POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 
Hannes Bajohr
Hospiz

Von den Bänken platz der Lack, vorm Eingang draußen sitzen Menschen: Versehrte und Besucher, die einen geduldig und in ihrem Schicksal bequem, die anderen unbehaglich. Die Gäste sind sie sich der Unverschämtheit ihrer Gesundheit peinlich bewusst. Ausnahmsweise ist nicht er der Fremde: Hier sinds die anderen, die stören kommen. Er blickt die Stockwerke hinauf wie auf die Bunkerplatten der Außenbezirke von Bukarest. Wie dort verschönt der Sommer listig die Fassaden und er ist froh, dass er bis zum Winter nicht mehr hier sein wird. Kindergarten nebenan und ein Spielplatz mit Klettergerüst, das aus stolpernden Holzbalken gezimmert eher wie ein Hinterhalt aussieht; die Kinder hängen trotzdem dran. Er bemerkt das Gebrüll nicht mehr, am Anfang war es ihm unerträglich. Wenn es verstummte: Er vergäße, sich zu wundern. Uralte Frauen rauchen in der Caféteria unter den Coca-Cola-Schirmen in Kitteln und schweigen ihre Kinder an; ein feister Kerl sitzt auf einer Bank, ein Handtuch auf dem Kopf gegen die Sonne, und hat den Bauch aus dem Hemd fallen lassen. Da liegt er nun und die Sonne bescheint die riesenhaften Pflaster drauf. Nicht bloß die Narben, auch die ungebräunten Flecken seiner Haut werden ihn an seinen Besuch erinnern. Ist beides nur Kosmetik. Kittel, Krankenhauslatschen und alle tragen sie ihre Binden und Pflaster und Krücken wie Vereinsausweise.
Im Foyer: DDR weht durch die Gänge, selbst die Topfpflanzen haben ostdeutsche Blätter. Hinten sitzen alte türkische Männer auf den Bankreihen und in Schlafanzügen reden sie lautstark. Bandagierte Stirn neben echten Kopftüchern. Deren Kinder beraten untereinander leise sorgenvoll, stummes Lippenrollen und leidender Blick unterm Schleier, die Enkel spielen mit zu Ballons aufgeblasenen Gummihandschuhen. Ein Sechsjähriger schiebt sich mit einer Spielzeugpistole im Anschlag die Wände entlang. Hier kommja alle hin, denkt er, hier ist er ja nicht mehr unter sich.
Eine alte Frau, so alt, dass sie schon gar keine Frau mehr ist, so reglos blöde zusammengesackt, dass schwer zu sagen ist, was eigentlich dann: Liegt auf die Seite gedreht im Bett, das die Pfleger neben den Fahrstühlen haben stehen lassen. „Hier modernisiert Thyssen-Krupp die Aufzugsanlagen.“

Eine Minderjährige, als hätte sie Marasmus: Schwanger ist ne Krankheit, warum wäre die sonst hier; der mit dem Infusionsanschluss im dürren Ärmchen ohne Adern, aber tätowiert, als hätte er Türsteher oder Bauarbeiter sein wollen. Irgendwann, ist man lang genug hier drin, vergisst man, auf sich zu achten. Seine fettigen Haare erinnern ihn an die eigenen und er greift sich an die Schläfen. Das Desinfektionsmittel übertüncht mit sich auch andere Gerüche.
Eine Schwester und ein Pfleger schieben einen Alten, Schläuche in der Nase, durch die Gänge, gemütlich schwatzend zieht er vor und sie drückt hinten, er auf dem Bett hat die Hände über der Brust gefaltet und sieht den Worten, die über ihn gespuckt werden, gleichgültig beim Flattern zu. Hier schleppt man seine Akten selbst. Der Kerl mit den geschwollenen Beinen nuschelt an ihm vorüber und nimmt Broschüren stapelweise von den Ständern. Ein Assistenzarzt, begleitet von zwei Studentinnen, geht über das Linoleum, Fetzen Wissenschaft, dazwischen Geilheit.
Es gibt einen Frisör, eine Bibliothek, eine Cafeteria, einen Kiosk, einen Raucherraum. Einen Raum der Stille und des Gebets. Da war er noch nicht.

Am Kiosk zwei Drehständer mit Rätsel-Zeitungen, 150 Seiten Kreuzwort aus Altpapier, ist man fertig, machen sie neue draus. Ihm sind andere Dinge ein Rätsel. Auch im Angebot: Blumensträuße und Besserungswünsche. Kondolenzkarten sieht er keine, gibt sie wohl nur unterm Ladentisch. Neben dem Informationsschalter: Ein Modell des Krankenhauses, selbst unter dem blinden Plexiglas liegt der Staub wie ein Pelz Schimmel. Eines der angrenzenden Zivilgebäude sieht aus wie sein altes Schulhaus. Die Zeit ist eine andere, Krüppel in den Gängen, versehrt wie alle anderen. Er hört: „Nur gut, dass es nichts Ernstes ist.“
Auch „Ach“ und Atmen.

Hannes Bajohr    08.03.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Hannes Bajohr
Prosa