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Michael Buselmeier
Holzpuppe


Das Kind aus Holz am Fenster sieht mich an –
Puppe mit rundem Aug ein Leben lang.
Der Krüppel, armlos, hat ein Sackkleid an.

Im Bombenhagel lief die Puppe weg,
verschwand in einem Krater zwischen Dreck,
in einem unterirdischen Kanal,

mit einem leichten Schiffchen unter Deck.
Gen Morgen kam sie durch ein kaltes Tal,
die Sonne stand am roten Himmel fahl.

Ich fand sie wieder und ich trug sie mit
als Talisman, als Fetisch, um damit
im Eck zu spielen, bis sie spürt den Schnitt.

  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 95

Michael Braun

Erdunter, im Hades



In der Dichtung der Moderne sind Puppen meist beseelte Wesen, Schutzgeister, magische Talismane, die das einsame Subjekt, das sich in ihnen spiegelt oder mit ihnen spielt, vor den Zumutungen der Außenwelt bewahren. Die »Holzpuppe« im Gedicht Michael Buselmeiers ist zwar nicht die Projektionsfläche von Liebeswünschen, wie sie in E.T.A. Hoffmanns erschütternder Erzählung »Der Sandmann« dem Helden zu einer absoluten Grenzüberschreitung vom Realen ins Imaginäre verhilft. Die »Holzpuppe« ist nicht »Olimpia«, in die sich das lyrische Subjekt verliebt, aber sie ist ein rettender Fetisch, der das Kind, von dem in den kunstvoll geflochtenen Terzinen Buselmeiers die Rede ist, die Schrecken des Krieges überstehen hilft. Im »Kind aus Holz« erkennt das einsame Ich ein seelenverwandtes Geschöpf, es ist kriegsversehrt (»Der Krüppel, armlos«) wie die Verwundeten und Verstümmelten, die sich in den letzten Kriegsjahren durch die ausgebombten Städte schleppen. Michael Buselmeier, 1938 in Berlin geboren, hat in Mannheim die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs noch miterlebt. Als Kind, so verriet mir der Dichter in einem Brief, verlor er seine Puppe auf dem Weg in den Luftschutzbunker, aber sie kehrte zu ihm zurück. Diese Erinnerung an die Schrecken der Kinderzeit, die Begegnung mit Kriegsversehrten, Verstümmelten, seelisch wie körperlich Traumatisierten prägt Buselmeiers Werk bis heute. Sein Gedicht „Holzpuppe“ bündelt die Motive, die bereits in den Bänden »Erdunter« (1992) und »Spruchkammer« (1994) dominieren: Der Eintritt in eine tellurische Höllen-Welt, unter der Erde, hier »in einem unterirdischen Kanal« und die Positionierung in der Abgeschiedenheit, »am Rand«, wie es einer seiner jüngeren Gedicht signalisiert. Mit dicht gefügten Paarreimen und den pathetisch-expressionistisch tönenden Versen, die das Pathos der Baal-Gesänge des jungen Brecht anklingen lassen (»die Sonne stand am roten Himmel fahl«), wird die Intensität des Phantasmas noch weiter gesteigert. Fast scheint der Weg der Holzpuppe der Hadeswanderung in Dantes »Commedia« zu gleichen, die hier von der Finsternis des Kanals zurück zur Sonne führt. Dieses unterirdische Territorium ist der dunkle Punkt, an den sich die Protagonisten der Erzählungen und Gedichte Buselmeiers gerne zurückziehen, wenn ihnen die furchtbaren Bedrohungen der äußeren Wirklichkeit zusetzen. Die »Holzpuppe« erscheint als Alter Ego des Autors, aber ihr widerfährt zuletzt auch eine Versehrung – der »Schnitt«. In Michael Buselmeiers jüngstem Band »Mein Bruder mein Tier«, Höhepunkt und poetische Summa seines Werks, finden wir viele solcher hypnotischen Reisen in die »Übergänge« zwischen Leben und Tod.


Michael Buselmeier, geboren 1938 in Berlin, lebt in Heidelberg. 1968 wurde er als Autor bekannt durch seinen Prosamonolog „theater“ im legendären „Kursbuch 15“. Mit seinem lyrischen Debüt „Nichts soll sich ändern“ begann 1978 auch die Geschichte des Heidelberger Verlags Das Wunderhorn. Von 1978 bis 2018 produzierte er regelmäßig, zunächst gemeinsam mit Stephan Reinhardt, später mit Michael Braun, die „Zeitschriftenlese“ für den Saarländischen Rundfunk, die der Poetenladen dokumentiert hat. Gemeinsam mit Michael Braun erfand er Lyrik-Projekt „Der gelbe Akrobat“, eine 1991 begonnene Reihe mit Kommentaren zu zeitgenössischen Gedichten, die 20o9 im Poetenladen erstmals in Buchform erschien und 2019 mit dem dritten Band abgeschlossen wird. Das vorliegende Gedicht „Holzpuppe“ ist dem Band „Mein Bruder mein Tier“ entnommen, der anlässlich des 80. Geburtstags von Michael Buselmeier im Morio Verlag (Heidelberg) erschienen ist.

Wir danken Autor und Verlag für die Wiedergabe im Kontext des Gedichtkommentars.

01.11.2018




Band 1
 
  Band 1  
M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (1. Band)
100 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Taschenbuch
360 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2011

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  M. Braun & M. Buselmeier
Der gelbe Akrobat (2. Band)
50 deutsche Gedichte der Gegenwart,
kommentiert
Broschiert mit farb. Vorsatz
186 Seiten, 18.80 Euro
poetenladen Verlag 2016

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Gedichte, kommentiert
von Michael Braun und
Michael Buselmeier

    Michael Buselmeier
Liste
Gefördert durch den
Deutschen Literaturfonds



  95   Michael Buselmeier
    
Holzpuppe
  94   Heiner Müller
    
Traumwald
  93   Thomas Böhme
    
Neunundzwanzigster Februar
  92   Katrine von Hutten
    
Beschreibung
  91   Dieter M. Gräf
    
Nach Mattheuer
  90   Arnfrid Astel
    
Leda
  89   Michael Krüger
    
Im Winter
  88   Ralph Dutli
    
Salzzauber
  87   Christiane Heidrich
    
Today I am functional (1)
  86   Wulf Kirsten
    
die rückkehr der wölfe
  85   Maren Kames
    
Im Siel
  84   Gregor Laschen
    
Drüben, im ›Winkel von Hardt‹
  83   Christoph Wenzel
    
ländlich, der mundraum
  82   Werner Lutz
    
Ja, bin unterwegs
  81   Kenah Cusanit
    
Gottesgedicht, unberuhigt
  80   Sascha Kokot
    
sobald die Stadt ...
  79   Ror Wolf
    
Dritter unvollständiger Versuch
  78   Horst Bingel
    
Felsenmeer
  77   Tristan Marquardt
    
nachts, ich laufe nach hause
  76   Harald Gerlach
    
Gründe, linkselbisch
  75   Birgit Kreipe
    
schienen stillgelegt
  74   Hanns Cibulka
    
Böhmischer Rebstock
  73   Karin Fellner
    
Eine Zeitfalte weiter
  72   David Krause
    
Wolken
  71   Jürgen Nendza
    
An manchen Tagen
  70   Harry Oberländer
    
kurz vor der revolution
  69   Mara-Daria Cojocaru
    
Ich bin
  68   Hilde Domin
    
Antwort
  67   Elisabeth Borchers
    
Zukünftiges
  66   Günter Herburger
    
Großjean, der aus einem ...
  65   Georg Leß
    
Kondorlied
  64   Thomas Kling
    
Tessiner beinhaus. wandbild
  63   Rainer René Mueller
    
Da ist es
  62   Ernst S. Steffen
    
Man sagt
  61   Henning Ziebritzki
    
Elster
  60   Jürgen Brôcan
    
Fremde ohne Souvenir
  59   Carolin Callies
    
wackersteine im wams
  58   Friedrich Ani
    
Versehrte Verse
  57   Elke Erb
    
»Ursprüngliche Akkumulation«
  56   Uwe Kolbe
    
Heidelberg, den 14ten August
  55   Sonja vom Brocke
    
Kunde
  54   Sünje Lewejohann
    
krähen
  53   Jan Wagner
    
im brunnen
  52   Susanne Stephan
    
Frontier
  51   Silke Scheuermann
    
Uraniafalter
  50   Mirko Bonné
    
Der Zischelwind
  49   Judith Zander
    
fürs erste leb im später
  48   Andreas Rasp
    
diese steine hier
  47   Marcus Roloff
    
hl. grab, eingang wahlkapelle
  46   Clemens J. Setz
    
Motte
  45   Martina Weber
    
jetzt, da die letzten bilder verschwunden sind
  44   Paul Zech
    
Der Nebel fällt
  43   Klaus Merz
    
Expedition
  42   Christian Lehnert
    
Du bist die Aussicht  ...
  41   Àxel Sanjosé
    
Zum Abschied hell ...
  40   Ulrike Draesner
    
feld elternlos
  39   Ursula Krechel
    
Weiß wie
  38   Heinrich Detering
    
Kilchberg
  37   Hendrik Rost
    
Requiem
  36   Walle Sayer
    
Vom Flüchtigschönen
  35   Nico Bleutge
    
grauwacke
  34   Rolf Haufs
    
Kinderjuni
  33   Thomas Rosenlöcher
    
Die Hoffnungsstufen
  32   Jan Koneffke
    
Dem toten Kind in einer Oktobernacht
  31   Arne Rautenberg
    
drei amseln
  30   Oskar Loerke
    
Ans Meer
  29   Jean Krier
    
„Alles ist in den besten Anfängen“
  28   Werner Laubscher
    
Winterreise. Wintersprache
  27   Wolfgang Schlenker
    
stichwort minimieren
  26   Christoph Meckel
    
Kind
  25   Günter Grass
    
Die Vorzüge der Windhühner
  24   Jürgen Theobaldy
    
Blume mit Geruch
  23   Ann Cotten
    
Rosa Meinung
  22   Horst Samson
    
Edoms Nacht
  21   Christian Steinbacher
    
Belegte Brotzeit
  20   Bianca Döring
    
Allein
  19   Simone Kornappel
    
muxmäuschen
  18   Jörg Burkhard
    
in gauguins alten basketballschuhen
  17   Konstantin Ames
    
dreißig lenze
  16   Wilhelm Lehmann
    
Auf sommerlichem Friedhof
  15   Joachim Zünder
    
Die Finnische Bibliothek
  14   Kathrin Schmidt
    
waage, vorm wasser
verchromt, gestählt
  13   Marion Poschmann
    
latenter Ort
  12   Rainer Malkowski
    
Bist du das noch?
  11   Gerhard Falkner
    
die roten schuhe
  10   Wolfgang Hilbig
    
Pro domo et mundo
  9   Katharina Schultens
    
die möglichkeit einer verwechslung ...
  8   Michael Donhauser
     Lass rauschen Lied ...
  7   Ulrich Zieger
     an den vater von sem,
  6   Elisabeth Langgässer
     Erster Adventssonntag
  5   Levin Westermann
     wie ein fresko
  4   Dirk von Petersdorff
     Raucherecke
  3   Ulrich Koch
     Danke
  2   Steffen Popp
     Fenster zur Weltnacht
  1   Adolf Endler
     Dies Sirren
     
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