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Jörg Burkhard
in gauguins alten basketballschuhen
aus paris vertrieben gingen wir hinunter nach marseille die bahnhofstreppen wo das meer in die züge kam am stadtende spielten die wellen um unsere füße wir gingen ins algerische hotel bestellten blaue fische bier mädchen mit verdorbenem magen und schlaflos freuten wir uns morgens über die sonne schwammen über das meer und kamen nie zurück
Michael Buselmeier Unerwartet Marseille nennt sich ein 2012 erschienenes Hörbuch des Langstecken-Erzählers Peter Kurzeck, das vom Lebensgefühl der 60er Jahre zeugt, vom Aufbruch einer ganzen Generation in den Sommer, in den Süden Frankreichs oder einfach „westwärts“ in eine ersehnte bessere Welt. Auch Jörg Burkhard, wie Kurzeck 1943 geboren und wie er Autodidakt, ohne Abitur und Studium, erzählt in seinen Gedichten vom Roadmovie seiner Jugend, diesem Glücksmoment, sich einmal als lebendiger Teil des Universums zu fühlen. Burkhard, der den Beruf des Buchhändlers erlernt hat, kam als Lehrling Anfang der 60er Jahre wie von selbst an die ihn prägende Poesie heran, an Arthur Rimbauds wilde Dichtung (der übrigens 1891 in einem Krankenhaus zu Marseille starb) wie an die noch weithin unbekannten Texte der amerikanischen Beat- Um 1968, in einer Phase strenger Politisierung, meinte Jörg Burkhard das Schreiben einstellen zu müssen. Die dann ab Mitte der 70er Jahre entstehenden und in zwei Bänden gesammelten Gedichte greifen das Lebensgefühl der Beatniks erneut auf und überführen es in die Ekstasen der westdeutschen Subkultur und der Jugendrevolte. Ein „Ich“, häufiger ein „Wir“, taumelt durch das Dickicht der Städte, nichts als subversive Aktionen, Sex und Alkohol im Kopf; es erzählt locker, mit surrealem Witz, von wirklichen wie erdachten Abenteuern, die meist etwas schäbig im Sand verlaufen: „(…) bis wir in unsere autos stiegen / die recorder einschalteten / in enggefahrenen kurven / nicht mehr wußten / wohin mit der bierdose in der rechten hand / und wir sie hinauswarfen / in unsere welt“. Das hier vorgestellte Gedicht, geschrieben um 1975, verweist schon im poetischen Titel auf einen berühmten Zivilisationsflüchtling, der sein Glück auf einer Südseeinsel suchte: Paul Gauguin. Weg aus der Flitterwelt des Kommerzes und dem grauen Elend der Spiessbürger, ins Offene hinaus!, so lautet die Botschaft. Ein Kollektiv von Rebellen – oder sind es nicht eher kleine Ausreißer? – fährt, „aus paris vertrieben“, nach Marseille, wo auch nicht viel los ist, und flüchtet schließlich in einer utopischen Bewegung schwimmend „über das meer“, um nie mehr zurückzukommen. Die radikalen Bilder am Ende jeder der drei Strophen („wo das meer / in die Züge kam“) lassen an Rimbaud denken, obwohl Jörg Burkhard schon früh einen durchaus eigenen Ton gefunden hat. Dieser Dichter hat sich nie für den Literaturbetrieb interessiert und sich beständig jeder Art von „Professionalisierung“ entzogen, um den Preis des Unbekanntseins. 1984 – in diesem Jahr musste er seinen Politischen Buchladen in der Heidelberger Altstadt schließen – ist ihm sogar die Flucht aus der noch immer romantisch geprägten Alltagsliteratur gelungen. Jedenfalls hat er dem subjektiven Denken und der „Seelensprache der Lyrik“ den Rücken zugekehrt und so einen wesentlichen Teil von sich selbst konsequent zum Verschwinden gebracht, was bedauerlich ist. Er bastelt seither an einer gigantischen Collage des Mediengeschwätzes. Er begann mit Kassettenrekordern und Geräuschen zu experimentieren, schneidet, hackt und montiert den Sprachmüll, der täglich aus zahllosen Fernseh- und Radiokanälen und den Druckmedien quillt, zu einem „elektroakustischen Gesamtkunstwerk“ zusammen. Jörg Burkhard wurde 1943 in Dresden geboren und ist in Heidelberg aufgewachsen, wo er noch immer lebt. Das vorgestellte Gedicht entstammt dem Band in gauguins alten baskettballschuhen. gedichte und fotos, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1979
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