poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und
Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Susanne Stephan
Frontier

Als Franz Schubert krank war, zum letzten Mal,
was er nicht wusste, bat er um Hilfe:
um Romane, am besten von Cooper,
von dem er so viel gelesen,
aber vielleicht nicht alles, vielleicht
gab es da noch etwas! mehr! für ihn –

Er schickt die Freunde aus,
aber das Buch ist nicht zu finden,
es ist noch nicht übersetzt,
es ist noch nicht runter vom Schiff,
das Schiff ist noch nicht übers Meer,
das Buch ist in New York noch nicht zu kaufen,
es ist noch nicht gedruckt,
nicht einmal geschrieben.

Cooper steht noch am Fenster, reißt
das Land auf vor seinen Augen:
Grenzland, das er spürt,
Kind, das hinausrudert
auf den See, ruft und
summt gegen die hohe Welt,
das lauernde Schweigen summt.


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 52

Michael Buselmeier
Lederstrumpf



Eine Woche vor seinem Tod, am 12. November 1828, schrieb Franz Schubert seinen letzten Brief. Er habe seit elf Tagen nichts mehr ge­gessen und getrunken, berichtet er dem Freund Franz von Schober und bittet ihn inständig um ein paar Romane seines aktuellen Lieblingsautors James Fenimore Cooper als eine Art Lesefutter. Ver­schlungen habe er von ihm „Der letzte Mohi­kaner“ und „Die An­siedler“ (aus der Reihe der „Leder­strumpf“-Bücher), den historischen Roman „Der Spion“ sowie „Der Lotse“ (aus der Serie der See­fahrer­romane). Welches Buch hätte Schober, der sich – ver­mutlich weil er eine Typhus-Anste­ckung fürchtete – nicht blicken ließ, ihm denn vorbei­bringen können? Zum Beispiel „Die Prärie“ von 1827 aus der noch unab­geschlos­senen „Lederstrumpf“-Reihe; der Roman lag schon 1828 in deutscher Übersetzung vor. Cooper hatte ihn wäh­rend seines Eu­ropa-Aufenthalts (1826 bis 1833) geschrieben.
  Susanne Stephan bringt in ihrem Gedicht zwei historische Gestalten, hoch berühmte Künst­ler und sehr unter­schied­liche Zeit­genossen der spät­romantischen Periode, in einen auf den ersten Blick über­raschenden Zusammen­hang – den genialen Tonsetzer und den viel­schrei­benden Ver­fasser gewaltiger Prosa-Epen, den Sohn eines armen Wiener Schul­meisters und den eines Groß­grund­besitzers und Boden­speku­lanten aus der Neuen Welt. Was hätten sie einander, bei einer durchaus mög­lichen Begeg­nung, mitteilen können – viel­leicht die Begeis­terung für Trapper und Aben­teurer? Susanne Stephan betrach­tet die beiden von einem etwas erhöhten Stand­punkt aus ruhig und genau, in einem prosa­nahen Erzähl­ton, mit leicht ironi­schen Ausrufe­zeichen. Die Form bietet, zumin­dest in den beiden ersten Strophen, wenig Wider­stand. Die Verse sind offen und direkt zugänglich, es gibt keine Wort­spiele, keine krassen Meta­phern, keine rhythmi­schen oder lautlichen Experi­mente. Spürbar wird jedoch eine Sensi­bilität für die alltäglichen Dinge und ihre kleinen Geheim­nisse.
  Erst in der dritten Strophe, die sich dem grübelnden und schrei­benden Cooper widmet, greifen Dunkel­heit und eine ver­knappte Bild­lichkeit Raum, eine Mehr­deutig­keit, die man eigent­lich eher mit Franz Schubert, Wilhelm Müller und der „Winter­reise“ verbindet. Cooper steht am Fenster und „reißt das Land auf“ mit seinen Blicken, seinen Wörtern und Bildern, um ins Erd­innere zu schauen, ein Mann auf der Grenze („Frontier Man“) zwi­schen den bereits von den Weißen besiedelten Lände­reien im Osten Amerikas und den noch unerschlos­senen India­ner­gebie­ten. In diesem „Grenzland“ („Frontier“ genannt) ist James Fenimore Cooper aufge­wachsen, er „spürt“ es unter den Füßen, unter der Haut, sieht sich als Kind auf den See hinausrudern, in eine einsame, noch weithin ursprüng­liche „hohe“ Natur, in deren summendem „Schweigen“ die feindlichen Rothäute lauern.

Susanne Stephan wurde 1963 in Aachen geboren und wuchs im süd­deutschen Haß­mers­heim auf. Sie lebt in Stutt­gart. Zuletzt er­schienen der Gedicht­band „Gegen­zauber“ bei Klöpfer & Meyer, Tübin­gen 2008, und „Drei Zeilen“, Haiku, Neuer Kunst­verlag, Stuttgart 2013. Das vor­gestellte Gedicht stammt aus dem „Jahr­buch der Lyrik“, München 2013. Wir danken für die Wiedergabe im Rahmen dieses Gedichtkommentars.



Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

Weitere Details   
portofrei online (Shop 1)  

 


Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     01.03.2015

 

 

 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Susanne Stephan
Liste
Gefördert durch den
Deutschen Literaturfonds



  82   Werner Lutz
    
Ja, bin unterwegs
  81   Kenah Cusanit
    
Gottesgedicht, unberuhigt
  80   Sascha Kokot
    
sobald die Stadt ...
  79   Ror Wolf
    
Dritter unvollständiger Versuch
  78   Horst Bingel
    
Felsenmeer
  77   Tristan Marquardt
    
nachts, ich laufe nach hause
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
Neue Folge