poetenladen    poet    verlag

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Florian Voß

IN FLOP-FLOPS NACH ARMAGEDDON

1. (Phantomfliegerschmerzen)

Mors die Neuigkeiten! Fatales
Fatum zeig ich euch geschichts-
vergrindeten Weltwesen – Bürger hört:

Phantomfliegerschmerzen – am Morgen
brummt der Schadeschädel abendrot
Und mir traumbombte gestern Nacht
sich der Weg in den Tiefgaragenschutt frei
„Suchen sie den Schmutzraum auf“
Ich hab' Betonverschalung im Genick
und es nickt mit schwarzem Eisenbauch
die Bombenfratz überm Erdgetümmel
(Ich sah das durch den Bunkerschlitz)
Alle Einkaufstaschen platzen, platschen
wenn die Bettelleute in den Shelter eilen
Zukunftsgesichte ziehen durch die Augenwand

Der Heliumwind der Sonne brach sich
am Nachmittag – Äther, Äther, Sphärenschichten
und jetzt Mugge: da rasselt Gott die Schellen
und die Trompetten schallen eine Wolfsquinte
Es leuchtete der Norden – O, gute Gammastrahlung
Mücken, Fliegen, Kleingetier – Summsumm
ihr Meister pulte sich den Dreck vom Ziegenstiefel
Meine Augen sahen scharf das ultrahelle Violett
des Himmelsknasters, eingeknastet in dem All
Und es wollt' Abend werden an der Skalitzer

Um acht ging ich ins Prinzenbad:
atomarer Prinz in Schwimmkerl-Badehosen
Durch die Apokalypse glitt ich körperbetont
die X-Ray-Spex auf dem Nasenrücken
Am Tor der Nichtschwimmer-Hölle flatterte
ein Spruchband in Fraktur: Hier Eintopf, Kinder!
Am Kiosk nebenan: Wienerwurst mit Brot und Senf
Schütt Bier in den Schutt, Marke „Heldenplatz“

Die Vergangenheits-Markierungen
der wurmstichigen Gründerzeitbauten
links und rechts der Prinzenallee-Station
flammten auf im Napalm-Feuer, Freundgefeuer
Das sah ich, ganz betört vom Chlor
und die Funkenmädchen schrien im Chor
„Lass die Welt, die Wurst doch endlich grillen“
Aber an den Obstständen vorm Kotti (schau an)
noch lebendige Tote mit jodgefüllten Lebern
Stehen Leichen labbrig ledern im lauen Wind
Im Wiegeschritt taumeln wir den Apokalypso mit

Den ganzen Tag Prophezeiungen
quergelesen in den Porno-Magazinen
dann Radio: auch hier kein Weltgericht
Kunde vom Muspili: Fehlanzeige
Auch nichts von den Himmelszeichen
Alles passiv in dem dröhngewaltigen Weltgeschiebe
Heut Nacht platzt ganz bestimmt die Sonne dann
und acht Minuten später verpatzt sie meinen Traum
Bumm, sag ich vollständig durchleuchtet
Dass ich nicht lache, leichenhaft: Bombenbumm
Dass ich nicht leuchte, lachhaft: stumm – O, Radium



12. (Erstes Zwischenspiel in der Hölle)

Dann nahm mich Dante an die Hand
und grinste wie ein alterslahmer Wolf
(Rotkäppchen, süßes Schnäppchen
Kaufhausköter ist dir auf den Blutschwammfersen
es tappt der Kaufhausdetektiv ins Fettnäpfchen
das ist gefüllt mit Fieberzäpfchen)
Er rasselte mit seinen Schlüsseln
und führte mich hinab zum Tor der Hölle
da steckten rote Lichterketten dran
(O, Tannenbaum, du hast mich einst
im Wald erstochen mit deinen Nadeln
aus rostfreiem Offiziersstahl)
Und alles blinkte, orgelte und schrie
aus hochhaushohen Kenwood-Boxen
„Nur einen Euro in den Schlitz“, rief es
„und der Erlebnispark steht offen“
Am Torpfosten hing ein Stahlstich von Doré
darauf wies Dante mit dem dürren Finger
auf ein Porträt von Josef Stalin
Darunter stand in feinen Lettern:
„Lasst alle Hoffnung fahren
denn dies ist ein Schlaraffenland
in dem gebratene Genossen
den Schweinen in die Mäuler fliegen“
Dann drehte Dante leicht den Türknauf
und das Tor schwang quietschend auf
„Eiskonfekt“, rief eine Dame lächelnd
die durch den Bogen schritt und uns
die reifbedeckte Packung reichte
Ich nahm sie, bot sie Dante an
der fingerte mit kalten Fingern
schob sich eins in das Maul und kaute
sprach, die Augen halb verdreht: „Perfekt“
Wir schleckten uns genüsslich
die süß verklebten Fingerkuppen
und liefen nun der Nase nach
hinein in diese weite Hölle

Ganz schläfrig wurde ich
auf dem Weg durchs Grün des Gartens
dieser Unterwelt, und Dante
nahm mich wieder an die Hand
wie eine mottengraue Mutter
Schon zeigten alle Blumen
ihre Köpfe und sie keiften:
Hitler war ein Gänseblümchen
Lenin ein Vergissmeinnicht
Mao Rainfarn und Pol Pot
eine buttergelbe Butterblume
(im Dschungel tanzt sein Leichnam
und schlürft Sud von Blutgewächsen
er schwingt sich an Lianen, die lahmen
Affen unter ihm sind eingehüllt
in schwarze Kutten, krank und kreuz
ihr Blickgerät im Augenschädel
Es zischt der Pol Pot durch Leichen-
felder, fleddern wird er niemals mehr
das winzig kleinste Stück des gut
gebackenen Renegaten-Fleischs)
Die Blumenfrau hatte zwei Hörner
und einen dicken Schweinefuß
Ich stammelte im Schlaf:
„O, liebe Beatrice, komm zu mir
und kühl mich mit dem Gartenschlauch“
Und alle Blumen schrien:
„Dein Hirn ist nur ein Buch
wir werden es herunterziehen
in den siebten Kreis der Hölle“
Ich sagte müd: „Ihr seid doch längst
in meinen grauen Zellen
lang schon kenn ich euch
mein Hirn ist euer Humus“
Da lachten alle Blümelein
und ein dunkler Knabe kam gesprungen
und zupfte sie aus fetter Erde
Ich schlief noch nicht und wachte auf
und sah an meiner Zimmerwand
das Fresko von Giotto
darauf die Adlernase Dantes
(In meinen Nasenflügeln Blut
das schwebte als Gesicht an meinem
dummgeschlafenen Gesicht vorbei)

Aus: In Flip-Flops nach Arma­geddon. Verlagshaus J. Frank (Herbst 2013)

Florian Voß   2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Florian Voß
Lyrik