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Sünje Lewejohann
krähen

auch hier war der hafen,
die krähen, die pechschwarze brut.
paarten sich mit möwen und fischen,
und von den schiffen kam
immer nur ein ton, ein einziger.
sie sprachen in bildern:
ein hase, der sich zusammenrollte im graben,
eine taube auf der scheibe des autos,
ein rehbock, dem wir den lauf zertrümmerten,
ein igel, eine katze, ein winziger schwarzer hund,
eine füchsin voller milch.
wenn der tag fiel, wohnte all das bei den krähen.
ihre kinder lauerten am kiel, klopften
an gesprenkelte eier. ein insektenschwarm,
panzer an panzer, lichtschwaden, ganze millionen,
und ich auf dem rücksitz
ein zerschnittener sohn mit haaren aus licht.
die fuchswelpen waren zu dritt: zwei schwestern,
ein bruder.

  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 54

Michael Buselmeier
Ein Fressen für die Krähen



Das wahrnehmende Ich meldet sich selbst erst ganz am Ende dieses Gedichts zu Wort: „und ich auf dem rücksitz / ein zerschnittener sohn mit haaren aus licht.“ Ein Kind, so scheint es, ist bei einer rasenden Autofahrt durch die Hafen­gegend als Augenzeuge mit dabei. Es hat „die pechschwarze brut“ der allgegenwärtigen Krähen (Aaskrähen, Raben­krähen) gesehen und ihre kräch­zenden Schreie von den Schiffen her vernommen. Es hat vor allem die getöteten Tiere gesehen, grelle Schreckens­bilder, die sich wie Jagd- oder Schlacht­haus­bilder einprägen, zumal einem tierlieben Kind: ein lebloser Hase im Graben, „zusammen­gerollt“, als ob er schliefe; die auf der Frontscheibe des Autos zerschmetterte Taube; die sich verlängernde Blutspur eines Rehbocks, eines Igels, einer Katze, eines „winzigen schwarzen hundes“. Und ganz besonders die plat­tgefahrene „füchsin voller milch“ mit ihren drei Welpen, die wie Menschenkinder angesprochen werden: „zwei schwestern, / ein bruder.“
  Dass die wilde Fahrt auch für die Insassen des Autos (wer saß eigentlich am Steuer?) blutig endet, wird zumindest angedeutet. Das Fahrzeug gerät in einen „insekten­schwarm“, in „licht­schwaden“, die dem Fahrer möglicherweise die Wahr­nehmung trüben. Auf dem Rücksitz übrig bleibt jedenfalls „ein zer­schnit­tener sohn“, während all die Opfer als Nah­rung dienen für die aas­fressenden Krähen und ihre Jungen, die hungrig „an gespren­kelte eier“ klopfen.
  Gedichte von Sünje Lewejohann sind mir zuerst in den jüngsten „Jahrbüchern der Lyrik“, die Christoph Buchwald seit 1979 (mit)herausgibt, aufge­fallen, weil sie sich auf inten­sive und radikale Weise mit Tieren und mit Land­schaf­ten be­schäf­tigen. Es scheinen ganz gewöhn­liche Tiere wie Hirsche, Katzen und Bären zu sein, die sich unver­sehens in mythisch-magische Zwi­schen­wesen ver­wandeln, in Urbilder der Dich­tung, die mit anderen Tieren, auch mit Menschen und Göttern ver­schmel­zen. „ich war ein tier, ein heiliger leib“, heißt es in dem Gedicht „das lie­bende tier“. „ich wanderte, ein wesen / im pelz mit rissiger haut.“ Ein „wal“ wächst aus dem Ich hervor, ja eine Herde „aus lauter zot­tigen tieren.“ Umge­kehrt gewinnt man den Eindruck, dass dieses magische Wesen in die Erde, den Wald ein­dringt und in die Bewohner des Wassers förmlich hinein­kriecht: „an / meinen händen siehst du häute.“
  Sünje Lewejohann, die in einer engen nord­friesischen Gegend am Meer aufge­wachsen sein dürfte, findet in ihren reimlosen, dichten, rhythmisch bewegten, gelegent­lich durch Al­lite­ra­tionen und Asso­nanzen ver­bundenen Versen zu ganz eigenen, unter die Haut gehenden, schmer­zenden Formu­lierungen für das, was sie – oft aus der Kinder­perspektive – sieht oder imaginiert: etwa „eine fiebrige / große zunge, die an blütigen lippen“ leckt; oder die klei­nbäuerliche Nähe zu Tier­körpern, zu wärmendem Fell und zottigem Pelz, umgeben von einer düster-schau­rigen Märchen­welt. „ich schuf: eine frierende landschaft.“

Sünje Lewejohann wurde 1972 in Flensburg geboren. Sie studierte Skandinavistik und Germanistik in Berlin und von 2002 bis 2005 am Deut­schen Lite­raturinstitut in Leipzig. 2013 erschien ihr Gedichtband „in den hirschen“ in der Connewitzer Verlagsanstalt in Leipzig. Das vorge­stellte Gedicht stammt aus dem „Jahrbuch der Lyrik“ 2013, dort S. 16. Wir danken für die Wiedergabe im Rahmen dieses Gedichtkommentars.



Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
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Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     02.06.2015

 

 

 

Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Sünje Lewejohann
Liste
Gefördert durch den
Deutschen Literaturfonds



  83   Christoph Wenzel
    
ländlich, der mundraum
  82   Werner Lutz
    
Ja, bin unterwegs
  81   Kenah Cusanit
    
Gottesgedicht, unberuhigt
  80   Sascha Kokot
    
sobald die Stadt ...
  79   Ror Wolf
    
Dritter unvollständiger Versuch
  78   Horst Bingel
    
Felsenmeer
  77   Tristan Marquardt
    
nachts, ich laufe nach hause
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
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