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Isabella Breier
daily routine
den großteil des nachmittags verbringe ich damit, allerlei kinder, die am rasen vor dem haus spielen, von der Fensterbank aus zu beschimpfen. dreimal die woche komm ich sogar runter und ohrfeige das eine oder andere, das trotz meiner befehle, endlich die klappe zu halten, seelenruhig weiter im sandkasten schaufelt, baggert, baut. meist muss ich mich beeilen, bevor wieder eine dieser ignoranten mütter zu mir läuft und mir damit droht, gleich die polizei verständigen zu werden. sie haben kein recht, unsere kinder zu schlagen, sie frustrierte alte zicke. oder: wenn sie ihr leben nicht ertragen, so verstehe ich wohl ihren zorn, ihre ohnmacht ist ja kein bloß individuelles schicksal, entspricht vielmehr einer strukturellen problematik. blöde kuh, sag ich, zweck der grünfläche ist, so steht es geschrieben, auf sie hinabsehen, nicht, darauf sich tummeln und lärmen zu können.

in meiner wohnung sperre ich mich ein, stelle mir die schnapsflasche vor die nase und atme tief durch. so ein klischee, denken sie sicher, na bitte, dann kommen sie doch mal vorbei, ich lasse sie ohnehin nicht herein. ein schluck, zwei oder drei, ich mache die augen zu und träume ein wenig von früher, als auch nichts geschah, ich aber immerhin noch die hoffnung hatte, dies würde sich schon ändern mit der zeit. mit der zeit wird man allerdings nur alt, mehr ist da nicht. mit dem altwerden ist es so eine sache. ich hole mir mein Adressbuch von vor mehr als zehn jahren, rege mich auf bei fast jedem namen, dieser wixer und diese schlange und diese fürchterliche horde verlogener idioten. während ich darin blättere, fällt mein blick auf den laminatboden, der sich zu meinen füßen aufblättert, dort, wo noch vor kurzem beinahe unsichtbare übergänge waren, fugen erkennen lässt, wo er sich wölbt. ich hasse das, das alles. und die wörter, die ich in den mund nehme, klebrige brösel, passen nicht zu mir, wirklich nicht, so habe ich nie geredet. einmal die woche staubsauge ich, putze nass, besprühe die räume, sich gehenlassen geht anders. allmählich verweigere ich dem adressbuch die wirkung, die ich schon so gewohnt bin, oder es mir, was interessiert mich das. oft lege ich mich dann ins bett und lege hand an mich, denke an fritz, so hat er eben geheißen, dafür kann ich doch nichts. mir ekelt vor meinen eigenen fingern, ich renne ins bad, stelle das telefon auf meinen schoß. ich drücke ein paar tasten, damit er meine nummer nicht erkennt, stelle ihn zur rede. mayersdorfer, brummt er. ich sage nichts, ziehe die schultern hoch.

hallo, sagt er, ich hör nix. du geile sau, keuche ich mit verstellter, flüsternder stimme, du kleine fette drecksau. wer spricht da, brummt er, nenn mir endlich mal deinen namen, du miese schlampe. schimpfen, das kannst, hauche ich, warte, ich steh schon fast vor deiner tür, nicht mehr lange. und dann, schreit fritz, soll ich dich ordentlich durchvögeln, oder was. ich keuche in die sprechmuschel. du bist wirklich krank, brummt er, irene, nicht wahr, du bist echt nicht mehr dicht. du sau, sage ich, keuche weiter. pass auf, ruft er, ab morgen hab ich eine fangschaltung installiert, dann krieg ich dich. er legt auf, ich meinen kopf auf die armlehne. früher, als ich solche anrufe bekam, mit männergestöhne und allem drumherum, da bin ich selbstverständlich das opfer geblieben. fritz macht da nicht mit, er sitzt am längeren, er hat den längeren ast. hahaha, selber schuld, die weiber, sag ich mir. nach der schnapsflasche geht die sonne unter, ich kippe zur seite.

den großteil meiner morgen verbringe ich damit, allerlei kinder, die am rasen vor dem haus miteinander quasseln, anzuschreien. was tut ihr da, ihr würstel? wir sind auf dem weg zur schule, dumme hexe. oder: wir tun doch nix. oder: fick dich doch. man sagt nicht fick dich, ihr arschlöcher, brülle ich, wenn ich euch erwisch. was denn dann. oder: du erwischst uns eh nicht. mach mir nichts vor, stell mir butterbrot und bier vor die nase. glauben sie mir nicht, was wissen sie schon. proletariatschic, lachen sie, das nehmen wir ihnen nicht ab. glauben sie doch, was sie wollen, sie arsch. ja, nix mehr mit laminatboden, der sich wölbt. solche sachen sag ich nicht, um himmels willen. wenn ich noch rauchen würde, könnte ich mich zu tode qualmen. ich will doch nicht sterben, ich will nur diese drecksau das fürchten lehren. ich atme lang aus und halte die sprache an. an meiner stimme würd nicht mal ich selbst mich erkennen.

mayersdorfer.
na, schon eine fangschaltung, du nichtsnutz?
wer weiß, was willst du von mir?
das werd ich dir auf die nase binden.
bist allein, ja, wohnst noch dort?
woher willst du wissen, wo ich wohn?
und, bist noch in der kanzlei. hast grad urlaub. ha.
was weißt du. du sau. nixnutz.
saufurlaub, was. man muss seine zeit nützen.
und du. gösserflaschen heben. das kannst.

ich keuche, was das zeug hält. in meinem kopf dreht sich nichts, in meinem körper alles. wenn dieser fritz nicht gewesen wäre, wäre ein anderer gekommen, der mich zu boden gestoßen hätte. aber an ihm führt kein weg vorbei, ihm verdanke ich, was immer.

den großteil meiner nächte verbringe ich damit, aus dem fenster zu schauen und keine kinder zu sehen, die eines besseren belehrt werden könnten. in der früh werd ich sie wieder vor augen haben. du und du, werd ich mir sagen, warte vierzig jahre, dann stehst du an meiner stelle, vertrittst mich. man weiß das nach ein paar sätzen. wie sie sich wehren gegen mich, da erkennt man schon den lauf ihrer bahn. ich weiß das, ob sie mir das abnehmen oder nicht. der mond ist eine schmerztablette, die schachtel ohne beipackzettel. ich stelle die schnapsflasche auf den kühlschrank, lehne mich über die abwasch, übergebe mich, über das besteck, die teller. dann ist mir wohler. morgen staubsauge ich und putze nass. den großteil, fast jede nacht. heute läutet es an der tür. ich keuche, was das zeug hält. auf zehenspitzen gehe ich hin, luge durch den spalt. wen sehe ich. na, sie werden es wohl schon wissen. wer steht da vor meiner tür. besserwisser, sage ich, irrtum, fritz ist es nicht. nicht nur.

was willst.
mit dir reden.
zum reden gibt's nix.
der fritz schickt mich. und ich mich eigentlich auch selber. in stellvertretung.
schleich dich.
hast dich nicht verändert. schimpfst wie seit jeher.
aber du. bist anders worden. oder wie.
lass mich rein.
nur über meine leiche. du hast nicht mal mehr ein gesicht.

ich lege ihr meinen körper zu füßen, dass sie ihn einschweißt in die fugen, die sich wölben, auf diesem elenden laminatboden, dass sie mir die hand auf den mund presst und ich nicht mehr sagen kann, was unablässig aus mir hervorwill, wo ich doch gar nicht will, ich schwenke ihr meine schnapsflasche entgegen, reibe sie ihr unter die nase, zuerst umfängt sie mich, hält meine handgelenke, drückt mir die arme auf den rücken, auf ihren, grauen rücken der zeit, glauben sie mir eben nicht, nehmen sie mir das alles nicht ab, darum geht es mir doch nicht, sie witzfigur. ich lege ihr meine sätze zur last, ich tue das, ohne ein wort, ich zeige ihr, uns, wenn sie mich nicht versteht, ist es nicht meine schuld. sie legt hand an mich, und meine haut krallt sich an ihr fest, lacht sie, vielleicht grob, vielleicht gutmütig, zieht sie mich in ihren sog, ehe sie losschimpft, alles feine abwirft, das ja wirklich nicht zu ihr passt, mich auf den tisch stößt, den kopf gegen das fensterglas, mit aller wucht. ich keuche, was das zeug hält.

den großteil des nachmittags verbringe ich damit, aus dem Fenster zu schauen und den patienten im hof unflätiges zuzurufen, wenn das personal verschwunden ist.

 

Isabella Breier       17.04.2007       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Isabella Breier
Prosa