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Gerald Stern
Vier traurige Gedichte am Delaware

 

Der blühende Hornstrauch
Er ist ein altes Smoking-Hemd,
mit den Jahren leicht vergilbt.
Ich öffne es,
und seine Blütenblätter fallen ins Gras.

Die Akelei
Sie ist eins der Blumentiere.
Den Kopf gesenkt wie ein Pferd,
hält sie die Schnauze geduldig in den Wind.
Sie kriecht über Felsen wie das langsamste Weichtier,
ein Zoll pro Jahrhundert.

Das Fußblatt
Das Fußblatt lebt wie ein Sozialist
im Schatten des Leinpfads.
Es ist eine dieser Wohnmaschinen,
die Le Corbusier einst entwarf.

Die Falsche Akazie
Sie ist eine Akazie, die an der Liebe stirbt,
die einmal noch auf ihre Blüten wartet,
voller Reue über ihr Leben am dummen Fluß,
die immer jüdischer wird, die Glieder schwächer und schwächer.

Aus: Gerald Stern: Alles brennt. Matthes & Seitz 2010

Gerald Stern    11.03.2010      Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen
 

Gerald Stern
Lyrik