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Isabella Breier
hinter sich
als ich heute morgen aufstand, in die küche schlich, um wasser in den kaffeekocher zu schütten, kam mein freund daher, und als ich „morgen“ murmelte, sagte er nichts, sah mich nicht an. als ich mich mit meiner tasse kaffee an den frühstückstisch setzte, ihm gegenüber, ich ihn fragte, was denn los sei, schwieg er. „was soll das?“ nichts. „bist du beleidigt?“ nichts. ich wurde lauter und leiser, fatale und fragile, wütend und verzagt, ich erhielt keinen kommentar von ihm, auf seiner seite. ging ich zu ihm hin, umarmte einen körper. nichts. küsste ihn auf den nacken. er schwieg weiter, schlürfte seinen kaffee, schmatzte so hemmungslos, wie er vor mir noch nie geschmatzt hatte, kratzte sich an der schulter. zwickte ihn leicht, zwickte ihn fester, bohrte meine fingernägel in seine oberarme. biss ihn in die lippen, die brustwarzen. schlug ihm ins gesicht. legte meine hände um seinen hals, drückte ein wenig, drückte fester, ganz fest, würgte. würgte ihn, auf mein leben und tod, seines. vor anstrengung hatte ich den mund weit offen, die zähne gebleckt. ein tier, das nicht begriff. er lehnte sich nur zurück, ließ die arme über die sessellehne baumeln, gähnte. schließlich ließ ich von ihm ab.

ich zog mich aus und ging ins bad, duschte eiskalt und brennheiß, schlüpfte nass in mein kleid. es war warm draußen, an die dreißig grad. das wetter hatte mich im griff, gab mich zuversichtlich. während ich meinen schlüssel suchte, rief ich ihm etwas zu, „bis bald“, „ich versteh dich nicht“, „wieso tust du mir das an“ oder ähnliches, griff nach meinen sandalen und tappte barfuß auf die straße. an der bushaltestelle wartete ich, schloss die augen. als ich beim einsteigen den busfahrer grüßte, der sonst immer zu antworten pflegte, drehte er sich nicht her. kein wort. ich tat ein paar schritte zurück, tippte ihm auf die hand, die am lenkrad ruhte. „guten morgen habe ich gesagt“, sagte ich noch freundlich. nichts. bäumte mich vor ihm auf, wiederholte meinen gruß, dreimal, zehnmal. ich schrie ihm zu, schimpfte auf ihn ein, schrie den anderen fahrgästen ein „guten morgen, verdammt noch mal“ entgegen. die meisten starrten vor sich hin, auf den boden, in die luft, manche hielten sich eine zeitung vor die nase, ein paar kinder quengelten. niemand registrierte, kümmerte sich um mich. schwindel, ein ganz großer. ich hockte mich auf den schoß einer alten gebrechlichen frau. sie machte keinerlei anstalten, mich abzuwehren.

in der bäckerei wollte man mich nicht bedienen. dabei hatte ich nichts unmögliches gefordert, nur ein marmeladecroissant und einen packerlkakao. man schaute an mir vorbei. bleich redete ich auf sie ein, fast hätte ich mich nicht mehr auf den beinen halten können.

im klassenzimmer saß ich auf meinem stuhl vorne, ordnete die kopien und erklärte den kursteilnehmerinnen das heutige programm. sie hörten nicht auf, mit ihren taschen und tüten zu rascheln, miteinander zu plaudern. ich forderte ruhe, so könne man nicht arbeiten. sie quasselten weiter, ohne mit der wimper zu zucken. schnell erhob ich mich und wollte den stoß kopien an die frau in der ersten reihe links weiterreichen, ich fuchtelte vor ihren augen damit herum, sprach auf sie ein. keines blickes würdigte sie mich. „wo sie heute nur bleibt“, hörte ich, „hat wohl verschlafen“, „warten wir noch fünf minuten, dann gehen wir ins sekretariat, um nachzufragen“.

als ich wieder zuhause war, schlug mein puls heftig, mein herz spürte ich auf, rasen, stocken, ich atmete schwer. meine hände ballte ich zu fäusten, ich schloss die augen und rannte blind zum spiegel. war auf das schlimmste gefasst, als ich mich ihm stellte. so seufzte ich erleichtert auf, als ich mich erkannte, wie seit jeher, ich, vor mir, unverwechselbar. die kleider riss ich mir vom leib. nackt wollte ich sein, nur nackt. ich wollte mich schlafen legen und danach alles überdenken, einen klaren kopf bekommen, nichts überstürzen. man hat nie gelernt, was man in solchen situationen tun, wie man am besten reagieren soll. woher sollte ich es wissen. unter die tuchent grub ich mich, knie an schultern, ein kleiner ball.

gerade in meinem schiefen traum hörte ich sein lachen und ein anderes, weibliches, meines. zuerst noch ferner, aus der garderobe, da wurde es lauter, sie standen im schlafzimmer, zweifellos ich und er, vor meinem bett. hörte sie flüstern, einander küssen, wälzte mich unter die tuchent, warf sie von mir, setzte mich auf. „was erlaubst du dir eigentlich“, schrie ich. und sie küssten sich weiter. ich zerkratzte mir meine stirn, wollte meinen kopf gegen die wand knallen, ließ es aber doch.

nackt an ihnen vorbei lief ich zum telefon und wählte die nummer meiner besten freundin, die nicht abhob. auch meine mutter, die immer abhebt, um diese zeit, meldete sich nicht. nicht meine zweit-, nicht meine drittbeste freundin. während er und sie im hintergrund stöhnten, nachdem ich viele male „hört endlich auf“ gebrüllt, gebeten hatte, schaltete ich unseren computer ein. nur die dateien meines freundes, der im bett hinter mir immer lauter wurde. ich suchte nach meinen, mails, texten, fotos, dem namen, da war ich nicht vorgekommen. mein herz blieb stehen, und ich fiel tot um. mein herz schlug wieder, ich erhob mich matt. nicht nur, dass sie dich nicht sehen können, sie können dich auch akkustisch nicht vernehmen. nicht nur, dass sie dich nicht vernehmen, auch riechen und spüren tun sie dich nicht. und nicht nur das. sogar was du machst bleibt ohne wirklichkeit. hinter mir war der letzte spitzeste schrei zu hören, ich sah uns dort liegen, hielt mir nicht einmal mehr die ohren zu.

danach bin ich wieder tot gewesen. mindestens zehn minuten. anschließend zitterte ich, entlang einer ewigkeit. oder: statt tot zu werden, riss ich mich zusammen. mach das beste daraus, wusste ich mich denken, spionier alles aus. setz dich vor euch hin und beobachte genau. mach bus und bäckerei unsicher. du hast jedes recht der welt. wenn es dich nicht gibt. lass dir in der arbeit dein bild präsentieren. das mäuschen im eck, sagte ich. hattest du nicht davon geträumt, seit kindertagen. nur wem erzählt man davon. was danach. was überhaupt. das hattest du nie bedacht.

oder: nun riss ich mich aus meinem traum, schlich in die küche, um wasser in den kaffeekocher zu schütten. da kam mein freund daher, und als ich „morgen“ murmelte, sagte er nichts, sah mich nicht an. als ich mich mit meiner tasse kaffee an den frühstückstisch setzte, ihm gegenüber, ich ihn fragte, was denn los sei, schwieg er. ein weilchen.

 

Isabella Breier       17.04.2007       Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Isabella Breier
Prosa