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Hannes Bajohr
Zimmer I-IV

I

Sie nimmt Anteil, wir teilen aus, er teil sich mit, die Dielen teilen das Zimmer in dreißig kleine Streifen. In diese muss er die Schritte setzen, dass sie hinein passen. Es ist gut, dass diese Streifen da sind, sonst wär die Luft darüber gesetzlos wie die Verwirrung vor der Tür. Das soll ja nicht sein. Hier drin muss es ein Raster geben, in das er sich schlafen legen kann.
Da sind überall Gitter und Schranken. Die Gitter trennen die Brachflächen seines Denkens, die Schranken verhindern die Durchfahrt. Ein Zöllner steht an jedem Schlagbaum, seine Uniform ist schwarz, sein Gesicht streng gescheitelt, wir kennen uns doch, wir haben uns doch schon so oft gesehen. Gesprochen wird nicht. Ein Entwederoder braucht kein Drittes für sich. Rein oder nicht.

II

Der Kaffee dampft auf dem Küchentisch und bewegt tröstlich die Luft. Das macht er immer: Wenn die Luft flirrt und tanzt, da starrt er lange rein. Diesen Tanz will er behalten, aber das ist unmöglich. Dieser Tanz ist nur aufgemalt, kein Griff dran dafür, dieser Tanz ist ein Gedanke. Kann man nicht magazinieren.

Mit den Sachen sein Leben malen! Die sind doch heimtückisch und heucheln einen Inhalt, der mehr sein soll als seine Hülle. Dabei ist das lachhaft. Denkt er oft: Einen Stein oder ein Stück Holz an jede Stelle und nichts würde sich ändern. Das ist Esoterik oder bloße Angst, die sich in Romantik flüchtet: Dass es einen Geist gibt, der das durchwabert, was wir unser Heim nennen.

III

Der Teppich hat Löcher, kleine, rund eingefressene Hohlräume, deren Ränder weich den Stoff zu Asche deklinieren. Der Kratzer im Lack der Tür. Die geplatzten Putzrisse in der Wand. Das sind Zeugnisse, die einzigen, die ihn ausweisen. Aber sie sind genauso wenig wert, wie die Sachen, die stumm und zufällig das Zimmer füllen. Denn sie wissen keine Antwort auf die Fragen, wen sie ausweisen und wessen Leben gemalt wird. Wir laden Sie vor und hinter dem Glas stehen die Verdächtigen, rechts ihre Leben auf dem Haufen, was gehört wohin, Sie haben Stunden Zeit. Sammeln und mischen wirs, nichts lässt sich zurückverfolgen. Das ist alles so willkürlich.

IV

Der Zöllner singt am Abend ein Lied, wir sehen das Lagerfeuer und seine Beine im Sand, der Kaffee ist umgestoßen und sickert im Teppich den Dielen entgegen. Die Wände eingestürzt geht der Blick aufs Meer, Möwen treten in den Himmel und die Laken wehen leicht über der Fensterbank.

Hannes Bajohr    08.03.2007    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht

Hannes Bajohr
Prosa