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Ann Cotten
Rosa Meinung

In des Landgerichtes Fotze
geh ich als ein blasser Traum,
Frau ist alles, was ich kotze,
lauter Wahrheit dieser Raum.

Dass man mir mein Schwärmen nähme
denk ich, aber glaub es kaum:
Dieser Prunk im schmalen Schoße
ist der Trödelväter Schaum.

Wenn ich nur die Arme breite,
ächzt er wie ein Eichenbaum,
kracht in brüchig tausend Scheite,
schäumt, dass ich, Blitz, ihn ableite.

Brenn zu Asche, mich zu wärmen!
(Denn ich will von Deutschland lernen.)


  Der gelbe Akrobat – Neue Folge 23

Michael Braun
Von Deutschland lernen?



Dieser Text provoziert zunächst durch seine Drastik. Die rohe Benennung des weiblichen Ge­schlechts­organs gleich in der ersten Zeile scheint eine porno­grafi­sche Pointe vor­zu­bereiten. Die An­rufung des Geschlechts wird aber appli­ziert auf eine Insti­tution des Rechts. Bei dieser kalku­lierten Irri­tation bleibt es nicht. Ro­man­tik und Vul­garität, lyrische Feier­lich­keit und harte Zote stoßen in der ersten Stro­phe mehr­fach zusammen. Auf die paradox erschei­nen­de Kombi­nation der „Fotze“ mit dem „Land­gericht“ folgt zunächst ein fast begü­tigend-melancho­lischer Vers, in dem sich das Ich wie in den Gedichten Else Lasker-Schülers oder Emmy Ball-Hen­nings als „ein blasser Traum“ imaginiert. Darauf lässt Ann Cotten aber sofort wieder eine kämpfe­rische und radikal exhi­bitionis­tische Zeile folgen, die einen un­ortho­doxen Femi­nis­mus lanciert: „Frau ist alles, was ich kotze.“ Bereits der Titel des Ge­dichts formu­liert ja eine iro­nische Liebes­erklä­rung, eine „rosa Meinung“, wenn man hier die mittel­alter­liche Bedeu­tung des Verbs „meinen“ im Sinne von „lieben“ gel­tend machen will.
  Diese schroffen Tonwechsel passen zu einer Autorin, die nichts so sehr liebt wie die ästhe­ti­sche Attacke, den Über­ra­schungs­angriff auf die lite­rarische Kon­ven­tion.
  „Sprache und Überfall“, hat die Ann Cotten ein Kapitel aus dem kol­lektiv ver­fass­ten Poetik-Buch „Helm aus Phlox“ (2011) über­schrieben. In dieser Reflexion auf das Ver­häl­tnis von Sprache und Gewalt ist auch ein Konzept ästhe­tischer Unbe­rechen­bar­keit ein­ge­schrieben, das bewusst die Außer­kraft­setzung der kon­ven­tionellen Sprac­hor­dnun­gen anstrebt. Cotten ver­folgt einen sprach­mate­rialis­tischen Ansatz, der im Zweifels­fall die auf Kohärenz gebaute, irri­tations­frei dahin­fließende Sprache dere­guliert oder gleich blo­ckiert: „Ein gutes Buch blo­ckiert also den Lite­ratur­betrieb.“ Was für die lite­rarische Praxis be­deutet: Die tra­dierten Sprech­weisen und meta­phori­schen Reper­toires der Dicht­kunst sollen in ästhetisch wider­borstigen, in anti­gramma­tischen und traves­tie­renden Ver­fahren auf ihre Halt­bar­keit geprüft werden.
  Das Gedicht „Rosa Meinung“ entstand nach einem Besuch der Autorin im Jugend­stil-Bau des Land­gerich­tes Berlin, dessen Ei­ngangs­halle durch zwei im Aufbau iden­tische Treppen beherrscht wird. Die Treppen mit ihren üppigen Orna­menten, auf­fäl­ligen flo­ralen Mustern und schmiede­eiser­nen Gelän­dern scheinen sich wie Wasser­fälle in die Halle zu ergießen. Eine Foto­grafie von Alexander Paul Englert zeigt Ann Cotten, wie sie sich lässig in diesem Jugend­stil-Prunk bewegt, ohne vom archi­tekto­nischen Pathos über­wältigt zu werden. Das Gedicht frei­lich setzt ein mit einem ag­gres­siven Gestus und ver­knüpft dann die romantische Volks­lied­strophe mit einem Voka­bular der ob­szönen Drastik. Zunächst erlebt sich das Subjekt als Wanderer in den Intim­zonen der deutschen Justiz. Je weiter das Gedicht fort­schrei­tet, desto empha­tischer schreibt sich das Ich ein in die Topoi und Töne der Romantik. Die Re­mini­szenz an den „Eichen­baum“ zitiert ironisch ein Gedicht Hein­rich Heines und dessen wehmütigen Rück­blick auf sein verlorenes Vater­land: „Ich hatte einst ein schönes Vaterland. / Der Eichenbaum / Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.“ Nun hat sich Ann Cotten, die 1982 in Iowa geborene und in Wien auf­ge­wachsene Dichterin, an ihre Wahlheimat Deutsch­land und deren romantische Tra­ditions­bestände heran­geschrieben. Der „brüchig“ gewordene Ei­chen­baum verbrennt indes in ihrer provokativen Poesie zu Asche, so dass auch die Confes­sio der Schluss­strophe ambi­valent bleibt. Nach den poetischen Volten, die das Gedicht schlägt, klingt das Be­kennt­nis, von Deutsch­land „lernen“ zu wollen, wie ein Hohn. *

Ann Cotten, geboren 1982 in Ames/Iowa (USA), lebt in Berlin. 2006 promo­vierte sie mit einer Arbeit über „die Listen der konkreten Poesie“. 2010 erschien ihr Band „Florida-Räume“ (Suhr­kamp Verlag). Das Gedicht „Rosa Meinung“ ist dem Foto-Band „Momen­tum – Dichter in Szenen“ (Wienand Verlag) von Alexander Paul Englert entnommen, den Jutta Kaußen mit einem kundi­gen Nachwort versehen hat.




Zarathustrischer Kniestil
* Kommentar von Ann Cotten

Zunächst hat die Interpretation von Michael Braun bei mir feuer­züngelnde Indignanz hervor­gerufen, erst bei der dritten Lektüre habe ich mich an die durchaus sanften und subtilen Töne heran­gehört, die die Inter­pretation aus­sendet, sofern nur die Wasser des akade­mischen Kanals die Barke tragen. „Auf Halt­barkeit geprüft“ – „Kalku­lierte Provo­kation“ – Es sind Phrasen, die mich beim ersten Lesen vor Wut schnauben lassen, aber mit dem selben Wohl­wollen gelesen, den ich von einer Lektüre will, können sie auch duften: der Verfasser meint etwas damit. Er will nicht bloß genügen. Das darf ich nie vergessen. Das meine ich mit von Deutschland lernen: wie man gewisse Herb­heiten in eine ruhige Ecke bringt, um ihren süßen Duft wahr­zunehmen. Kann sein, dass ich dafür Japan brauche.

Die eine Referenz, die eigentlich ins Auge knallen müsste, hat der Inter­pret gewiss ver­schwiegen, um seine Leser nicht mit redun­danten Hinweisen vor den Kopf zu stoßen, es sei dennoch hier, aus Lieb­haberei, erwähnt, Nietzsches „Ecce Homo“ steht natürlich mit riesen­großem Schatten hinter diesem Gedicht. Nämlich nicht nur durch richtig­gehende Satz­schab­lonen, sondern massiv auch durch das Metrum, die weib­lichen Vierheber: „Licht wird alles, was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse, Flamme bin ich sicher­lich!“ Hier spricht das Ich schlecht­hin. Wenn man das Gedicht feminis­tisch lesen möchte (ist der Feminismus nicht notwendig unortho­dox, wenn er nicht belämmert sein will? // Ach, gilt das nicht für das Leben generell?) könnte man meinen, ich lasse das Ich schlechthin diesmal in nicht­phalli­schen Bildern sprechen, wobei das für mich bloß bedeutet, ein über­treibendes Phallus­erkenn­programm in der Hierarchie herabzustufen. Denn ein Blitz in einer hohlen Welt, ist das nun Klitoris oder Schwanz? Man weiß es nicht. Im Gericht steckt das Ich natürlich sprach­lich immer drin, bildlich gesehen mag es nahe­liegen, den Schwanz mehr mit dem Knüppel, das Gericht mit der Vagina zu identi­fi­zieren, jedoch würde ich mich ent­schieden weigern, mich mit dem Gericht zu iden­ti­fi­zieren, bin im Gericht un­gerecht bis zum Verbrechen und jedenfalls unbefugt, also, wenn man so will, gehe ich darin als ungerecht, will­kürlich flam­mender Kitzler. Bleibt noch auf die beiden in der Archi­tektur integrierten Öfen hinzu­weisen, die vermut­lich zur Behei­zung dieser rie­sigen Halle vor­gesehen sind, obwohl ich nicht wüsste, ob sie jemals in Betrieb genommen worden sind.

Wichtig erscheint mir auf den Ernst des Schlusses zu pochen, der nicht als Hohn gemeint ist. Wenn man mir das sagt, dass es wie Hohn erscheint, kann ich es nur als Vorwurf lesen: dass ich mich so aufgeführt habe, dass man mir meine auf­rich­tigen Regungen nicht mehr abnimmt. Die letzten zwei Zeilen drücken aber von meiner Seite ein zärt­liches, wenn auch brutales, jedenfalls ernst­gemeintes Verhältnis zu den älteren Genera­tionen, ihren Gerichten, ihrem Logos, ihren Öfen und Symbolen aus.

Ann Cotten


Band 1
 
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Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen      08.11.2012



 

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Michael Buselmeier

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