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Hannes Bajohr
Osten

Noch ist der Winter fest, aber jenseits. Die Hose streift meine Beine anorektisch und ich rücke näher an den trockenen Luftstrom der Heizung, die drei Streifen unter den Sitzen neben den gelangweilten Reisenden hin kriecht. Dunkelgrüner Plastiksamt und der offene Aschenbecher, wo mein Daumen liegt. Die Scheiben nach draußen sind violette Spiegel, in denen ich zweimal nebeneinander hinaus blicke. Das Land ist flach, die Sicht über die Felder weder durch Gebäude noch durch Bäume behindert, nur der Nebel am Horizont setzt noch vor der Erdkrümmung dem Auge eine Grenze. Nach den farblosen Ackerflächen verlangsamt sich die Sicht und die Schrebergärten schieben sich nahe an die Gleise. Als hätten Sie nur eine Farbe gehabt: braungrau und lumpenholz, sieht schauderhaft ostdeutsch aus, aber das sind sie ja auch und ich denke an die Parzelle, die im Sommer meine Großeltern besetzten und die schon lange verkauft sein muss; auf den vier Metern im Quadrat Dahlien, drüber Wachsdecke und Kuchen, ich habe die Katze auf dem Schoß. Die Brücke, kenn ich!, legt sich mit dem Zug über den Fluss. Da unten hat es keine Fische, ich hab in den Sommern nach ihnen gesucht. Mein Bruder mit mir, haben wir mit Schnüren geangelt bis ein rindenhäutiger Alter uns die Fäuste entgegenballte und mit Hunden drohte.
Da kommt der Krieg zurück, denke ich, und ruinenstaub schiebt sich eine Abrissbrache riesenhaft ins Fenster. Langgestreckt liegen Mauern backstein und beton; wo sie noch stehen, haben sie dürre Beine. Wir fahren ausreichend langsam, dass die Halde wie eine gut gemeinte Belehrung lange genug sichtbar bleibt. Hier gehts abwärts. Ich weiß, ich war doch so oft hier. Das letzte Mal ist schon eine Weile her.

Gestern lese ich: Im Nachbarort haben sie einen Ausländerjungen halbtot geprügelt und ihm Zigaretten im Auge ausgedrückt. Das erste Mal, dass ich den Namen des Städtchens in der Zeitung sehe. Es war ein Dorf im Umkreis, hier ist mein Vater aufgewachsen, das Fahrrad, das er zum zwölften Geburtstag bekam, steht noch in der Garage. Kalter Beton mit Gräsern in den Ritzen. Auf Haken hängt Gartengerät. Der rote Lack. Hinterm Schraubstock die Flasche Schmieröl, Stechbeitel, Körner. Die grauen Platten auf dem Weg zum Balkon, das warmgeheizte Wohnzimmer.
Meine Stirn gegen das Glas blicke ich in den Garten, die Scheibe erblindet mit jedem Atemzug mehr. Blind ist mein Großvater seit sechzig Jahren, die Augen überzieht ein grüner Film. Patina, die nicht adelt, sondern Geländer an die Treppen bringt. Seine Haut ist tiefbraun und blaue Bombensplitter tönen Wangen, Nase, Augenhöhlen. Wenn er mit mir spricht, rollt er seine ostpreußischen R links an mir vorbei, den Kopf leicht in den Nacken geneigt, als höre er seine Worte erst, nachdem sie schon ausgesprochen sind. Die eine Hand, die er noch hat, trägt vier Finger. In der regelmäßigen Folge weniger Minuten tastet er seine Brust hinauf bis zur Tasche seines Hemdes, drückt die ovale Ausbeulung, bis er die Taste gefunden hat. Die Ahnung einer Frauenstimme klirrt die Zeitansage.

Als wir von der Beerdigung heimkehren, treffen wir einen Schulkameraden meines Vaters. Seine Frau ist auch da, sie war die Sekretärin meines Großvaters, zusammen mit ihrem Mann hat sie einen Laden an der Hauptstraße bezogen. Sonst sind fast alle Geschäfte leer und Packpapier klebt in den dreckigen Fenstern. Man sieht sich wieder, aber was für ein Anlass. Und sonst: Der Osten, die Stadt seit der Wende wie entvölkert. Beide sind sorgenvoll bemüht, optimistisch zu bleiben, fest erklärt die kleine Frau, was sie aus dem Geschäft machen will: „Eine Begegnungsstätte für Arbeitslose, sehen Sie, wir töpfern auch“ und sie weist auf vier mal vier Tonfliesen, die im Schaufenster liegen, wellig und halb lasiert. An den Wänden hängen Aquarelle, Stillleben, ich halte den Mund. „Aber man muss ja durchhalten!“, sagt sie und mein Vater: „Die Futtermittelfabrik haben sie abgerissen“ – „Ja, die reißen alles ab und dabei haben wir doch dazu gehört, zur Fabrik, jetzt ist alles weg“, der Mann zerrt die Augen auf hinter der dickwandigen Brille: „Wir waren ja die Fabrik, und nun wo die hin ist müssten die uns eigentlich auch erschießen!“ Er lacht laut, grauenhafte Obertöne. Ich halte das nicht aus, gehe ein paar Schritte weiter und höre die Stimmen in meinem Rücken. Es dauert ein paar Minuten, bis ein Auto vorbeifährt. Und das ist hier die Hauptstraße.

Der Teppich hat noch seinen alten Flur. Hier wirft die Messinglampe durch gelbe Schlieren Licht auf den Speisegong und den goldenen Schuhanzieher, Farne unter Glas. Tschapka von der Kaukasusreise Dreiundsiebzig. Rotbestickte Hausschuhe. Die Tür zum Wohnzimmer hat drei Fenster, verschieden gemustert. Der Sessel schindet seine Räder, weich zeichnen sie dem Läufer eine Spur Faserberge in die Haut. Augen versiegelt sitze ich im Polstersumpf und lausche dem Murren der Balken. Aus der Küche wird die Uhrzeit gemeldet.

Hannes Bajohr    08.03.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Hannes Bajohr
Prosa