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Kaltes, klares Wasser läuft über meine Hände
und du fragst mich, warum ich den Januar liebe.
Schau, sag ich, weil er ein Scheißkerl ist. Nie
kannst du dich auf ihn verlassen. Stehst du in
Hut und Mantel, kommt er unter falschem Namen
mit krokusfarbenem Hemd und einer Sonnenbrille
groß wie Ungarn. Und dann wieder strenger als
Erich von Stroheim: Eisigen Blicks, wenn er die
Küste abschreitet in preußischen Stiefeln und
den Nordwest knallen läßt überm Jadebusen, daß
Hamburg die Röcke rafft.

Wenn er Laune hat, schüttelt er Los Angeles
aus den Lumpen, der Lump, da tobt er über die
Highways, lachend und lärmend, da stürzen
Impalas und Chevrolets zuschanden. Doch noch
in derselben Nacht, acht Beben später, zieht
man ihn zitternd und lallend aus dem
Andreasgraben.

Manchmal aber will er einfach nur still
und weiß und Januar sein. Wie er im Ausweis
steht mit all seinen Vornamen: Schnee, Eis,
Verwehung. Ein leises Betäubungsmittel für
Städte und Straßen. Doch wer ihn einen warmen
Bruder heißt, dem droht er mit Winterlähmung
von der Hüfte abwärts, da fuchtelt er mit
Fäusten und Frösten von München bis Murmansk
knackt er alles zwischen seinen klirrenden
Knöcheln. Mögen den Spöttern die Lippen
zerplatzen und die Autos zerspringen, der
Januar wird sich das Recht des ersten Monats
nehmen und das noch junge Jahr beflecken
mit wüsten Schneeausschweifungen.

Bloß in diesem Jahr steht er herum wie ein
aufgetauter Kühlschrank, als reiße er seine
Zeit ab. Um genau zu sein: einunddreißig
Blätter, die vom Kalender wirbeln. Als stehe
nichts in seiner Macht, keine kalte Pracht
aus sibirischen Flüchen und knirschenden, vom
Reif überzuckerten Wiesen. Nur dieses müde
Winken vom Balkon, mit dem er der Welt seinen
Regen erteilt. Und kaum ist er weg, platzt schon
sein Vize herein, der farblose Februar. Auch der
ein Scheißkerl, sagst du, nur nicht so lang.
Hellmuth Opitz    29.08.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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Lyrik