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Jan Decker
Wanteln. Ein Versuch
Wanteln ist Bedingung und Ausdruck meiner Existenz, mehr noch, es ist ein System, ein mühsam errungenes, täglich zu verteidigendes System, und als solches gezwungenermaßen dem Wahn entsprungen, wobei es den Wahn erst durch sich hervorbringt, diese Dialektik macht Wanteln zu dem, was es ist, durch mich und aus mir macht und ist Wanteln ein Wahnsystem.

Die Strecke nach Wanteln, die mich einmal im Jahr ob der Vereinsgelder zu Fauns Gehöft führte, war ein immergleiches Kurvengewühl, den Felsschroff hinauf. Auf halber Höhe zum Gut hielt ich beim Bischof inne, um mich in seiner Gaststube für den Wegrest zu stärken. Den Faun, meinte Bischof, habe er seit Monaten nicht gesehen, die Theres aber, Fauns Schwester, käme jeden Dienstag von Wanteln und hole Butter und Käse für die Woche. Ob ich näher mit dem Faun bekannt sei?

Wäre ich nicht hier in Wanteln, es würde zweifellos ein anderer Mensch aus mir, hat doch Wanteln erst aus mir gemacht, was ich bin, was die zwingende Frage aufwirft, welcher Mensch ich denn vor Wanteln war, ja ob ich vor Wanteln eigentlich war.

Fauns Schwester öffnete das schwere Holztor und grüßte mich stumm. Sie reichte mir das Vereinsgeld und lud mich auf einen Tee in die Stube. Scheinbar hatte sie mein Kommen schon früh bemerkt. Im Gespräch erfuhr ich vom geplanten Verkauf des Hofs. Er sei zu groß und anstrengend für sie allein. Ob ihr Faun nicht zur Hand gehe? Ihr Bruder, berichtete sie, war bereits vor Jahresfrist in das Landessanatorium eingewiesen worden. Sein Geisteszustand hatte zu den größten Befürchtungen Anlass gegeben. Sie betonte, zu den allergrößten Befürchtungen. Deshalb war seine Rückkehr nach Wanteln schon zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen gewesen. Drei Wochen war es nun her, dass Faun sich im Landessanatorium mit einem Poststrick und einer Brotzeitdose erhängt hat. Sie wiederholte, mit einem Poststrick und einer Brotzeitdose.

Sie kommen einmal im Jahr nach Wanteln. Sie können nicht wissen, was Wanteln ist. Auch die Schwester, die sich ja als ein Stadtmensch bezeichnet und die nur einmal die Woche nach Wanteln kommt, weil dieser Ort sie angeblich verrückt macht, weiß naturgemäß nicht, was Wanteln ist. Sehen Sie, ohne mich gibt es Wanteln nicht.
Jan Decker    01.07.2009     Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Jan Decker
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