Sprachbrocken aus. Dann lernen wir das ungarische Wort. Önkormányzata. Es klappt. Erzsi und Gerti zeigen uns Fotos, die Porky mit ihnen macht. Als Anselm sie betrachtet, verändert sich sein Gesichtsausdruck. Er steckt das Haschisch in den Kapuzenoverall, und steigt ins Ruderboot. Ich gebe Erzsi und Gerti zwei Stangen Zigaretten und lächele verlegen. Anselm rudert uns zum Bootshaus zurück. Wir sehen nach, ob Pater Simon und die Knaben schlafen. Dann setzen wir uns auf die warmen Holzplanken. Der sternenklare Augusthimmel über uns. Anselm dreht den ersten Joint, dessen bauchige Gestalt er im Mondlicht prüft.

Ich schließe die Augen fast vollständig, im Halbschlaf betrachte ich die sterbenden Schilfrohre am Ufer. Sie knicken unmerklich ab und werden auf den morastigen Grund gezogen. Ich träume wortlos, ohne Gedanken. Es ist Porkys Haschisch, es besitzt Zauber­kraft. Ich sehe durch das Bootshaus hindurch. Anselm planscht mit den Knaben im Wasser. Ich schweige. Mein Herz ist eine Mördergrube. Ich spüre die Augustsonne, das Flirren der stehenden Schilfrohre in der Mittags­hitze, die brütende Sinn­losig­keit, die mir gefällt. Anselm kennt die Sommerfreizeiten, er war schon oft am Neusiedler See. Ich bin der Neuling. Pater Simon ist am Morgen in den Supermarkt gefahren, in dem Erzsi und Gerti Flaschen einräumen. Der Moment der Freiheit, ich spüre ihn deutlich.

Die Knaben sind zehn Jahre alt, sie haben das göttliche Alter. Sie gehen auf Anselms Gymnasium, an dem Pater Simon Religion unterrichtet. Ich besuche ein anderes Gymnasium. Pater Simon ist in der Domstadt bekannt. Er unterrichtet an Anselms Gymnasium Religion, er leitet Schülergruppen und fährt jeden Sommer mit ihnen an den Neusiedler See. Anselm weiß, dass Pater Simon die zehnjährigen Knaben seine Lieblinge nennt. Nur ein oder zwei Mädchen melden sich für seine Sommerfreizeit an. Wie durch Zufall sagen sie kurz vor der Abfahrt ab. Anselm weiß, dass ich nicht zu Pater Simons Lieblingen gehöre. Die unsichtbare Wand, durch die ich an diesem Sommertag blicke.

Jeden Mittwoch lädt Pater Simon die Schüler der Domstadt in das Freizeitheim ein, das auf dem Stadtberg steht. Ich erinnere mich an Kartons voller Faschingskrapfen, die sich auf den Tischen stapeln. Anselm hat mich eingeladen. Wir sind seit der Grundschule befreundet. Seit letztem Jahr besuchen wir unterschiedliche Gymnasien. Ich sehe Pater Simon zum ersten Mal. Die Abwesenheit anderer Erwach­sener fällt mir auf, und dass Pater Simon kein Wort mit mir wechselt. So wird es stets bleiben. Die unsichtbare Wand, sie leuchtet erstmals auf. Es sind die Zimmer im Untergeschoss des Freizeitheims, die ich erkunde, weil mir lang­weilig ist. Ich sehe verschlossene Gardinen, Matratzen­lager, Spiel­sachen. Der faule Geruch ist da.

Ich vergesse Pater Simon, bis mich Anselm kurz vor dem Abitur auf die Sommerfreizeit am Neusiedler See anspricht. Wir haben das göttliche Alter verlassen. Jetzt will ich mich in Pater Simons Obhut begeben. Ich suche das Abenteuer. Mein Herz ist eine Mördergrube. Der Grenzübertritt geschieht unmerklich, während Anselm das Ruderboot mit ruhigen Schlägen über den See zieht. Wir halten Kurs auf die Boreas, die am Horizont zu sehen ist, selbst in der sternenklaren Nacht. Vielleicht will Anselm mich schonen. Mich, den Gitarren­spieler, den Neuling. Pater Simon vermisst uns nicht. Er ist mit seinen Marotten beschäf­tigt. Die Brotkrümel am Mund, die er nicht wegwischt. Die mit Filzstift markierten Saft­flaschen, aus denen er trinkt. Nicht er markiert sie, sondern die Knaben. Sie ekeln sich besonders wegen der Brotkrümel, die Pater Simon am Rand der Saft­flaschen hinterlässt.


Was kümmert es mich? Ich bin der Neuling. Und ich bin woanders. Doch ich verschweige Anselm, wohin ich reisen werde. Nur Dinu soll es wissen, Anselms rumänischer Cousin. Ich stehe im warmen August­regen vor der Boreas und warte auf Anselm. Er wird nicht kommen. Mein Vorrat an Bildern ist auf­gebraucht. Anselm wohnt längst in einem anderen Land, seit vielen Jahren. Ich träume nicht mehr, sage ich ihm bei unserem letzten Tref­fen. Seit dem Sommer der Leoparden habe ich keine Träume mehr. Ein Knabe unter Knaben. Das antwortet er mir. Als wisse Anselm von einem Zauber.

Ich sehe durch das Bootshaus hindurch. Pater Simon beobachtet den Schlaf der Knaben. Er steht vor einem Stockbett und bewegt seine geschlos­sene Handfläche auf und ab. Es dauert 15 Jahre, bis ich zu diesem Bild vordringe. Dann sehe ich Erzsi und Gerti auf dem Deck der Boreas liegen. Sie sind mit einem Badeslip bekleidet, und haben ihn auf Porkys Foto zur Seite gezogen. Ihre braun gebrannten Beine sind weit gespreizt. Damals reise ich mit dem Fernbus weiter. Anselm und die Knaben winken mir aus dem Rück­fenster. Pater Simon sitzt am Steuer. Er wälzt Gedanken. Er dreht sich nicht um. Der Fernbus fährt nach Budapest, dann weiter nach Bukarest. Zu Dinus Familie, sie hat mich eingeladen. Ich kehre der Domstadt den Rücken.

Als ich am Bootshaus ankomme, bin ich durchnässt. Das Ruderboot mache ich am Steg fest, dann ziehe ich die Zeitungs­artikel aus der Tasche des Kapuzenoveralls, und lege sie auf die Holzplanken. Vielleicht ist die unsichtbare Wand schon immer da. Die Zeitungs­artikel sprechen eine klare Sprache. Ich gehe hinter das Bootshaus und schneide mir die Hand­fläche auf. Dann drücke ich die blutende Handfläche an Pater Simons Zimmer. Mein Herz ist eine Mörder­grube
Jan Decker  06.11.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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