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Enno Stahl
Diese Seelen
Auszug aus dem Roman „Diese Seelen“ (Verbrecher Verlag)

Part III: Jürgen oder Die Köln-Rolle

I  1987


Wamm! Der hat gesessen!“
„Nee, da oben! Da is'n Nest!“
„Was? Wo jetzt?“ Jürgen rüttelte nervös am Lenkknauf, schoss, schielte dabei auf die verkleinerte Gesamtansicht des Spielfelds.
„Ej, da! Direkt vor dir! ... Vor dir! …Jetzt is' zu spät... Nimm die Bombe...!“
„Die Bombe, ej!!“
Jürgen führte das Spaceship ganz an den linken Rand zurück, flog einen Bogen und betätigte die Laser-Kanone. Die nächste Welle krakenfüßiger Aliens kriegte die volle Ladung, löste sich auf, zerplatzte. Der Nach­schub ließ aber nicht lange auf sich warten, Jürgen tauchte zwischen den Neuankömm­lingen durch, sauste über die zerklüftete Vulkan­landschaft, wieder wurde es eng, er zog die Notbremse, Hyperspace-Button, die Screen schien zu explodieren, um sich dann von Neuem auf zu bauen, sein Schiff war in Sicherheit, kurvte um die nächsten Feinde herum, knallte anderen den Laser vor den Latz, da waren sie, die Humanoiden, die er retten musste, Jürgen ging runter, nahm sie auf und dann nichts wie weg.
Der Counter addierte den Bonus auf. Nächstes Level. Willi und Floppi klopften Jürgen auf den Rücken: „Cool. Super! Super-geil.“ Nur Jens brummelte: „Defender ist uralt. Das haben die doch zu Hause!“
„Scheiße zu Hause! Wir haben die Atari-Version. Die hier is' anders.“
Es ging weiter, immer mehr Aliens, immer mehr Tempo. Jürgen kämpfte wie ein Berserker.
Dann von hinten: „Jungs, jetzt ist Schluss! Das ist kein Spielsalon, ihr belagert den Apparat schon seit zwei Stunden.“ Ein Verkäufer, in dunklem Anzug, mit Namensschildchen.
Jürgen warf einen flehenden Blick über die Schulter: „Nur noch das Spiel zuende.“ Aber nein, der Mann riss Jürgen von der Konsole weg: „Auch dieses Spiel nicht mehr! Schluss jetzt!“ Er baute sich neben dem Gerät auf und verfolgte wachsam ihren Abgang.
Maulend schlichen die Jungen aus dem Kaufhaus.
„Mist, das wäre 'n neuer High Score geworden.“
„High Score? Nie im Leben!“ höhnte Jens.
„Du willst 'n paar auf die Fresse, wie?“
Jens grinste angriffslustig: „Au ja!“ Jürgen ging nicht darauf ein. Er wusste, dass Jens seit seinem fünften Lebensjahr im Judo-Verein war. Der konnte es sich erlauben, die Klappe aufzureißen. Die Fußgängerzone war voller Leute. Eine Sirene jaulte von fern. Floppi rempelte Jürgen an. Der rempelte zurück.
Auf einmal rief Jens: „Ach, du Scheiße!“
„Was?“
„Guck' mal auf die Uhr! Schon sieben. Wir müssen nach Hause. Sofort!“
„Oijoijoi! Das gibt Kloppe!“
Sie kamen auf die Füße, rannten los, zur Straßenbahn.

Jürgen klingelte. Seine Mutter öffnete die Tür und knallte ihm direkt eine: „Weißt du, wie spät es ist? - Viertel vor Acht! Wo bist du gewesen, verdammt? Wir hatten gesagt: spätestens halb sieben!“
„Wir waren in der Stadt. Es kam ewig keine Bahn“, schniefte er, spürte, wie die Tränen kamen, obwohl er es verhindern, ihr nicht auch noch diese Genugtuung geben wollte: „Mindestens `ne Stunde oder so. Die Bahn war kaputt. Das haben die ja durchgesagt.“
„Wann soll das denn gewesen sein?“
„Na, um sechs“, er äugte vorsichtig zu ihr hoch. Mit gutem Grund, denn jetzt klatschte die nächste Ohrfeige in sein Gesicht.
„So ein unver­schämtes Blag! Ich bin um dieselbe Zeit mit der Bahn gefahren! Alles war normal! Du lügst mir geradewegs ins Gesicht. Mal sehen, was dein Vater dazu sagt.“
„Ist nich' mein Vater“, schnaubte er. Sie überhörte das und zerrte ihn ins Wohnzimmer, wo seine doofe Schwester Michaela und sein Stiefvater Walter bereits am Esstisch saßen. Der hörte sich alles an und entschied, dass Jürgen ohne Abendbrot ins Bett gehen müsse. Jürgen weinte, jetzt vor Wut, am liebsten hätte er die dicke, orange Vase runtergeschmissen, die seine Mutter so schön fand, ließ es aber sein, die Strafe wäre nur noch schlimmer ausgefallen.
Mit knurrendem Magen lag er im Dunkel und starrte erbittert zur Decke, über die Scheinwerfer wie Laserstrahlen sägten, Laserstrahlen, die alles gnadenlos verbrannten, was ihnen im Wege stand.

***

Wenigstens war das Wetter gut, als Jürgen erwachte. Schmollend linste er übers Nutellabrot zu seiner Mutter rüber, die aber nichts bemerkte oder so tat als ob. Es klingelte an der Tür, Floppi, der ihn zur Schule abholte.
„Los, beeil dich, hopphopp!“ seine Mutter steckte ihm sein Schulbrot in den Ranzen.
Jürgen und Floppi klatschten sich in die Hände.
„Und? Ärger?“
„Mhm. Musste ohne Abendbrot ins Bett. Scheiße.“
„Immerhin keine Schläge“, Floppi runzelte die Stirn und rieb sich den Hintern.
Doch jetzt, wo der Himmel blau war und die Sonne schien, vergaßen sie, was hinter ihnen lag. Hüpften in die Kästchen eines Himmel-und-Hölle-Spiels, das jemand mit Kreide auf den Bürger­steig gemalt hatte, auch wenn das eher was für Mädchen war.
Vor der Trinkhalle drückten sie sich die Nasen an der Scheibe platt, stierten auf die Süßigkeiten dahinter. Einer der Taxifahrer, deren Halteplatz neben dem Kiosk lag, kaufte sich einen Kaffee. Er schaute den beiden belustigt zu, wie sie vor den Auslagen herum strichen: „Seid froh, dat ihr kein Jeld happt, da falle eusch nur de Zäng' eruss.“
Sie lugten hoch zu dem dicken Mann, sein Gesicht war sehr rot, besonders die Nase, aber er lachte freund­lich unter seinem Schnurr­bart und nippte an seinem Becher. Der italienische Kioskbesitzer widersprach: „Ferdi, du red`se immer so' Scheiße... Die Junge sintte gutte Junge.“ Und er griff in die Lakritzbox und reichte ihnen ein paar Salinos.
„Danke!“ riefen die beiden im Chor. Zufrieden kauend schoben sie ab. Der Taxifahrer gluckste und musste wieder seinen Senf dazu geben: „Aber nit, dat ihr morje wieder kummt!“
Sie überquerten die Kreuzung und sahen vorne bereits das Backstein­gebäude der Katholi­schen Grundschule. Weiter hinten war der alte Bahndamm, dorthin würde Jürgen jetzt viel lieber gehen, das war mal sicher. Deutlich hatte er den staubigen Weg vor Augen, dazu die rostigen Schienen, wo massen­weise Brom­heeren wuchsen. Hier spielten sie mit Pfeil und Bogen, übten Messer­werfen, durch­streiften das Dickicht auf der Suche nach verspreng­ten Kriegern der feindlichen Chiwawas, die sie – wenn sie welche er­wischten – unter fürchterlichem Geheul mit ihren Stockmacheten in Stücke hauen würden.
Hier verbarg sich ihre Bude, die sie selbst aus Brettern zusammen gehämmert hatten. Dort konnten sie in Ruhe rauchen oder zocken, Mau-Mau, siebzehn und vier, Offiziersskat, entweder um Geld, wenn sie welches hatten, oder um Pfänder. Als Pfand galten alle Formen der Bestrafung. Der Verlierer musste zum Beispiel Daumen, Zeige- und Mittelfinger als Krönchen vorstrecken, und die anderen gaben ihm mit dem Kartenstapel Saures. Oder er musste den Hintern präsentieren und wurde mit Weiden­ruten ausge­peitscht, so fest und so lange sie Spaß daran hatten.
Jürgen hatten sie einmal an einen Baum gefesselt und dort gelassen, waren einfach verschwunden zum Abendessen. Nur Floppi hatte ein schlechtes Gewissen bekommen und war zurück­gekehrt, um ihn los zu binden. Das hatte Jürgen ihm nicht vergessen.
Die anderen hatte er sich einzeln vorgeknöpft. Niemand hatte seitdem gewagt, so etwas mit ihm zu machen. Er ließ sich nichts gefallen. So wie sein Vater es ihm eingeschärft hatte, nicht der jetzige Mann seiner Mutter, sondern sein richtiger Vater: „Lass dir nichts gefallen. Wenn einer dir was will, dann schlag' du zuerst.“
Floppi seufzte: „Wir sind zu spät. Sie sind schon drin.“ Es stimmte, der Schulhof lag still und verlassen. Jürgen schwieg und zog eine gleichgültige Miene. Der Lehrer würde einen Eintrag im Klassenbuch machen, so schlimm war das nicht.
Später regnete es, missmutig hatte Jürgen während der letzten beiden Schul­stunden zugesehen, wie sich draußen alles zuzog. Nach dem Mittagessen (es gab Reibekuchen, wenigstens etwas) verlangte seine Mutter, dass er alle seine Hausaufgaben erledigte, bevor er irgendetwas anderes machte. Den Sinn von Mathe, Deutsch und Erdkunde hatte er allerdings bis jetzt nicht begriffen. Wahrscheinlich nur eine Erfindung der Erwachsenen, um einen vom Spielen abzuhalten.
„Ich werde Profifußballer, wozu muss ich da rechnen können?“ sagte er immer, seine Mutter erwiderte dann, dass auch Fußballspieler bei ihren Finanzen durchblicken müssten: „Die Welt ist darauf aus, dich zu betrügen. Da musst du aufpassen wie ein Luchs.“
Das konnte er aber auch so. Ihn betrog keiner so leicht. Warum wäre er sonst wohl beim Pokern der King? Neulich auf dem Spielplatz hatte er 150 Mark gewonnen, die anderen waren alle älter als er, ein zwölf-, zwei fünfzehn-jährige waren darunter - nur Floppi war acht wie er. Natürlich hatten die Älteren versucht, ihn abzuziehen, aber nichts da: „Fullhouse ist Fullhouse. Das Geld gehört mir!“ hatte Jürgen geschrieen und den ganzen Pott eingesackt.
Die zwanzig Mark, die er Walter als Startkapital aus dem Portemonnaie geklaut hatte, steckte er unbe­merkt zurück, den Rest vergrub er erstmal. Für alle Fälle. Musste ja nicht jeder wissen, dass er soviel Geld hatte.
Rechnen hin oder her, Jürgen machte keiner was vor, auch wenn er noch klein, ein kleiner Junge war. Vor allem aber würde er nicht ewig ein Junge bleiben und dann würde er selbst entscheiden, was er täte oder ließe. Nicht seine Mutter, die ihn am Tisch fest hielt, bis er auch die letzte Aufgabe gelöst hatte. Und schon gar nicht Walter.
Verdrossen knabberte er an seinem Stift und bekritzelte ein Blatt Papier mit dämlichen Rechenaufgaben, Malnehmen und Teilen. Seine Mutter korrigierte mit einem dicken Rotstift. Erst wenn alles stimmte, durfte er es ins Reine schreiben, wodurch es noch länger dauerte. Er sollte einen guten Eindruck machen. Seine Mutter wollte unbedingt, dass er aufs Gymnasium ging.
Doch er und seine Freunde wollten da gar nicht hin. „Aufs Gymnasium gehen nur Arschlöcher“, sagte Willis Vater immer, und der musste es wissen, denn der war ein paar Jahre auf der höheren Schule gewesen, bis er vorzeitig abging, eine Lehre machte. Jetzt leitete er ein Autohaus: „Verschwendete Zeit, sag ich euch. Was man dort lernt, nützt einem nichts im Leben. Aus den meisten Gymnasialen, die in meiner Klasse waren, ist gar nichts geworden! Die krabbeln in der Verwaltung rum für mickrige Beamtengehälter, Lehrer, Bankangestellte, nichts Besonderes. Wer sein Herz auf dem rechten Fleck hat, der braucht kein Gymnasium, um sich durch zu schlagen.“

Aus: Diese Seelen. Roman. Verbrecher Verlag 2008

Enno Stahl   20.12.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Enno Stahl
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